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Kompressor | Beitrag vom 15.01.2018

Fotoband über Bauarbeiterattrappen in der Golfregion"Man sieht etwas, das man nicht erwartet"

Tor Seidel im Gespräch mit Timo Grampes

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Foto aus dem Bildband "Mannequins" von Tor Seidel (Deutschlandradio / Tor Seidel)
Foto aus dem Bildband "Mannequins" von Tor Seidel: Bauarbeiter-Puppe, die in der Golfregion an einer Baustelle vor stockendem Verkehr warnt. (Deutschlandradio / Tor Seidel)

Bauarbeiter-Puppen mit Warnweste und Gesichtern: In den Golfstaaten stehen sie an Straßenbaustellen und warnen vor stockendem Verkehr. Für den Künstler Tor Seidel geht ihre Bedeutung weit darüber hinaus. Für ihn sind diese individuell gestalteten Puppen Kunst.

Stellen Sie sich vor, Sie sind nachts mit dem Auto unterwegs – und dann steht am Rande einer Baustelle eine merkwürdige Gestalt, still und starr: eine Puppe, die eine Bauarbeiterweste trägt. Manche haben Köpfe aus Styropor mit einem gezeichneten Gesicht, manche aus Lego, andere nur ein Tuch um den Kopf und eine Sonnenbrille. In den Golfstaaten gibt es diese Puppen häufig. Der Fotograf und Künstler Tor Seidel lebt seit einigen Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In seinem neuen Fotoband "Mannequins" beschäftigt er sich mit den Baustellenpuppen.

Diese Puppen haben eine konkrete Funktion. An Straßenbaustellen sollen sie signalisieren, dass der Verkehr nicht ganz flüssig läuft, erklärte Seidel im Deutschlandfunk Kultur. Die Straßenarbeiter fertigten sie an. Es gehe darum, sie so zu drapieren und zu positionieren, dass sie eine Signalwirkung ausstrahlen. Die Arbeiter selbst nennen sie Amigo, Selfie oder Dummy.

Ungewollte Abbildung der menschlichen Existenz

Seidel nennt die Puppen "Mannequins" – das ist auch der Titel des Fotobands. Er betrachtet sie als Kunstwerke und sieht Parallelen zu Mannequins: 

"Mannequins verschwinden, nachdem sie auf dem Laufsteg die Kostüme präsentiert haben. Keiner kennt sie, sie sind mehr oder weniger anonymisiert – abgesehen von den Stars."

Zu Kunstwerken werden die Bauarbeiter-Puppen für Seidel etwa, weil sie etwas Unerwartetes sind und eine ganz spezielle Charakteristik haben.

"Wenn man die zufälligerweise beim Drive über den Highway sieht, ist man erstaunt oder erschrocken. Man sieht etwas, das man nicht erwartet."

Puppen weisen unterschiedliche Charaktere auf

Die Puppen bildeten ungewollt die menschliche Existenz ab. Dass die Puppen so unterschiedlich sind und so starke Charaktere aufweisen, faszinierte ihn. Deshalb begann er, sie zu fotografieren und den Fotoband zu gestalten.

In Deutschland würde man die Puppen wohl für Performance- oder Straßenkunst halten, erklärte Seidel. Doch anders als im Westen gebe es in der Golfregion so gut wie keine Kunst im öffentlichen Raum. Die Puppen seien "irgendwas, was eigentlich keine Bedeutung, keinen Wert hat – aber was für mich zumindest faszinierend ist, und was man durchaus als öffentliches Kunstwerk betrachten kann", so Seidel.

(abr)

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