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Konzert / Archiv | Beitrag vom 16.06.2020

Forumkonzert des RIAS Kammerchors in StahndorfAnziehend poetischer Totentanz

Moderation: Ruth Jarre

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Totentanz, Fresken von 1490 von Johannes aus Kastav, Dreifaltigkeitskirche Hrastovlje im Tal der Rizana, Slowenien. (imago/imagebroker Totentanz)
Totentanz, Fresken von 1490 von Johannes aus Kastav, Dreifaltigkeitskirche Hrastovlje im Tal der Rizana, Slowenien. (imago/imagebroker Totentanz)

Ein Totentanz ist ein gemalter Reigen von Menschen aller Stände mit dem Tod. In Lübeck inspirierte Hugo Distler solch eine Abbildung im Jahr 1934. Er konzipierte seinen ganz eigenen Totentanz, den der RIAS Kammerchor in Stahnsdorf für uns aufgeführt hat.

Die "Forumkonzerte" des RIAS Kammerchors bespielen in kammermusikalischen Formationen besondere Orte in Berlin. Anfang Juni war man zu Gast in der Kapelle des Südwestkirchhofs Stahnsdorf. Im Zentrum des Programms: der "Totentanz" von Hugo Distler.

Eine Kirche in Holzbauweise mit einem größeren Kirchturm. (imago images / Joko)Im Brandenburgischen Stahnsdorf liegt die hölzerne Stabkirche. (imago images / Joko)

Der Südwestkirchhof Stahnsdorf ist in seiner Bedeutung durchaus vergleichbar mit international herausragenden Begräbnisstätten wie Venedigs Toteninsel "San Michele", dem Wiener Zentralfriedhof und dem Pariser Friedhof "Père Lachaise".

Zahlreiche berühmte Persönlichkeiten haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Darunter Walter Gropius, Engelbert Humperdinck oder die Sängerin Meta Seynemeyer – und auch Hugo Distler, der eine kurze Zeit, die letzte Zeit seines Lebens, den Berliner Staats- und Domnchor geleitet hat.

Der heutige Leiter des Staats- und Domchors Berlin, Kai-Uwe Jirka, dirigierte das Konzert, das natürlich ohne Publikum in der Kapelle stattfand. Das Programm ist eng mit dem Ort verknüpft. 

Ein Mann sitzt in einer Kiche, auf seinem Schoß hat er ein grünes Akkordeon spielbereit. (RIAS Kammerchor Berlin / Jakob Kienzerle)Kai-Uwe Jirka, ein Dirigent, der auch zum Akkordeon greift. (RIAS Kammerchor Berlin / Jakob Kienzerle)

Distlers Komposition wurde durch eine im zweiten Weltkrieg zerstörte Darstellung eines Totentanzes in der Lübecker Marienkirche inspiriert. Er verwob seine Musik mit Zwischentexten von Johannes Klöcking, der wiederum eine Nachdichtung des nur noch als Fragment erhaltenen Lübecker Totentanzes aus dem 15. Jahrhunderts erstellt hat.

Ein besonderer Reigen

Kombiniert wird Distlers Werk mit den "Deutschen Sprüchen von Leben und Tod" von Leonhard Lechner, die um 1600 entstanden sind.
Dazu auch einzelne Märsche aus dem "Totentanz zu Basel im Jahr 1943" von Frank Martin und ein Werk aus dem Jahr 2006: Dorothée Hahnes "Dance macabre" für Blockflöte solo und Liveelektronik.

Vier Sänger und vier Musiker sitzen und stehen in einem großen Kreis im Altarbereich. (RIAS Kammerchor Berlin / Jakob Kienzerle)Die Musiker stehen in einem großen Kreisrund in der Kirche von Stahnsdorf. (RIAS Kammerchor Berlin / Jakob Kienzerle)

Der Dramaturg des Programms, Christian Filips, wollte diesen Texten eine zeitgenössische Sichtweise gegenüberstellen und hat sie mit Auzügen aus dem Band "Autobiografie des Todes" der südkoreanischen Dichterin Kim Hyesoon verschränkt. So entsteht ein Subtext, der die Zuhörer direkt erreicht, persönlich anspricht – und so auch den Distlerschen Totentanz aus der Abstraktion in die Realität führt.

Aufzeichnung vom 06.06.2020 als ForumKonzert RIAS Kammerchor in der
Kapelle des Südwestkirchhofs Stahnsdorf

Hugo Distler
"Totentanz"

Dorothée Hahne
"Dance macabre" für Blockflöte solo und Live-Elektronik

Leonhard Lechner
Deutsche Sprüche von Leben und Tod

Frank Martin
Märsche aus "Ein Totentanz zu Basel im Jahre 1943"

Mitglieder des RIAS-Kammerchors:
Anette Lösch, Sopran
Susanne Langner, Alt
Volker Nietzke, Tenor
Stefan Drexlmeier, Bass

Martin Ripper, Blockflöte
Adrian Schmid, Perkussion
Annette Rheinfurth, Violone
Christian Filips, Sprecher und Dramaturgie
Kai-Uwe Jirka, Akkordeon und Leitung

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