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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.08.2014

FotografieGrüne Uniformen und silberne Säbel

Peter Walther: "Der Erste Weltkrieg in Farbe"

Von Eva Hepper

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Eine zeitgenössisch kolorierte Fotografie zeigt eine deutsche Maschinengewehr-Kompanie. (dpa / picture alliance / Archiv Neumann)
Eine zeitgenössisch kolorierte Fotografie zeigt eine deutsche Maschinengewehr-Kompanie. (dpa / picture alliance / Archiv Neumann)

Erstmals werden in einem Band Farbfotos aus dem Ersten Weltkrieg gezeigt – von der Mobilmachung bis zu den Siegesfeiern in Paris, London und New York. Zusammengetragen aus Archiven, illustrieren über 350 Fotos die Schrecken des Krieges.

Die Fotografie entstand 1915 inmitten des Ersten Weltkriegs im französischen Hinterland. Sie zeigt ein knappes Dutzend Soldaten während einer Gefechtspause an einem Gewässer. Säbel und Gewehre lehnen an Baumstämmen, derweil die Männer am Ufer hocken und sich erfrischen. Ihre blauen Hemden und roten Hosen leuchten in der Sonne und heben sich deutlich vom Grün der Landschaft ab.

Blau, rot, grün? Nicht die Szenerie als solche ist das Spektakuläre an dieser Fotografie. Es existieren Millionen Bilder aus allen Blickwinkeln von der "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts. Allerdings in Schwarz-Weiß, Farbaufnahmen sind selten. Sie wurden bisher kaum publiziert, allenfalls sporadisch in Ausstellungen gezeigt. Nun legt der Taschen Verlag einen mächtigen Bildband vor, für den der Germanist und Kurator Peter Walther über 300 Farbfotografien - so genannte Autochrome aus Archiven weltweit - zum Ersten Weltkrieg versammelt.

Weder Laien- noch Schnappschuss-Autochrome

Erst 1904 war das Autochrom-Verfahren von den Brüdern Lumière zum Patent angemeldet worden. Durch den Auftrag winziger farbiger Stärkepartikel ermöglichte es - anders als die bis dahin übliche Dreifarbenfotografie - mit nur einer Platte zu arbeiten. Aufwändig war allerdings auch dieses Verfahren, das schweres Material und bis zu sechs Sekunden Belichtungszeit erforderte.

So existieren weder Laien- noch Schnappschuss-Autochrome aus dem Ersten Weltkrieg. Sämtliche Bilder wurden durchweg von professionellen Fotografen im Dienste der jeweiligen Kriegsparteien aufgenommen und regelrecht komponiert bzw. inszeniert. Peter Walther weist in seiner Einleitung insbesondere auf die Propaganda-Funktion der Bilder (von der Moralstärkung der eigenen Truppe bis zur Diffamierung des Feindes) und die Institutionalisierung der Fotoarbeit innerhalb der militärischen Strukturen hin.

Ohne Kriegshandlungen und explizites Grauen

Was die Aufnahmen zeigen ist dennoch einmalig. Unterteilt in chronologisch sortierte Kapitel passieren Revue: Regimenter und Truppen, Schützengräben und Granattrichter, Lazarette, zerstörte Städte, Ruinen, abgeschossene Flugzeuge, Flüchtlinge, Verletzte, Zivilbevölkerung, verwüstete Landschaften. Explizites Grauen vermitteln die Bilder nicht. Kriegshandlungen kommen nicht vor, dafür werden deren Folgen deutlich.

Wirken die Autochrome, von denen insgesamt, so vermutet Peter Walther etwa 4.500 mit Motiven des Ersten Weltkriegs existieren, nun anders als die bekannten Schwarz-Weiß-Fotografien? In jedem Fall. Die Bilder irritieren, weil sie aus der Zeit gefallen scheinen und bekannte Sehgewohnheiten unterlaufen. Durch ihre Grobkörnigkeit ist vielen Aufnahmen zudem etwas geradezu Malerisches eigen. Den badenden Soldaten genauso wie den Flüchtlingen mit Leiterwagen oder sogar den Ruinenansichten der Kathedrale von Reims.

Näher an die Gegenwart allerdings, wie der Autor in der Einleitung meint, rückt der Erste Weltkrieg in Farbe nicht. Doch bieten die Autochrome eine erweiterte und erweiternde Sicht auf die Ereignisse. Gut, dass sie endlich - zumindest in Teilen - publiziert sind.

Peter Walther: Der Erste Weltkrieg in Farbe
Taschen Verlag, Köln 2014 
383 Seiten, 39,99 Euro

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