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Studio 9 | Beitrag vom 04.06.2020

Foodbloggerin Ozoz SokohMit Kochlöffel und Kamera die Küche dekolonisieren

Von Mathias von Lieben

In einer Kokosnussschale ist mit Limette ein Kokosnusssalat angerichtet. (Ozoz Sokoh)
Raffinierte Gerichte mit lokalen Zutaten: Ozoz Sokoh zeigt die Vielfalt der nigerianischen Küche - wie Kokosnusssalat mit Limette. (Ozoz Sokoh)

Sie ist Reisende durch die Speisekammern der Welt und Botschafterin der nigerianischen Küche zugleich: Auf Instagram postet Ozoz Sokoh neu interpretierte nigerianische Rezepte - und macht auf die kolonialen Verflechtungen der Länderküchen aufmerksam.

Eine dieser afrikanischen Stimmen, die in der CNN-Reihe African Voices 2016 vorgestellt wurden, ist die Nigerianerin Ozoz Sokoh. Ihr Beruf: Foodbloggerin. Ihr Künstlername: Kitchenbutterfly. Mit ihrer Philosophie der "New Nigerian Kitchen" hat es die 44-Jährige zu internationaler Bekanntheit gebracht:

"Meine Philosophie lautet: Essen ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme", sagt sie. "Ich möchte jede Zutat genau verstehen und all ihre Dimensionen erkunden: Wie schmeckt sie gekocht, frittiert, gebacken oder eingelegt? Dann erst habe ich ein komplettes Bild davon, was die Zutat wirklich ausmacht und was mit ihr möglich ist."

Sokoh ist eine Reisende durch die Küchen der Welt und versteht sich zugleich als Botschafterin der nigerianischen Küche. Ein Kitchenbutterfly eben. Auf ihrem Blog und ihrem Instagram-Kanal postet sie regelmäßig neu interpretierte Rezepte mit traditionellen nigerianischen Zutaten. Tomaten, Zwiebeln, Blattgemüse, Mais, Hirse, Reis oder Maniok. Das meiste davon kommt direkt vom Feld.

Essen ist die Erkundung der Welt mit dem Gaumen

Sokoh ist im Süden Nigerias aufgewachsen, dem christlich geprägten Teil des Landes. Dort lebte sie in verschiedenen Städten, unter anderem in der 14-Millionen-Metropole Lagos. Als Jugendliche begann sie erstmals, mit Essen zu experimentieren.

Eine junge Frau in einem gelben Kleid schaut in die Kamera. (Ayobam Ogungbe)Auch Essen hat eine Geschichte, über die die Foodbloggerin Ozoz Sokoh berichtet. (Ayobam Ogungbe)

Von 1997 bis 2001 studierte sie in Liverpool Geologie, arbeitete anschließend in den Niederlanden, bevor sie als Foodbloggerin zurück nach Nigeria ging. Im Jahr 2009 hatte sie ein Erweckungserlebnis, das ihren Blick nicht nur auf die nigerianische Küche entscheidend veränderte. Seitdem ist Essen für sie die Erkundung der Welt mit dem Gaumen.

"Dann habe ich herausgefunden, dass nigerianischen Essen sehr viele kulinarische Kulturen in Südamerika beeinflusst hat – vor allem die in Brasilien."

Sie lernte, dass das nigerianische Gericht Akara auch in abgewandelter Form im Nordosten Brasiliens serviert wird - als acarajé. Kleine Kugeln aus einem Schlangenbohnen-Teig geformt, frittiert in Palmöl, serviert mit verschiedenen Saucen. Seinen Ursprung hat das Rezept allerdings in Westafrika. Nach Brasilien gebracht haben es afrikanische Sklaven.

Als diese Anfang des 19. Jahrhunderts als Retornados teilweise wieder in Afrika angesiedelt wurden, haben sie hingegen das Wissen über den Maniokanbau importiert, der heute in Nigeria nicht mehr wegzudenken ist:

"Das war der Punkt, an dem sich für mich alles änderte. Ich dachte zum ersten Mal: Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Ich beschäftigte mich immer mehr mit der Rolle von Essen in Bezug auf Identität und Kultur."

Vorurteile gegenüber der afrikanischen Küche

Auch während der britischen Kolonisierung Nigerias kam es zu einem kulinarischen Austausch. So haben die Briten in Nigeria nicht nur eine auf landwirtschaftliche Rohstoffe ausgerichtete Exportwirtschaft etabliert, sondern aus ihrer indischen Kronkolonie zugleich viele Gewürze wie indisches Currypulver nach Nigeria gebracht.

Essen, sagt Ozoz Sokoh, wird durch kulturellen Austausch reicher. Hier will Sokoh vielmehr aufklären über die Kolonialzeit sowie den Sklavenhandel – und mit ihrer Philosophie der neuen nigerianischen Küche zu einer Dekolonisierung beitragen:

"Viele Menschen denken, afrikanisches oder nigerianisches Essen sei primitiv. Aber das ist so falsch. Wenn man auf die Struktur der Gerichte und die Kombination der einzelnen Zutaten schaut, hat es einen Platz auf jedem Teller weltweit verdient. Deswegen möchte ich die Menschen darauf aufmerksam machen, dass nigerianisches Essen sehr wertig und lecker ist. Ich will diese koloniale Mentalität, diese uralten Denkweisen über nigerianische Küche verdrängen."

Der Dekolonisierung der nigerianischen Küche will sich die Foodbloggerin Ozoz Sokoh jedenfalls auch von Kanada aus widmen, wo sie seit Anfang des Jahres mit ihrer Familie lebt. Denn ihre Mission ist noch lange nicht zu Ende:

"Meine Hoffnung ist, dass die Gemeinsamkeiten beim Essen und der Ernährung den Menschen zeigen, wie ähnlich wir uns trotz aller Differenzen bei Geschlecht oder Hautfarbe sind. Mit Essen können wir Verbindungen schaffen, um uns zu verstehen, zu unterstützen - nicht zu diskriminieren. Essen ist ein Medium für den Weltfrieden."

Machtverhältnisse umdenken – für eine entkolonialisierte und antirassistische Welt. Unter dieser Überschrift startet heute das digitale Festival "Latitude". Ausgerichtet wird es vom Goethe-Institut, Deutschlandfunk Kultur ist Medienpartner. Drei Tage lang stehen dort künstlerische Beiträge und Debatten an, die sich alle um eine Frage drehen: Wie wirken koloniale Strukturen bis in die Gegenwart und wie können sie überwunden werden? Als Sprecherin mit dabei ist auch die nigerianische Foodbloggerin Ozoz Sokoh, die sich die "New Nigerian Kitchen" auf die Fahnen geschrieben hat – und die nigerianische Küche samt ihren Zutaten zelebriert.
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