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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.02.2008

Fotogeschichte der Bundesrepublik

Erika Sulzer-Kleinemeier: "Fotografien 1967 bis 2007". Stroemfeld Verlag 2007, 203 Seiten

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Sie arbeitete für die großen Printmedien: Spiegel, Zeit, Stern, Daily Telegraph. Sie gilt als Urgestein der deutschen Pressefotografie, obwohl sie sich selbst nicht als Fotografin, sondern als Journalistin versteht. Erika Sulzer-Kleinemeier, 1935 in Rostock geboren, hat mit ihrem Fotoband "Fotografien 1967 bis 2007" die Schatztruhe ihres Lebenswerkes geöffnet.

Das Buch geht chronologisch vor. Es beginnt mit der Beerdigung Adenauers, und es endet mit Mahn-Aktionen zur Erinnerung an den Holocaust. Die zirka 230 Fotos sind ausnahmslos schwarzweiß. Fast zwei Millionen Mal hat Erika Sulzer-Kleinemeier während der letzten 40 Jahre auf den Auslöser ihrer Kamera gedrückt, um Bericht zu erstatten, sowohl von Studentenprotesten und Friedensdemonstrationen als auch von Staatsbesuchen wie zum Beispiel von dem Willi Stophs bei Willy Brandt 1970 in Kassel; ein Jahr zuvor lächelte noch Bundeskanzler Kiesinger auf einer Wahlveranstaltung in die Kamera, umringt von Fackel tragenden CDU-Hostessen, die aussahen wie die DDR-Olympia-Mannschaft.

Es sind meist die dramatischen Richtungswechsel Deutschlands, die von Sulzer-Kleinemeier dokumentiert werden - wie der Mauerfall, allerdings oft auch auf überraschende Art: zum Beispiel Helmut Kohl auf einer Wahlveranstaltung in der Noch-DDR, und ein kleiner Junge guckt strahlend in die Kamera und ballt die Kinderfaust zum sozialistischen Gruß.

Intim und berührend sind Fotos wie das von Jürgen Ponto eine Woche vor seiner Ermordung durch die RAF, und auf der anderen Seite eines von Ulrike Meinhof als junge Journalistin bei einer Presseveranstaltung, bei der Ulrike Meinhof und die Fotografin Sulzer-Kleinemeier von Anwohnern bedroht wurden, man werde die Hunde auf sie hetzen.

Die Fotos von Erika Sulzer-Kleinemeier haben eine gemeinsame Botschaft: die Würde des Menschen. Sie sucht den Blick der Fotografierten, der Täter, der Opfer, der Passanten, der Ausländer, der deutschen Heimkinder oder der Prominenten: etwa der selig lächelnden Politiker Kohl, Schröder oder Beck.

Journalistische Objektivität und emotionale Parteinahme schlössen einander nicht aus, betont Erika Sulzer-Kleinemeier; die 68er-Zeit habe sie selbst als eine einzige Befreiung erlebt, von einer Gesellschaft, die, wie sie sagt, bis in die 60er Jahre von Ex-Nazis durchsetzt gewesen sei. Einem "linken" Demonstranten wiederum, der sie verdächtigte, für den Verfassungsschutz zu arbeiten und der sie tätlich angriff, habe sie mit einer Ohrfeige geantwortet.

Erika Sulzer-Kleinemeiers "Fotografien 1967 bis 2007" sollte zu einem Standard-Bestandteil des Geschichtsunterrichts an deutschen Schulen gehören. Es macht geradezu geschichtssüchtig, und es bewegt und erschüttert: Heimkinder in den 60er Jahren in Straflagern mit Einzelhaft, US-Atomraketen und Giftgas auf deutschem Boden, der Ausbruch 1968. Nicht unerwähnt bleibe der spitzbübische, immer präsente Blick auch fürs Komische: die ersten Neckermann-Bomber nach Mallorca, Einheitskleidung Sombrero.

"Fotografien 1967 bis 2007" bietet einen in dieser Form sehr seltenen, weil sinnlichen Zugang zur Entwicklung West-, aber auch Ostdeutschlands in den letzten 40 Jahren - die Entwicklung bis zur heutigen gesamtdeutschen Demokratie. Mit jedem Bild wird eine Geschichte erzählt, engagiert, nachvollziehbar und immer vielschichtig.

Rezensiert von Lutz Bunk

Erika Sulzer-Kleinemeier: Fotografien 1967 bis 2007
Stroemfeld Verlag 2007
203 Seiten, 28 Euro

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