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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.11.2013

FotografieDer Maler in der Dunkelkammer

Das Münchner Fotomuseum zeigt den Nachlass von Hermann Landshoff

Von Barbara Knopf

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Fotoentwicklung in einer Dunkelkammer  (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
Der Fotograf als Tüftler und Künstler: Morgens um acht Uhr ging Hermann Landshoff in seine Dunkelkammer, erzählt sein Cousin. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)

1986 ist der Fotograf Herbert Landshoff in New York gestorben. In München ist dieser große Unbekannte des 20. Jahrhunderts jetzt zu entdecken: Die Heimkehr seines Werkes ist eine Sensation.

Andreas Landshoff: "Er hat von sich selber seine ganzen Negative vernichtet. Was jetzt in München liegt, das sind 3600 Fotos  seine sehr kritische Wahl von was er seine besten Fotos fand."

Was der radikalen Selbstkritik des Hermann Landshoff standhielt, von der sein Cousin Andreas Landshoff erzählt, kann eindrucksvoll in dieser Ausstellung nachvollzogen werden: Max Ernst im New Yorker Domizil von Peggy Guggenheim, der Surrealist neben einer riesigen Skulptur, die plötzlich wie die Potenzierung eines sicher ohnehin nicht kleinen Künstler-Egos erscheint. Ein Schelm, der dieses Foto inszenierte. Oder der amerikanische Fotograf Weegee, darauf spezialisiert, auf nächtlicher Pirsch Unfälle und Gewaltverbrechen festzuhalten: fotografiert vor einer Kinoleuchtschrift, mit Fluppe im Mundwinkel, wie Al Capone.

Nur eine Fotografie aus einem staunenswerten Zyklus von insgesamt 72 Porträts großer Fotografenkollegen, Walker Evans zum Beispiel, Ansel Adams oder Berenice Abott. Auch Albert Einstein hat der Fotograf Hermann Landshoff porträtiert, in den 50er-Jahren in Princeton: der Nobelpreisträger in Hosenträgern und mit hängenden Armen vor seinem Bücherregal, einfacher kann man nicht stehen. Kein Popfoto mit herausgestreckter Zunge, sondern: die große Demut eines großen Geistes.

"Also diese Fotografien sind in der Regel auf der Rückseite mit einem Stempel versehen, wo er also noch mal auf sein Copyright hingewiesen hat. Dann die Besonderheit: Hat er mit seinem Daumenabdruck noch mal dieses Foto zertifiziert auf der Rückseite, das ist sozusagen seine Signatur."

Ulrich Pohlmann, Leiter der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum hat diesen Nachlass, der jahrzehntelang in einem amerikanischen Museum im Dunkeln lag, als Schenkung erhalten, vom 83-jährigen Andreas Landshoff, Verleger wie einst sein Vater Fritz Landshoff, der den Querido-Exilverlag in Amsterdam leitete.

Ein auf 3600 Originalabzüge reduziertes Lebenswerk ‒ man muss sich diesen Hermann Landshoff als einen Maler in der Dunkelkammer vorstellen.

Andreas Landshoff: "Morgens um 8 ging er, im Keller hatte er sozusagen seine Dunkelkammer, im Fahrstuhl ging er in
den Keller, und eigentlich war er den ganzen Tag in der Dunkelkammer. Und er war ein unglaublicher Techniker auch. Kodak hat kein Abdruckpapier gemacht, ohne dass Landshoff vorbeikam, um sozusagen seine Meinung abzugeben."

Tüftler und Künstler. Als Fotograf ein Autodidakt. Ein universell interessierter, etwas verschrobener Geist, der aus einer künstlerisch weit verzweigten Familie stammt, die Schauspieler, Verleger, Musiker, Literaten, Wissenschaftler hervorgebracht hat. 1905 wird Hermann Landshoff hineingeboren in ein jüdisches, bildungsbürgerliches Elternhaus in München.

Ulrich Pohlmann: "Die Familie Landshoff war im Münchner Kulturleben allerbestens vernetzt. Also das Haus in der Prinz-Ludwigs-Höhe in Solln war der Treffpunkt
der literarischen Gesellschaft Münchens: Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Christian Morgenstern, Franziska von Reventlow, all diese sehr bekannten
Figuren des Münchner Kulturlebens verkehrten dort. Und viele dieser Kontakte hat er dann auch in den ersten Berufsjahren nutzen können."

Ab 1933 der Bruch. Ein Emigrantenschicksal in Paris, auch in der Fremdenlegion, um der Verfolgung zu entkommen, 1941 kommt er nach New York: der jüdische Münchner Bohémien, der in seiner Heimatstadt Karikaturen für die Satirezeitschrift Simplicissimus zeichnete, unter anderem auch von Adolf Hitler, wird hier im Exil zum Revolutionär der Modefotografie, findet eine neue Bildsprache, befreit für junge Magazine wie Junior's Bazaar und Mademoiselle die Models aus ihrer divenhaften Erstarrung und setzt sie förmlich in Bewegung. Auf Fahrrädern oder Rollschuhen rasen sie durchs Bild. Er holt sie aus dem Studio auf die Straße, an den Strand, auf Hochhausdächer. Was heute Standard ist, war damals experimentell:

Andreas Landshoff: "Die spielten zum Teil Tennis, Badeanzüge wurden nicht posiert, nein schwimmend, es gibt Unterwasserfotografie von ihm (lacht) sozusagen von seinen Modellen spielend mit Hunden am Strand, im Zoo mit, was weiß ich, im Kontakt mit Giraffen und Elefanten."

1986 ist der Exilmünchner Herbert Landshoff in New York gestorben. Im Münchner Fotomuseum ist dieser große Unbekannte des 20. Jahrhunderts jetzt zu entdecken. Die Heimkehr seines Werkes ist, und man muss sparsam mit diesem Wort umgehen: eine Sensation. Wir, die Betrachter, werden sogartig hineingezogen, Bild für Bild, in Arbeitsräume, Lebensräume, Seelenräume. Jedes Porträt der diskrete Zutritt in ein intellektuelles Universum.

 

Die Ausstellung Hermann Landshoff. Eine Retrospektive. Photographien 1930-1970 ist bis 21. April im Fotomuseum des Münchner Stadtmuseums zu sehen. Dazu ist im Verlag Schirmer Mosel ein hochwertiger Bildband erschienen (58 Euro).

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