Seit 00:05 Uhr Neue Musik

Dienstag, 26.05.2020
 
Seit 00:05 Uhr Neue Musik

Tonart | Beitrag vom 30.03.2020

Folksängerin Basia BalutPoppig-poetische Reise zum Ich

Von Fanny Tanck

Beitrag hören
Die polnisch-kanadische Folksängerin  Basia Bulat tritt beim Polaris Music Prize in Toronto auf, im September 2016. Sie sitzt am Klavier und singt in ein Mikrofon. (picture alliance / The Canadian Press / Chris Young)
Liebe, Verlust, Trauer - die kanadische Songwriterin Basa Bulat hat all das auf ihrem neuen Album "Are you in Love" verarbeitet. (picture alliance / The Canadian Press / Chris Young)

Der Vater stirbt. Plötzlich stellt sich für Basia Bulat die Frage: Wo gehöre ich hin? Die polnisch-kanadische Sängerin hat sich selbst buchstäblich in die Wüste geschickt, um diese Frage zu klären. Herausgekommen ist das Album "Are You in Love?".

"Ich glaube, ich hatte die Liebe aufgegeben – bevor ich es überhaupt wusste", sagt die Musikerin Basia Bulat.

Und dann war sie plötzlich wieder da: die Liebe. Oder doch nicht?

"Are You in Love?" Diese große, rhetorische Frage, gibt auf Basia Bulats gleichnamigem Album den Ton an. Bereits nach wenigen Minuten ist man dem Sog dieser poppig-poetischen Hymnen erlegen, auch dank des Melodienreichtums, der das Album trägt und den Hörer förmlich emporhebt.

In 13 lebensbejahenden Songs, die dramaturgisch perfekt ineinander fließen, untersucht, hinterfragt und feiert Basia Bulat die Bedeutung von Liebe.

"Ich habe diese Songs in einer Zeit geschrieben, die nicht nur von Verliebtheit, sondern auch von einer tiefen Depression geprägt war. Und, ich glaube, ich habe das erste Mal in meinem Leben wirklich verstanden, was Liebe ausrichten kann", sagt die Sängerin rückblickend.

Rückzug in die Wüste

Nach dem Tod ihres Vaters fühlt sich Basia Bulat wie gelähmt. Sie zieht sich mit ihren noch unfertigen Songs in die Wüste Kaliforniens zurück. Es beginnt eine Zeit der Selbstbefragung: Was muss ich loslassen, damit es weiter geht? Wo, was oder wer ist mein Zuhause?

Wer war ich, wer bin ich, wer will ich sein, fragt sie mit ihrer federnden, leicht rauen Stimme, die einmal mehr zum Befreiungsschlag ansetzt. Diesmal sind es die Traumata des Erwachsenwerdens, vorgefertigte Rollenbilder, denen sie entkommen will und die eine wahre Version ihrer selbst sind, der sie nicht traut.

"Are You lost?" – Bist du verloren? fragt eine Art Über-Ich die Erzählerin im Song "Hall of Mirrors". Es ist, als ob wir zwei Basias hören, eine, die sich im Strudel der vielen Gesichter verliert, und eine, die sich selbst beobachtet und dadurch erst findet. Auch musikalisch ist "Hall of Mirrors" ein Zwittersong.

Vordergründig folgt man den beruhigenden Harmonien und einer eingängigen Melodie durch das Spiegelkabinett, doch es gibt diese psychedelischen, latent störenden Klänge im Hintergrund: Ein singendes Sägen, das sich erst subtil, dann immer deutlicher seinen Weg ins Bewusstsein bahnt.

Doppelte Heimat als Potenzial

Auf diese Weise wird sowohl das Glück als auch die Bürde des Menschen ausgedrückt, als Wesen wandelbar zu sein. Im Zeitalter von Facebook und Instagram verwischen die Grenzen der Identität sowieso, doch auch abseits des Digitalen blicken Menschen ungläubig auf vergangene Phasen ihres Lebens zurück und fragen sich: Wer, zum Teufel, war das? Etwa ich?

Als Tochter polnischer Einwanderer in Kanada war Basia Bulats Alltag zeitlebens von Kontrasten und Ungereimtheiten geprägt. Bin ich nun Polin oder Kanadierin? Bin ich Basia oder bin ich Barbara? Entscheidend sei für die Musikerin gewesen, endlich die Brüche ihrer Doppelheimat zu akzeptieren und in ihnen ein Potenzial zu sehen, anstatt den Idealvorstellungen einer perfekten Biografie hinterher zu jagen.

"Wir brauchen Geschichten und wir verlassen uns auf sie in Zeiten, in denen wir nicht weiterwissen. An einem bestimmten Punkt in unserem Leben, wenn wir älter sind, können uns die Geschichten im Stich lassen. Aber: Da ist trotzdem noch die Liebe, am Ende", sagt die Sängerin.

"Meine Liebe für dich ist ehrlich, doch sie kann dich nicht retten. Sie ist wahr, doch sie wird dich nicht ändern", singt sie im Song "Fables". Liebe existiert um ihrer selbst willen. Sie ändert nicht, sie verwandelt. Vergrößert. Bewegt. Das gilt auch für die 13 Songs dieses Albums, die nicht makellos, aber gerade darum so stark und liebenswert sind.

Mehr zum Thema

Folk-Rock von Kevin Morby - Kirchenlieder ohne Gott
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 29.04.2019)

Ben Caplan: "Old Stock" - Stimmgewaltiger Geschichtenerzähler 
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 13.06.2018)

Neue Alben - Hymnisch schöner Pop
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 28.10.2016)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur