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Kompressor | Beitrag vom 04.02.2015

Fotograf Larry Sultan Fotos von befremdlicher Nähe

Von Michael Köhler

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Die Beine von Komparsinnen am 19.02.2003 bei Dreharbeiten am Set in Berlin zum ZDF Film "Rotlicht IV - Im Dickicht der Großstadt.  (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Sultan fotografierte auch gern an Sets von Pornodrehs. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Der kalifornische Fotograf Larry Sultan ist hierzulande wenig bekannt, dabei ist er eine echte Entdeckung. In Bonn wird nun seine erste deutsche Museumsschau gezeigt. Die Bilder sind beileibe keine simplen Schnappschüsse.

Am Straßenrand amerikanischer Highways stehen unübersehbar riesige Werbetafeln: die Billboards. Sie preisen Bier, Sanitärartikel oder Autos an. Mittendrin in acht Metern Größe, dann das: ein grafisch stilisiertes Bild der Atombombenexplosion von Hiroshima und darunter in baby-rosa Schreibschrift der Ausruf: "Ooh la la!". Oder ein anderes, das in der Bonner Ausstellung in Originalgröße nachgebaut wurde: Zwei Hände balancieren brennende Orangen. Daneben die drei Worte: "Oranges on Fire"

Die Fotos dieser Billboards hängen in der Ausstellung. Bild und Sprache scheinen nicht zusammenzuhängen, scheinen auseinandergerissen, verweisen auf anderes. In den Siebzigern machte der amerikanische Fotograf solche Textplakate, die die sprachliche und bildliche Welterfassung in Frage stellten, die allgegenwärtige Manipulation durch Bilder aufgriffen. Dem kalten grünen Big Apple New Yorks, hielt er die süßlich brennende Sonne der Orangen von Los Angeles entgegen. Doch dieses kalifornische Lebensgefühl ist abgründig, trostlos. Das zeigt die großartige Ausstellung Larry Sultan in Bonn. Stefan Gronert hat sie eingerichtet.

"Diese Kombinationen zwischen Text und Bild, die regen schon dazu an, darüber nachzudenken, um was geht's hier eigentlich? Und genau diese Reflexion, wie Werbung, wie Medien funktionieren, das ist einer der Hauptinteressenpunkte von Larry Sultan, gerade auch in den Siebziger Jahren, was wir auch in anderen Arbeiten sehr schön sehen."

Sultan blickt hinter die Illusionsmaschine

Auf die öffentlichen Bilder und Medien in den 80er folgten die Fotos aus der Serie "The Valley" um 2000. Larry Sultan wurde im San Vernando Valley bei Los Angeles groß. Dort ist Sitz der weltgrößten Pornofilmindustrie. Der Fotograf zeigt Menschen des Sex-Business, insbesondere aber die Innenräume der Filmsets. Scherzhaft hat er in einer Kölner Galerieausstellung vor zehn Jahren mal auf die Rückseite eines Fotos geschrieben: "It's not about porn, it's about furniture". Nicht um Sex, um Möbel gehe es. Alles nur eine Frage der Einstellung und Einrichtung, könnte man auch sagen. Sultan inszeniert auf diesen Fotos Inszenierungen. Er blickt hinter die Kulissen der Illusionsmaschine Pornofilmindustrie
Er zeigt die amerikanische Vorortwirklichkeit. Er zeigt das theatrale Arrangement dieser gestellten Sex-Szenen mit Fototapete, schäbigen Möbeln, Scheinwerfern und Stativen und schließlich stellt er den dokumentarischen Charakter von Fotografie infrage.

"Und er zeigt hier eigentlich keine Sexszenen, sondern Drehpausen. Ihn interessiert vor allen Dingen auch das Mobiliar dieser Häuser. Das in Kombination mit Pornografie. Hier muss man sich, wenn man das überhaupt will, unheimlich viel vorstellen. Hier kann man sich nur was imaginieren."

Larry Sultan, das wird klar, zeigt die Möblierung unserer Welt mit imaginierten Erzählungen. Das setzt sich auch in den privaten, scheinbar intimen Fotos seiner Eltern fort. Sein berühmtes Bild des Vaters, der in Anzug und Krawatte aufrecht auf der Bettkante sitzt, ist weniger ein Bild über den Vater. Es zeigt die Arbeit des Fotografen.

Larry Sultan interessiert, wie wir uns ein Bild von der Welt machen. Dabei reflektiert er die Medien stark mit. Er fängt mit Plakaten an, hat in Archiven in Fotosammlungen gegraben, macht Serien über Pornoindustrie, die Filme und Fotos vertreibt, er bildet immer wieder Fernseher und Gläser, Scheiben, Spiegel und Fotos in seinen Fotos ab. Bei ihm gerät die Optik in vielfacher Weise zum Thema: das Sehen durch Gläser, Linsen, Objektive. Ein Foto zeigt günstigstenfalls das Entstehen von Vorstellungen, nicht die Wirklichkeit. Der inzwischen gestorbene Fotograf sagte vor acht Jahren im Interview.

Malerei mit dem Objektiv

"Ich bin seit 35 Jahren Künstler und auch Lehrer. Weil ich aktiver Künstler bin, mich also selber mit meinen Sachen befasse, kann ich das zwiespältige Gefühl nachempfinden, Künstler zu sein. Ich erforsche mich auch dauernd. Und diese Strenge und Sorgfalt nehme ich in den Unterricht mit. Ich verlange von meinen Studenten sich und ihre Arbeit zu befragen."

Erst spät fällt einem auf, dass hier ein geradezu lyrischer Fotograf am Werke ist. Die Bilder der letzten Lebensserie sind sehr malerisch komponiert. Sie stammen aus dem Grenzgebiet zu Mexiko und zeigen wie auf Gemälden der Impressionisten, Menschen unter Bäumen oder in Landschaften. Es sind aber vermutlich illegale Latinos.

"Wir sehen hier einen wunderschönen blühenden Kirschbaum. Und darunter sitzt ein offensichtlich mexikanisch geprägter Mann und guckt etwas verstört, nachdenklich in die Welt. Das kann uns natürlich schon dazu provozieren über sein Schicksal nachzudenken."

Es mag verwunderlich klingen. Aber Larry Sultan ist eine Art aufgeklärter amerikanischer Heimatkünstler. Er macht Fotos von distanzierter Intimität, von befremdlicher Nähe. Das sind keine Schnappschüsse, sondern flächige Kompositionen. Malerei mit dem Objektiv. Kein Wunder, dass das europäische Betrachter anspricht. 

"Das hier ist ja auch die erste deutsche Museumsausstellung von Larry Sultan. Und da gibt es einfach noch viel aufzuarbeiten. Und wir versuchen das systematisch auch zu machen. Und es macht auch einem Kurator wahnsinnigen Spaß, sagen zu können - ich glaube mit Fug und Recht - da präsentieren wir eine Entdeckung, obwohl der Mann schon tot ist."

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