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Lesart | Beitrag vom 31.12.2020

Fotoband "Nachtwach Berlin"Mit Schildkröten gegen den Kapitalismus

Ingo van Aaren und David Wagner im Gespräch mit Joachim Scholl

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Eine Schildkröte und ein Mann vor der Gedenkstätte Berliner Mauer (Distanz / Ingo van Aaren / David Wagner)
Eile mit Weile - zum Beispiel beim Gassigehen mit Schildkröte vor der Gedenkstätte Berliner Mauer. (Distanz / Ingo van Aaren / David Wagner)

Die Welt wird immer schneller. Beschleunigung um jeden Preis scheint die Devise zu sein. Doch ein Fotograf und ein Autor haben jetzt eine Protestbewegung aus dem 19. Jahrhundert wiederentdeckt: Spaziergänge mit Schildkröten.

Es ist Nacht in Berlin. Die Straßen sind leer. Doch plötzlich tauchen zwei Männer auf und haben etwas an der Leine. Ein Polizist ist so verwirrt, dass er es für eine Drohne hält. Doch es stellt sich heraus: Es handelt sich um eine Schildkröte. Was hat es damit auf sich? Fotograf Ingo van Aaren beschreibt die Idee hinter dem Buch "Nachtwach Berlin" so:

"Wir sprechen hier über Sehnsuchtsorte. Und da war es so, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Umgestaltung von Paris sehr zentral war, also die Stadt wurde umgebaut auf Kapitalismus, auf Effizienz, auf Geschwindigkeit. Und eine Gegenbewegung war, dass die Bohème sich Schildkröten besorgt hat und mit den Schildkröten dann spazieren gegangen ist – um ein Statement zu setzen und zu sagen: Ihr könnt so schnell sein, wie ihr wollt. Wir haben alle Zeit der Welt."

Schildi erklärt Berlin

Vor ein paar Jahren sei van Aaren dann auf den Autoren David Wagner zugekommen, erinnert dieser sich. Erst ging es nur darum, ob Wagner auf einem Foto mit einer Schildkröte posieren würde. Das Ganze habe dann so viel Spaß gemacht, dass daraus ein ganzes Buch wurde.

Die Kröte "Schildi" habe angefangen, mit David Wagner zu sprechen und er habe ihr dabei zugehört, was sie über Berlin zu erzählen hatte. Das habe auch sehr zu 2020 gepasst, wo Spaziergänge eine der noch wenigen möglichen Aktivitäten gewesen seien.

Opernbühne Berlin

Es sei jedoch gar nicht so leicht gewesen, die Fotos für das Buch zu bekommen. Van Aaren und Wagner sind meist gegen drei Uhr Nachts durch die Straßen gezogen, um die menschenleeren Bilder erzeugen zu können.

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Wenn etwas schiefging auf den nächtlichen Streifzügen, seien viele lustige Situationen entstanden, erinnert sich van Aaren: "Wir mussten immer ein Zeitfenster treffen, wo es sowohl dunkel war als auch leer. Wir haben wirklich sehr, sehr viele Menschen getroffen, die natürlich alle ein Selfie machen wollten, mit der Schildkröte und die alle irgendwie uns ihre Schildkröten-Abenteuer erzählt haben."

Die Orte, die in "Nachtwach Berlin" abgebildet sind, wurden von den beiden Machern sorgsam sowohl nach Fotogenität als auch nach den Geschichten, die sie erzählen, ausgesucht. Gezeigt werden unter anderem der "Bierpinsel" in Steglitz, der Flughafen Tegel, aber auch die Einschusslöcher auf der Museumsinsel. Es ist auch ein Buch über das Verschwinden und über Abschiede. 

Zu sehen sind im Buch Nachtfotografien von Orten, die etwas Licht hatten, so sei Berlin wie eine Opernbühne in Szene gesetzt worden, sagt Wagner. 

Ingo van Aaren und David Wagner: "Nachtwach Berlin"
Distanz Verlag, Berlin 2020
160 Seiten, 32 Euro

(hte)

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