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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2017

Fotograf Rolf Nobel Was dürfen Bilder?

Moderation: Dieter Kassel

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Zahlreiche Fotoreporter mit ihren Kameras stehen in einer Reihe (dpa/Jan Woitas)
Was dürfen Fotografen ins Bild setzen und was nicht? (dpa/Jan Woitas)

Auf der Jagd nach dem starken Bild geraten Fotografen mitunter an moralische und ästhetische Grenzen. Über manipulierte Aufnahmen und den Konkurrenzkampf in der Branche sprechen wir mit dem Fotografieprofessor Rolf Nobel.

Dieter Kassel: Zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll – der ist allerdings erst im Dezember – zu diesem Geburtstag wird schon Ende der Woche in Köln eine Ausstellung eröffnet mit dem Titel "Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie". Und der Name dieser Ausstellung, "Die humane Kamera", ist einem Text entlehnt, den Böll 1964 veröffentlichte, und in diesem Text warnte er damals Fotojournalisten davor, ästhetische und moralische Grenzen nicht zu überschreiten.

Was diese Warnung heute bedeuten könnte, darüber wollen wir mit Rolf Nobel reden. Er ist Professor für Fotografie an der Hochschule Hannover, hat dort viele Jahre lang fotojournalistischen Nachwuchs ausgebildet, und er ist natürlich auch selbst Fotograf. Herr Nobel, schönen guten Morgen!

Rolf Nobel: Schönen guten Morgen!

Kassel: Mir fällt bei diesem Böll-Zitat mit aktuellem Bezug sofort dieses Foto ein, das im September 2015 um die Welt ging, das Foto eines Flüchtlingskinds, eines Flüchtlingsjungen, der tot an der türkischen Küste zu sehen war auf diesem Foto. Wurden damals für Sie moralische und ästhetische Grenzen überschritten?

Nobel: Dieses Bild wurde ja sehr strittig diskutiert. Einige Zeitungen haben es abgelehnt, es zu veröffentlichen, andere haben es veröffentlicht. Meine Position dazu war, ich hätte dieses Bild auch veröffentlicht, weil das Geschehen, dass ein Kind tot am Strand liegt, nachdem es aus einem gesunkenen Flüchtlingsboot gefallen und ertrunken ist, ist natürlich grausam. Aber das Bild an sich selbst war eben kein Gräuelfoto. Es hat niemanden in entstellender Weise gezeigt, es war fast friedlich, wie der tote Junge am Strand lag.

Ich fand in diesem Fall es viel wichtiger, dass man den Menschen über die Zeitung und über die Veröffentlichung dieses Bildes hinaus zeigt, wie diese Flüchtlingskatastrophe konkret aussieht, um darüber Empathie zu erzeugen und vielleicht auch Druck zu entwickeln, dass sich an der Flüchtlingspolitik in Deutschland und in Europa irgendetwas ändert. Also, es war ein Abwägen, und die Darstellung dieses Bildes fand ich jetzt nicht in irgendeiner Weise grausam. Es hat viele grauenvolle Bilder gegeben, auch von Flüchtlingen, von dem Krieg in Syrien, den Kriegen in Libyen, die wirklich brutal waren, wo ich mich auch gegen eine Veröffentlichung gewehrt hätte.

Ein ertrunkenes Kind am Strand von Bodrum (Türkei). Der Junge wurde später als Aylan Kurdi identifiziert. (dpa / Dogan News Agency)Ein ertrunkenes Kind am Strand von Bodrum (Türkei). Der Junge wurde später als Aylan Kurdi identifiziert. (dpa / Dogan News Agency)

Kassel: Aber das finde ich interessant, Herr Nobel, denn ist es nicht die Aufgabe von Journalisten, auch von Fotojournalisten, die Welt so zu zeigen, wie sie ist? Und wenn sie nun mal brutal ist?

Nobel: Aber ich finde, es gibt dort ethische Grenzen, was die Darstellung von Menschen in entwürdigenden Situationen zeigt. Und wenn man Bilder zeigt von Menschen mit zerfetzten Gesichtern, mit durchgeschnittenen Kehlen, dann glaube ich kaum – und da bin ich, glaube ich, einig mit Susan Sontag, die viel darüber geschrieben hat, dass, wenn man den Punkt der Brutalität der Darstellung, wenn man diesen Punkt übersteigt, dann wirkt letztendlich das Bild auch kontraproduktiv. Es provoziert die Leute eigentlich eher zum Weggucken als zum Hingucken.

"Die Form des Bildes muss dem Inhalt folgen"

Ich glaube, es gibt viele Bilder, die nicht so brutal sind, aber die viel eher Empathie, Mitgefühl entstehen lassen, und die die Menschen dazu bringen, nachzudenken über das, was sie in den Bildern gesehen haben. Ich glaube, was bei diesen Gräuelfotos, die wir ja ganz oft "War Porn" nennen, also Pornografie des Krieges, überhaupt nicht passiert. Ich will mal ein Beispiel nennen: Im Jugoslawien-Konflikt hat mich das Foto eines Cellisten, der am Grab seines toten Freundes ein letztes Lied spielt, hat mir eine Gänsehaut erzeugt und hat mich sehr berührt. Manchmal ist es auch nur die Blutspur im Schnee, die in meinem Kopf den Film ablaufen lässt, um mir vorzustellen, was das Geschehen war, das diese Blutspur verursacht hat. Solche Bilder sind oft viel wirksamer, als wenn man Bilder von zerfetzten und entstellten Menschen zeigt.

Kassel: Ich habe vor unserem Gespräch eigentlich daran geglaubt, dass man eine ziemlich deutliche Grenze machen muss zwischen der moralischen Grenze im Fotojournalismus und der ästhetischen. Bei all dem, was Sie jetzt beschrieben haben, von dem Foto dieses Jungen von Bodrum bis zu dem, was Sie zum Schluss gesagt haben, habe ich das Gefühl, das ist aber alles sehr verwandt. Man kann leicht, wenn man die eine Grenze überschreitet, die andere gleich mit überschreiten.

Nobel: Das ist richtig. Es gibt natürlich einen engen Zusammenhang. Und darum bemühen wir uns ja auch, von Form und Inhalt. Es gibt ja diesen Grundsatz im Design, "Form follows function", und in der Fotografie heißt der eigentlich "Form follows content", also die Form, die Ästhetik des Bildes muss dem Inhalt folgen. Der Inhalt ist eigentlich der Ausgangspunkt des Bildes. Aber es gibt natürlich in der Frage der Ethik in der Fotografie auch noch viele andere Fälle, in denen auch extreme Verletzungen von ethischen Grundsätzen stattfinden. Wenn Fotografen, wie ich es jetzt erlebt habe beim G20 zum Beispiel, die Barrikadenbauer anfeuern, die Barrikade höher zu bauen, die Flammen größer zu machen, damit das ein besseres Bild ergibt, dann finde ich das mehr als grenzwertig. Also, dass Journalisten eingreifen, oder dass Journalisten sich hinhocken auf den Boden, um eine brennende Mülltüte zu einer riesigen, brennenden Barrikade hochzustilisieren. Auch daran sieht man, wie wesensverwandt Form und Inhalt sind. Aber es werden ganz falsche Inhalte damit erzeugt.

Kassel: Hatten Sie denn, gerade was diese Dinge angeht – das ist ja interessant, wir denken, glaube ich, alle bei Manipulation sofort an technische Manipulation im Sinne von Photoshop oder Ähnliches. Sie beschreiben ja eine völlig andere Form der Manipulation: Indem man vor Ort dafür sorgt, dass man tatsächlich etwas fotografieren kann, was tatsächlich da ist, obwohl es eigentlich trotzdem nicht wahr ist. Haben Sie das Gefühl, wenn Sie mit jungen Kolleginnen und Kollegen zu tun haben – Sie haben ja bis vor Kurzem auch noch unterrichtet –, dass die Sensibilität dafür nachlässt?

