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Tonart | Beitrag vom 20.11.2018

Folk-Feminismus aus Australien von Stella Donnelly"Ich war richtig sauer und wollte gehört werden"

Von Jessica Hughes

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Eine Hand auf der "#MeToo" und "#Balancetonporc" ("Schwärz' dein Schwein an") (AFP / Bertrand Guay)
#MeToo-Erfahrungen gemacht: Stella Donnelly ist eine feministische Stimme in der Musik (AFP / Bertrand Guay)

Die Australierin Stella Donnelly singt gegen sexuelle Gewalt. Am Anfang stand ein Erlebnis in einer Bar, das sie richtig wütend machte. Doch wütend klingt ihre Musik nicht. Ein Trick, um gehört zu werden.

Die meisten Frauen haben eine Geschichte oder kennen die einer Freundin, Schwester oder Mutter - jede kann davon erzählen, wie es ist, wegen des eigenen Geschlechts diskriminiert zu werden.

Stella Donnelly sucht nicht lange nach Worten. Die Mittzwanzigerin spricht selbstbewusst über das, was sie beschäftigt. "Ich muss jetzt allein sein" singt sie im Song "Mechanical Bull", Opener ihrer aktuellen und ersten EP "Thrush Metal". Er ist einer von sechs Lo-Fi-produzierten Songs, die sie nur mit Akustik- oder E-Gitarre im Wohnzimmer eines Freundes aufgenommen hat. Der Song entstand nach einer Barschicht.

"In dem Song geht es darum, wie es ist, mit einer Gruppe von Frauen in einer Bar zu arbeiten. Eine Gruppe von Männern kommt herein und denkt, dass sie mit dir alles machen können, dich anfassen, sagen, was sie wollen. Ich kam nach meiner Schicht nach Hause und schrieb diesen Song, weil ich so frustriert war. Ich war richtig sauer und wollte gehört werden."

Schon als Kind Gitarre gespielt 

Die Australierin Stella Donnelly wächst zunächst in Wales in Großbritannien auf. Schon als Kind beginnt sie Gitarre zu spielen. Ihre Vorbilder: walisische Folk- und Rockbands und die politischen Songs des Briten Billy Bragg, die sie mit ihrem Vater im Auto auf Kassette hört. Auf ihrer Gitarre spielt sie alles nach, vor allem die Songs, die eine Geschichte erzählen.

Heute erzählt Stella Donnelly ihre eigenen Geschichten. Der Titel "Thrush Metal" ihrer Debüt-EP gibt dabei einen klaren Hinweis auf ihren Blickwinkel: In ihm steckt eine Anspielung an die aggressive Musik des "Thrash Metal" – mit "Thrush" ist hier allerdings die Rede von "Vaginalpilz" - ein kleiner Scherz, wie sie erklärt.

Wer hier nun aber laute Rrrriot-Girl-Musik erwartet, wird auf eine falsche Fährte gelockt. Sie liebe sanfte Musik, wie die der britischen Musikerin Laura Marling, erzählt Donnelly. Auch wenn sie in anderen Projekten Punk spiele, wähle sie für ihr eigenes Projekt einen anderen Weg.

"Wenn du einen Punk-Song hörst, weißt du, dass er wütend ist. Wenn ich aber wirklich zu jemandem durchdringen möchte, spiele ich einen sanften Gitarrenpart. Die Leute denken dann 'Oh, das ist aber ein netter Song', während ich sie beschimpfe und versuche etwas deutlich zu machen. Und es wird tatsächlich eher bei ihnen ankommen, denn sie haben nicht damit gerechnet, werden ertappt. Das ist mein kleiner Trick."

Die Melodie von "Boys Will Be Boys" gleicht einem naiven "nursery rhyme" – einem Kinderlied, das sich unschuldig und eingängig ins Gehör windet. Darin erzählt Stella Donnelly die Geschichte einer Freundin, die nach einer Vergewaltigung "victim blaming", also eine "Täter-Opfer-Umkehr" erfahren musste. Eine exemplarische Geschichte, wie Donnelly weiß.

"Wenn man alle in eine Kategorie steckt und sagt 'Ach, Jungs sind eben Jungs, sie sind alle gleich... Solche Sachen passieren...' ist es auch Männern gegenüber nicht fair, denn es nimmt ihnen die eigene Verantwortung und überträgt sie auf das Opfer. Es ist eine faule Ausrede."

Punk-Attitüde in Folk-Sound gehüllt

Mit ihrer Punk-Attitüde, gehüllt in einen Folk-Sound, erinnern einige Songs von Stella Donnelly an frühe Musik der US-amerikanischen Aktivistin und Musikerin Ani DiFranco. Donnelly erzählt jedoch aus der Perspektive einer Millenial-Frau in einer Welt zwischen Third-Wave-Feminismus, Tinder und Trump. Auch wenn sie sich nicht als Vorbildfigur sehe, hätte sie sich selbst einen Song wie "Boys Will Be Boys" als Teenager gewünscht, auch für ihre männlichen Klassenkameraden.

"Das beste Feedback, dass ich mal bekommen habe, kam von einem männlichen Farmer, irgendwo aus Australien. Er rief beim Radiosender an und sagte: 'Ich musste meinen Traktor gerade mitten im Feld anhalten, um zu weinen. Ich werde diesen Song meinen Söhnen und Töchtern vorspielen und wir werden darüber sprechen. Ich möchte mit diesem Song, so viele Menschen wie möglich erreichen.'"

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