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Tonart | Beitrag vom 19.04.2016

Folk-Musikerin Aldous Harding"Ich hätte so gern einen Hund und ein Kaminfeuer"

Aldous Harding im Gespräch mit Haino Rindler

Die neuseeländische Musikerin Aldous Harding (Promo / William Lacalmontie)
Die neuseeländische Musikerin Aldous Harding (Promo / William Lacalmontie)

Sie ist so etwas wie ein düsteres Folk-Wunder: Als sie ihre Songs schrieb, sei sie sehr ängstlich und dünnhäutig gewesen, sagt Aldous Harding. In der "Tonart" erzählt die neuseeländische Musikerin, wie eigene Sehnsüchte und gespenstische Literatur sie inspirieren.

Haino Rindler: Eine Frau, die einen mit ihrer Stimme unglaublich berühren kann. Aber dann auch mit ihren Texten in einen Abgrund reißen kann, dass einen die Gänsehaut überkommt. Die Künstlerin nennt sich Aldous Harding, kommt aus einem kleinen Hafenort auf der Südinsel Neuseelands, Lyttelton, und macht Goth Folk: So nennt sie ihren Stil. Was das bedeutet und welche Kräfte überhaupt Aldous Harding zum Musikmachen getrieben haben, das kann ich sie jetzt und hier fragen, denn sie ist bei uns im Studio. Willkommen Aldous Harding! Schön, dass Sie hier sind.

Aldous Harding: Vielen Dank, ich freue mich, heute hier zu sein.

Haino Rindler: Wenn man so Ihren Songs zuhört, dann vermutet man da sehr viele Symbole, die da so drinstecken, Dinge, die Sie nur antippen, aber gar nicht aussprechen. Woher kommen denn diese Geschichten?

Aldous Harding: Als ich das Album geschrieben habe, war ich sehr ängstlich und sehr dünnhäutig, aber ich kann nicht genau sagen, woher das kam. Das ist wirklich eine schwierige Frage und sehr persönlich – und im Grunde kenne ich die Antwort selbst nicht. Ich hatte zu der Zeit einfach viel Angst, eine Mischung aus Traurigkeit und Angst, das war es, schätze ich.

Haino Rindler: Gleich im ersten Song gibt es eine Anspielung auf Baudelaire. Inwiefern stehen denn Ihre Texte in Verbindung mit Literatur zum Beispiel?

"Ich neige dazu, mich selbst sehr unter Druck zu setzen"

Aldous Harding: Ach, eigentlich mache ich mir oft Sorgen, dass ich zu wenig Kultur mitbekomme, dass ich zu selten ins Museum gehe und solche Dinge. Wenn ich auf Tour bin, so wie im Moment, dann gibt es jeden Tag was Neues, man ist ständig an neuen Orten. Und ehrlich gesagt bin ich dann froh, wenn ich wieder zu Hause bin, mir ein Sandwich mache und die Simpsons im Fernsehen schaue. Ich hätte so gern einen Hund und ein Kaminfeuer, ein bisschen Wein und meine Bücher und eine Küche – ich wünsche mir so sehr all diese Dinge ... Und ich liebe es natürlich, Musik zu machen.

Haino Rindler: Ist das der Ort, wo Sie auch Ihre Songs schreiben – zu Hause?

Aldous Harding: Das ist zumindest der Plan, dass ich an Orten sein kann, an denen ich gute Musik schreiben kann – zu meinen eigenen Bedingungen, so, dass es mich nicht so stresst. Weil ich dazu neige, mich selbst sehr unter Druck zu setzen.

Haino Rindler: Lassen Sie mich noch mal einen anderen Song ansprechen, den ich sehr, sehr interessant fand. "Titus Groan" ist der Titel, das ist auch eine Figur aus der Novelle "Gorman Gast" hab ich gelesen, die Mervyn Peake veröffentlicht hat, schon vor vielen Jahren. Das ist eine ziemlich gespenstische Atmosphäre, etwas, was Sie vielleicht auch stark anspricht?

"Dieser Song sollte eine Art Mantra sein"

Aldous Harding: Ich fand diese Bücher einfach unglaublich. Aber ich habe den Song dann nicht über Titus Groan geschrieben oder über eine andere Figur aus dem Buch, sondern über mich und die Träume, die ich hatte. Als ich den Song geschrieben habe, war ich ein Teenager und deshalb geht es darin auch viel um das Verwirrtsein darüber, dass Menschen so aggressiv sind und dass ich da keine Ausnahme bin. Und dieser Song sollte eine Art Mantra sein, aber ich glaube, das hat nicht hingehauen.

Haino Rindler: Sie haben auch mal einen anderen Begriff ins Spiel gebracht, zumindest habe ich den gelesen. Goth Folk haben Sie den Stil genannt, den Sie selber machen. Das klingt für mich erstmal sehr mysteriös, irgendwie dunkel, aber so empfinde ich die Musik gar nicht, wenn ich die Platte höre. Wie empfinden Sie sie denn selbst?

Aldous Harding: Naja, damals dachte ich, dass in dem, was ich mache, eine ganz besondere Dunkelheit ist. Aber da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher. Klar ist es düster, was ich mache, aber ob es etwas Einzigartiges ist, weiß ich nicht. Gothic, was bedeutet das? Müde. Alt. Ängstlich. Voller Dunkelheit. Ich glaube all diese Dinge haben mich damals ausgemacht, als ich diese Songs geschrieben habe, und das war einfach ein Begriff, den man für so etwas benutzt.

Haino Rindler: Vielen Dank, Aldous Harding, bei uns im Studio der "Tonart"!

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