Nobel: Man muss grundsätzlich sagen, dass an den Hochschulen in Deutschland mehr und mehr Medienethik zum Pflichtfach des Lehrprogramms wird. Und ich glaube, dass man damit solchen Entgleisungen entgegenarbeitet. Aber man muss auf der anderen Seite natürlich auch sehen, dass wir zurzeit in einer schwierigen Situation für Bildjournalisten in Deutschland leben. Es gibt eine enorme Konkurrenz. Die finanzielle Situation für viele Fotografen ist ganz extrem. Und um dann zurechtzukommen, versuchen sie eben, im Prinzip wie jemand, der sich ein japanisches kleines Mittelklasseauto kauft und einen Ferrari draus machen will und ihm dann breite Puschen aufzieht und Seitenschweller und Frontspoiler und Heckenflosse und so, und versucht ihn zu pimpen.

Und ähnlich ist das auch in der Fotografie. Der Konkurrenzkampf ist enorm hoch, und so versuchen eben einige Fotografen, die besseren Bilder zu machen, indem sie selbst Teil dieses Prozesses werden, einmal über die Bildmanipulation selbst – ich weiß nicht, viele Ihrer Hörer werden wahrscheinlich mitbekommen haben, dass Steve McCurry, einer der bedeutendsten Bildjournalisten unserer Zeit, entlarvt wurde, dass er sehr viele seiner Bilder extrem manipuliert hat, Menschen entfernt hat, störende Kisten entfernt hat, Verkehrsschilder entfernt hat, also die Bilder eigentlich nichts mit der Realität zu tun haben.

Und wir müssen es eigentlich schaffen, gerade junge Fotografen dahin auszubilden, dass sie versuchen, wahrhaftig zu arbeiten. Unser Medium ist ja ein subjektives. Es gibt keine Objektivität in der Fotografie. Aber was wir versuchen anzustreben, ist zumindest eine Wahrhaftigkeit. Eben nicht, sich auf den Boden zu legen, um eine ein Meter hohe Flamme zu einer drei Meter hohen Flamme zu machen.

Der Fotograf und Professor Rolf Nobel (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Der Fotograf und Professor Rolf Nobel (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Kassel: Dieses Anstreben von Wahrhaftigkeit ist ein hehres Ziel, und ich wäre sehr froh, wenn möglichst viele Leute das zumindest anstreben und dann auch ein Teil davon es erreicht. Aber hat man das als Profi noch in der Hand? Denn welche Bilder um die Welt gehen, das entscheiden doch auch Laien, Amateure, die irgendwo rumstehen, das Handy in der Hand haben und ihre Schnappschüsse durch die Welt schicken.

Nobel: Das ist vollkommen richtig. Das haben wir ja gerade bei den Terroranschlägen gesehen, dass Leute gedankenlos vom Balkon aus filmen oder Fotografien machen, die dann später von der ISIS vom IS benutzt werden als Propagandamedium. Also durch die Handyfotografie und die massenhafte Verbreitung der Fotografie haben wir den Nutzen und den Umgang mit Fotografie natürlich nicht mehr unter Kontrolle. Was wir aber unter Kontrolle haben können, ist, dass die professionellen Fotografen, die ja die einzigen sind, die in viele Bereiche überhaupt reinkommen – es ist ja nicht so, dass die Amateure Zugang zu jeder Situation haben, um da Bilder zu machen –, dass zumindest die professionellen Fotografen sich Gedanken darüber machen, welche Bilder sie aus der Hand geben. Denn nur diese Bilder können später auch publiziert werden und in den Umlauf kommen. Und wenn wir das erreichen, glaube ich, dann kommen wir schon ein großes Stück weiter.

Kassel: Sagt Rolf Nobel. Er ist Professor für Fotografie an der Hochschule Hannover und seit vielen Jahrzehnten erfahrener Fotograf. Herr Nobel, ich danke Ihnen sehr, und ich hoffe, dass man Sie und rückblickend auch Herrn Böll wenigstens manchmal noch erhört bei der Arbeit. Danke fürs Gespräch!

Nobel: Vielen Dank. Tschüs!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.#

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