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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 09.12.2016

Formaldehyd, Feinstaub und MineralölWarum die Adventszeit völlig ungefährlich ist

Von Udo Pollmer

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Ein Kind betrachtet brennende Kerzen auf einem Adventskranz. (imago/blickwinkel)
Ein Kind betrachtet brennende Kerzen auf einem Adventskranz. (imago/blickwinkel)

Schokolade ist mit Mineralöl vergiftet, Duftkerzen verursachen Asthmaanfälle und Weihnachtsservietten können Krebs auslösen: Udo Pollmer ärgert sich über diese zugespitzten Warnungen. Denn wirklich krank mache nur die Angstmache.

Die Adventszeit bietet Gesundheitsexperten eine perfekte Bühne. Sie deklamieren in den Medien, insbesondere im Internet, dass weihnachtliche Düfte, besinnlicher Kerzenschein und sogar Adventskalender Leib und Leben gefährden können. Schließlich würden die ätherischen Öle die Lunge reizen, Duftkerzen könnten giftige Gase wie Formaldehyd oder Kohlenmonoxid freisetzen. Und der Kerzenruß löst in den Köpfen Feinstaubalarm aus.

Der Preis für die Festtagsstimmung seien Asthmaanfälle, Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen, Allergien und natürlich - Krebs. Vermutlich schenken sich Experten zum Fest gegenseitig die neuesten Gasmasken-Modelle.

Die könnten vielleicht vor den "enormen Mengen" an Formaldehyd schützen, die Duftkerzen freisetzen - mit "verheerenden Konsequenzen für die Gesundheit". Der guten Ordnung halber: Formaldehyd entsteht nicht nur durch Duftkerzen, sondern auch im Körper – einfach so, ohne dass da eine Flamme züngelt.

Laut Europäischer Lebensmittelbehörde EFSA produziert jeder gesunde Mensch am Tag in seinem Stoffwechsel stolze 70 Gramm Formaldehyd. Wer empfindlich auf Formaldehyd oder was auch immer in der Atemluft reagiert, bläst die Kerze aus und lüftet. Problem gelöst.

Bitte keine Servietten mitessen

Beim Anzünden von erzgebirgischen Räucherkegeln oder tibetanischen Räucherstäbchen wabern – so warnen Umweltexperten – gewaltige Mengen an Feinstaub durch die Wohnung. Klingt wenig feierlich. Dabei pflegen die Weihrauchkessel in der Kirche den EU-Grenzwert um ein Vielfaches zu überschreiten. Lauert an Feiertagen etwa Gevatter Tod vor dem Altar? 

Wer sich im Alltag vor Feinstaub ängstigt, könnte darauf verzichten, einen Kamin zu befeuern. Der verbreitet nicht nur wohlige Wärme und gute Stimmung, die Kamine und Holzöfen in Deutschlands Haushalten produzieren mehr Feinstaub als der gesamte Verkehr zusammen.

Es gibt offenbar nichts, das zu unbedeutend wäre, um nicht zur Gefahr hochstilisiert zu werden: z.B. bunte "Weihnachtsservietten", denn die "können Krebs erregen". Kleiner Tipp für die Serviettenwarner: Wer eine Vergiftung vermeiden will, sollte auch dann keine Servietten mitessen, wenn sie appetitlicher aussehen, als der welke Salat in der Kantine.

Angst vor Mineralöl

Mütterselbsthilfegruppen arbeiten zielstrebig an Alternativen zum Schoko-Adventskalender, damit ihre Sprösslinge nicht von den mickrigen Schokofigürchen verführt und vergiftet werden, - da können nämlich Spuren von Mineralöl drin sein, also Stoffe, die sich ahnungslose Mütter in Form von Kosmetik mit Begeisterung auf die trockene Haut schmieren. Sie bemalen lieber Teelichter mit den Ziffern von 1 bis 24 und stellen sie auf einen Teller – zusammen mit Zapfen, Zweigen und Deko.

Wir dürfen gespannt sein, wann sich das trockene Zeug entzündet oder patschige Kinderhände nach dem Teller mit den vielen brennenden Teelichtern greifen - und die Wohnung abfackeln.

Wer nichts Ergötzliches zum Fest beizutragen hat, kann es seinen Mitmenschen immer noch vermiesen – natürlich in bester Absicht. So haben Ernährungsberaterinnen auf ihren Kalorien-Kontrollgängen über die Weihnachtsmärkte auch diesmal Essbares ausgemacht: gebrannte Mandeln - Achtung Zucker, Glühwein - Alkohol und Pfannkuchen - Fett.

Krank macht nur die Angstmache

Man dürfe zwar alles konsumieren, wird treuherzig versichert – aber nur sparsam und wenn man bereit sei, das restliche Jahr mit Rohkost zu verbringen. Direkt neben den Leckereien lauern die Grippeviren: Gerade Weihnachtsmärkte böten "besonders hohe Gefahren der Ansteckung" – also den Mundschutz nicht vergessen.

Wenn etwas krank macht, dann die Angstmache, egal ob vor Kerzen, Servietten oder Plätzchen. Zynisch wie manche Experten sind, geben sie vor, sich vor allem um das Wohl der Kinder zu sorgen. Doch wer seine Kinder liebt, damit sie getragen von der Zuneigung auch gedeihen können, der gönnt ihnen in der dunklen Jahreszeit die schönen und wunderbaren Dinge, die uns Advent und Weihnacht schenken – damit auch die Kinderaugen leuchten. Mahlzeit!

Quellen

Anon: Weihnachtsservietten können Krebs erzeugen. Heilpraxisnet 15. Dezember 2014

Anon: Großes Risiko für die Gesundheit: So gefährlich sind Duftkerzen wirklich. Focus Online 18. Januar 2016

Bundesamt für Gesundheit (BAG): Raumdüfte. Bern 14. Juli 2015

Herzger M: Mediziner warnen vor Asthma und Allergien durch Duftkerzen und Duft-Marketing. Gesundheitlicheaufklärung.de 17. November 2010

EFSA: Endogenous formaldehyde turnover in humans compared with exogenous contribution from food sources. EFSA Journal 2014; 12: e3550

Weber S: Exposure of churchgoers to airborne particles. Environmental Science & Technology 2006; 40: 5251-5256

Chuang HC et al: Combustion particles emitted during church services: implications for human respiratory health. Environment International 2012; 40: 137-142

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ): Kinder- und Jugendärzte warnen vor ätherischen Ölen in Duftkerzen, -stäbchen und –lampen. 17.11.2016

Stiftung Warentest: Mineralöle in Kosmetika: Kritische Stoffe in Cremes, Lippenpflegeprodukten und Vaseline. 26. Mi 2015

Iinuma Y et al: Methyl-nitrocatechols: atmospheric tracer compounds for biomass burning secondary organic aerosols. Environental Science & Technology 2010; 44: 8453–8459

Anon: Kaminöfen: Wohlige Wärme mit Nebenwirkung. NDR Ratgeber 2. November 2015

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