Seit 01:05 Uhr Tonart

Dienstag, 10.12.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Kompressor | Beitrag vom 08.10.2019

Foto-Funde vom FlohmarktPosieren mit Eisbär

Jochen Raiß im Gespräch mit Gesa Ufer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein historisches Foto von Touristen am Strand mit einem Mann im Eisbären-Kostüm. (picture alliance / imageBROKER)
Die Ostsee hatte kein Wahrzeichen. Stattdessen bewies ein Foto mit Eisbär den Freunden, dass man wirklich vor Ort gewesen war, so Jochen Raiß. (picture alliance / imageBROKER)

In den 20er-Jahren ließen sich deutsche Urlauber gerne mit Darstellern im Eisbär-Kostüm ablichten. Jochen Raiß durchkämmt seit Jahren die Flohmärkte auf Suche nach Fotos von dieser Marotte. Nun präsentiert er seine Fundstücke in einem Buch.

Jochen Raiß sammelt seit dreißig Jahren Fotos auf Flohmärkten. Wer auf den meist schwarzweißen Bildern zu sehen ist, wo sie entstanden sind, wer sie gemacht hat: all das weiß Raiß nicht. Doch der Bildredakteur sammelt die Bilder nicht nur. Er ordnet sie auch thematisch.

Daraus entstand 2016 das erfolgreiche Buch "Frauen auf Bäumen". Ein Titel, der hält, was er verspricht. Nun veröffentlicht Raiß eine weitere Sammlung: "Eisbären" heißt das Buch, das etwa 70 Fotos von Menschen zeigt, die sich neben einem Darsteller im Eisbär-Kostüm porträtieren ließen.

Ein rein deutsches Phänomen

"Die Bilder stammen aus den 20er- bis höchstens den 50er-Jahren. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Untersuchung dazu, die bestätigt, dass es sich bei den Eisbären-Fotos um ein rein deutsches Phänomen handelt", so Raiß. Der Trend sei vermutlich zu Beginn der 20er-Jahre in Ostsee-Bädern entstanden: Findige Fotografen wetteten darauf, dass Touristen sich eher gegen Geld ablichten lassen würden, wenn ein Eisbär auf dem Bild zu sehen wäre.

"Die Abzüge haben oft Postkarten-Format. Sie sind auch auf der Rückseite gestaltet wie eine Postkarte. Deswegen ist es sehr wahrscheinlich, dass sie direkt vor Ort entwickelt und an die Lieben nach Hause geschickt wurden", sagt Raiß.

Der Sammler sucht die Bilder auf den Flohmärkten stets nach seinem persönlichen Geschmack aus. Raiß: "Verschiedene Sammler haben verschiedene Vorlieben. Bei mir sind es eben Frauen auf Bäumen, die Eisbären, Amateurfußball oder schlafende Frauen im Freien. Aber die Bilder kommen ja zu mir. Man kann nicht sagen: Ich gehe heute auf den Flohmarkt wie ins Kaufhaus in den dritten Stock, und da finde ich, was ich suche. Die Bilder kommen zu mir, ich entdecke sie, und das ist immer wieder ein aufregender Moment."

Der Eisbär als Familienmitglied

Was auffällt: Auf den Eisbär-Bildern sind überwiegend Frauen zu sehen. Das liege vor allem daran, dass zu Beginn der Amateurfotografie hauptsächlich Männer fotografierten. "Die haben genauso wenig die Kamera aus der Hand gegeben wie ihr liebes Lenkrad", sagt Raiß, und fügt noch eine ganz eigene Theorie hinzu:

"Dass es da Trittbrettfahrer gab, die einfach alleine im Eisbärkostüm herumgelaufen sind und sich gegen Geld haben fotografieren lassen. Ich weiß nicht, ob es so war, aber in meiner Fantasie existiert das. Denn manchmal ist es einfach so, als wäre der Eisbär das Familienmitglied 'Vater'. Das finde ich sehr amüsant, manchmal sehr berührend. In einem Woody-Allen-Film würde der erzählende Sohn sagen: 'Plötzlich, eines Tages, war mein Vater ein Eisbär.' Solche Momente mag ich einfach."

(rod)

Fazit

Nach dem SPD-ParteitagFortgesetzte Selbstverzwergung
Ein Schkoladen-Nikolaus steht auf einem Tisch beim SPD-Parteitag (picture alliance/Michael Kappeler/dpa)

Der SPD-Parteitag sollte der Partei Aufwind geben. Aber ist die Sozialdemokratie gerettet? SPIEGEL-Journalist Nils Minkmar hat Zweifel. Die Genossen müssten internationaler denken, die Intellektuellen zurückgewinnen und die Selbstzweifel bekämpfen. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur