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Fazit | Beitrag vom 15.06.2020

Forschungsprojekt zu Kunstsammlungen DresdenDirektorenposten dank NSDAP-Mitgliedschaft

Karin Müller-Kelwing im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Das Residenzschloss mit dem Historischen Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (dpa / picture alliance / Sebastian Kahnert)
Leitende Mitarbeiter der Kunstsammlungen Dresden hätten im Sinne der NS-Propaganda agiert, hat die Kunsthistorikerin Karin Müller-Kelwing herausgefunden. (dpa / picture alliance / Sebastian Kahnert)

"Dresden übernahm eine wichtige Funktion als Drehscheibe im NS-Kunstraub": Anhand von Biografien forschte ein Projekt zu den dortigen Kunstsammlungen. Die Institution selbst sei aber weniger in das NS-System involviert als angenommen, sagt die Projektleiterin.

Anhand von Biografien ehemaliger Direktoren und Mitarbeitern hat die Historikerin Karin Müller-Kelwing in einem dreijährigen Projekt erforscht, welche Bedeutung und Verstrickung die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im nationalsozialistischen System hatten. Karin Müller-Kelwing hat das Projekt maßgeblich entwickelt und in einem kleinen Mitarbeiterteam an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden unter der Leitung von Gilbert Lupfer umgesetzt.

Als Schlüsselfigur habe das DFG-geförderte Forschungsprojekt Fritz Fichtner ausgemacht, der zunächst Lehrer und dann Kunsthistoriker wurde und 1929 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Porzellansammlung kam. Nach seinem NSDAP-Eintritt 1933 sei er dann sofort Direktor des Porzellansammlung und des Kunstgewerbemuseums geworden, so Müller-Kelwing. "Sicherlich auch aufgrund seiner Parteimitgliedschaft." 

Porzellan-Ausstellung zur Ablenkung

Fichtner sei dann zusätzlich zum Referenten für die staatlichen Sammlung im sächsischen Ministerin für Volksbildung ernannt worden. Damit habe er gewissermaßen eine Generaldirektoren-Funktion gehabt, ohne das je nominell gewesen zu sein  - und habe im direkten Kontakt gestanden zum Reichsstatthalter in Sachsen und auch zum kommissarischen Leiter des Ministeriums, erklärt Müller-Kelwing.

Im Sinne der NS-Propaganda habe Fichtner auch noch 1944 eine Porzellan-Ausstellung aktueller Industrie-Produktion gemacht, als die wertvolle Porzellansammlung des Museums komplett leergeräumt war, um die Objekte zu schützen: "Dahinter steht natürlich der nationalsozialistischer Auftrag, an der Heimatfront aktiv zu sein, das Volk abzulenken, zu unterhalten, zu motivieren  - mitten im Krieg."

Dresden als Drehscheibe im NS-Kunstraub

Vorrangig interessiert sei die NS-Führung an der Gemäldegalerie gewesen, sagt Müller-Kelwing. So hätten die beiden bekanntesten Museumsdirektoren von Dresden, Hans Posse und Hermann Voss, den Auftrag erhalten, von Hitler persönlich als Sonderbeauftragte für das Führermuseum in Linz Ankäufe zu tätigen, um eine Sammlung zusammenzutragen. "Allerdings war dieser Sonderauftrag an sie personell gebunden, nicht an die Institution. Dresden übernahm eine wichtige Funktion als Drehscheibe im NS-Kunstraub."

Es habe sich aber auch gezeigt, dass die staatlichen Sammlungen selbst in ihrer Gesamtheit weniger in das NS-System involviert gewesen seien, als man vermutet hätte.

Karrieren nach Kriegsende

Bei der Untersuchung der Biografien habe sich gezeigt, welche Karrieren die NS-nahen Mitarbeiter auch nach dem Krieg machen konnten. Fritz Fichtner etwa sei Universitätsprofessor für Kunstgeschichte in Bamberg und Erlangen geworden, im Gegensatz zu jüdischen Mitarbeitern, die bereits 1933 entlassen worden seien und die Deutschland hatten verlassen müssen.

Überraschend sei ein anderes Ergebnis der Forschungsarbeit in Bezug auf die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, so Müller-Kelwing: "Dass nur drei jüdische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen worden sind, also nur drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausfindig gemacht werden konnten. Das erscheint relativ wenig." Allerdings müsse man das in Relation zur Größe der jüdischen Gemeinde in Dresden setzen, "die wesentlich kleiner war als beispielsweise in Berlin".

(mle)

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