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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 13.11.2018

Food-Outlet in BerlinSupermarkt für gerettete Lebensmittel

Von Lou Zucker

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Tüten mit Obst, Gemüse und Eierkartons in grünen Plastikkisten. (imago / Photocase)
Auch Obst und Gemüse, das nicht mehr perfekt aussieht, kann man essen - und verkaufen. (imago / Photocase)

Lebensmittel sollten nicht verschwendet werden. Das ist das Credo von Jewgeni Kazatchkov. In seinem "foodoutlet24" in Berlin-Neukölln verkauft er Birnen mit braunen Stellen, Chips, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder Kekse mit kleinen Produktionsfehlern.

Celia, 61, und ihre Freundin sind heute zum dritten Mal in dem kleinen Supermarkt an der Karl-Marx-Straße einkaufen. Die Schaufenster sind mit weißer Folien beklebt – das Geschäft namens Foodoutlet24 ist leicht zu übersehen.

Celia sagt: "Es geht einfach darum, weniger Sachen wegzuwerfen, und deswegen habe ich mir den Laden hier ausgesucht, ich wohne außerdem hier in der Nähe."

Kiane und Lukas, 26 und 23, sind heute zum ersten Mal hier. In ihrem Korb haben sie Kokoswasser und Kokoschips.

"Ich find’s ziemlich cool, dass es einen Laden gibt, der die Waren sozusagen rettet und dann verkauft für weniger Geld", sagt Kiane.

Braune Birnen zum halben Preis

Das Retten der Lebensmittel beginnt um fünf Uhr morgens beim Obst- und Gemüsegroßmarkt in Berlin-Moabit. Paletten werden umgepackt, Gabelstapler fahren eilig hin und her. In einer Ecke der Halle wird B-Ware angeboten. Heute gibt es kistenweise Birnen mit braunen Stellen und Cherrytomaten, die schon langsam weich werden. Jewgeni Kazatchkov, 37 Jahre alt, Gründer von "foodoutlet24", kommt zweimal die Woche.

Kazatchkov: "Zwei Kisten Birnen."
Verkäufer: "Ja, und die Ananas?"
Kazatchkov: "Ja, würden wir vielleicht auch eine Kiste mitnehmen."

Der Händler macht Kazatchkov ein Angebot: Er will die Hälfte des üblichen Preises. Die Kiste Birnen soll 6 Euro kosten, 60 Cent pro Kilo. Kazatchkov muss sich überlegen, wie viel seine Kunden für die braun angelaufenen Birnen bereit sind zu zahlen. Je länger die Birnen im Laden liegen, desto mehr wird er den Preis senken müssen. Er muss genau abwägen, denn auch er muss schließlich seine drei Mitarbeiter bezahlen.

Kekse für 30 Cent 

"Die Birnen sind B-Ware, die kosten im Handel normalerweise, wenn ich mich nicht irre, um die 3 Euro das Kilo und bei uns momentan 1,80 Euro", sagt Kazatchkov. "Und heute Abend werden sie wahrscheinlich für 1,20 Euro oder 1 Euro über den Tisch gehen. Ich hab schon am Samstag, letzten Samstag hab ich den Laden zugemacht, da habe ich eine ganze Kiste glaube ich für 1,30 Euro verkauft, das waren 3, 4 Kilo glaub ich. Das hat eine türkische Familie genommen, die haben gesagt, wir werden das alles heute Abend, spätestens morgen früh verarbeiten."

Jewgeni Kazatchkov ist in seinem Laden angekommen. Hier empfängt ihn seine Kollegin Karola Rohrmann, die seit der Eröffnung vor drei Monaten als Verkäuferin bei Foodoutlet24 arbeitet. Die beiden haben eine Mission: Ihnen geht es darum, dass so wenig Lebensmittel wie möglich weggeworfen werden. Hinten im Lager des Ladens öffnet Kazatchkov die Bio-Tonne, die das letzte Mal vor drei Tagen geleert wurde. Abgesehen von einem Bund Radieschen und zwei schimmligen Paprika ist die Tonne leer.

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen pro Jahr in deutschen Mülleimern (Imago)18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen pro Jahr in deutschen Mülleimern (Imago)

Bevor Ware entsorgt wird, sagt Karola Rohrmann, verschenkt sie sie lieber:

"Also, hier war letztens eine Omi, die hat in ihrer Tasche noch einen Euro gefunden, kam rein. 'Haben Sie irgendwo Kekse für unter einen Euro?' Sag ich: 'Ja, da hinten, die kosten 30 Cent'. Das andere Päckchen habe ich ihr geschenkt. Die hat mir einfach leidgetan. Da hat man richtig gesehen, die hat vielleicht 300 Euro Rente oder so, die hat fast geweint. Das ist auch das Ziel, dass die Leute einfach satt werden."

Manchmal sind Discounter billiger

Noch rentiert sich das Geschäft mit der B-Ware nicht. Das Ziel des Unternehmens: möglichst 50 Prozent unter den Verkaufspreisen regulärer Anbieter zu liegen. Auch das klappt noch nicht immer. Während Kazatchkov Birnen mit braunen Stellen für 1,80 Euro verkauft, gibt es bei der großen Discounter-Kette nebenan frische Birnen für 1,29 Euro das Kilo. Die Cherrytomaten wiederum kosten dort 6,30 Euro, bei Foodoutlet heute nur 2 Euro pro Kilo. Einige sind schon ein wenig schrumpelig, aber noch absolut genießbar.

"Jetzt sehe ich hier gerade diese Maisecken für 69 Cent die Tüte, die sind ja nun seit dem 17.6.2018 schon abgelaufen. Rechtlich ist das gar kein Problem, ja? Wenn man darauf hinweist?" 
"Genauso wie Sie sagen, wir können ja eine Tüte mal aufmachen…. Alles okay. Möchtet ihr auch probieren?"

Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) gekennzeichnet auf einem Ei (Imago)Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) gekennzeichnet auf einem Ei (Imago)

Bei manchen Waren ist das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter testen die Ware regelmäßig, doch manche Kundinnen und Kunden sind erst einmal abgeschreckt. Kazatchkov erklärt ihnen deshalb immer gleich am Eingang das Konzept des Ladens: "Weniger wegwerfen, Geld sparen und was Gutes für die Umwelt tun!"

Diese zwei kehren gleich wieder um.

"Manche switchen um", so Karola Rohrmann. "Du musst hier auch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten: Warum verkauft ihr das denn? Ist das überhaupt erlaubt? Natürlich ist das erlaubt, sonst würden wir’s ja nicht machen."

Auch die massive Verschwendung von Lebensmitteln ist erlaubt. Im Februar 2017 brachte die Landesregierung von Nordrhein-Westfahlen einen Antrag in den Bundesrat ein, um gesetzlich gegen die hohen Lebensmittelverluste in der Wertschöpfungskette vorzugehen. Auf rechtlicher Ebene hat sich seitdem jedoch nichts getan. Die Möglichkeit zur Veränderung liegt weiterhin allein bei den Verbrauchern – und bei Menschen wie Jewgeni Kazatchkov und Karola Rohrmann.

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