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Zeitfragen | Beitrag vom 17.09.2019

Folgen des DürresommersWie der Klimawandel die Wirtschaft bremst

Von Thilo Schmidt

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Eine dichte Staubwolke zieht ein Traktor bei Feldarbeiten in Schönhagen in Brandenburg hinter sich her, aufgenommen im August 2018 (picture alliance/dpa / Ralf Hirschberger)
Hitzeschäden in der Landwirtschaft: ein Traktor bei Feldarbeiten in Brandenburg im Sommer 2018. (picture alliance/dpa / Ralf Hirschberger)

Im Hitzesommer im Jahr 2018 regnete es kaum. Und auch 2019 gilt als klimatologisches Extremjahr. Die Folgen nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Wirtschaft lassen sich schon jetzt beziffern – und sind enorm.

Es war ein Rekordsommer in jeder Hinsicht: 2018 ging als das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Geschichte ein, zugleich regnete es kaum. Meteorologen sprechen von einer klimatologisch einzigartigen "Wetteranomalie", die bis in den Dezember anhielt. Das hat Folgen: Für unser Wohlbefinden, für Flora und Fauna, aber auch für die Wirtschaft.

"Wir hatten hier an unserem Standort in der Nähe von Wismar lange Phasen von zwei bis drei Wochen, wo wir teilweise über 30 Grad hatten, das hat die Erträge deutlich dezimiert. Wir hatten teilweise in einigen Kulturen gerade so 50 Prozent unseres normalen Durchschnittsertrages geerntet …", sagt Michael Brink, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Steinhausen in Mecklenburg, "… das ist wirklich dramatisch."

Andere Betriebe mussten Ernteausfälle bis zu 70 Prozent verkraften. Und nicht nur die Landwirtschaft litt unter dem Dürresommer 2018. Oder wie Meteorologen sagen: der klimatologisch einzigartigen Wetteranomalie.

Ganz konkrete Auswirkungen

"Die deutsche Wirtschaft hat durchaus darunter gelitten, dass der Sommer zu trocken gewesen ist …", bestätigt auch Claus Michelsen, Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik beim DIW, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, "… dass der Sommer zu warm gewesen ist, und in der Folge eben ganz konkret in der Landwirtschaft die Ernte beispielsweise schwächer ausgefallen ist als üblich. Das sind so die ganz unmittelbaren Folgen. Es hat aber auch Auswirkungen in anderen Bereichen, nämlich beispielsweise in der Schifffahrt. Das hat uns alles in allem kräftig Wachstum gekostet, das dritte und vierte Quartal ist ungefähr zwei Zehntel Prozentpunkte schwächer ausgefallen als üblich, und das kann man ganz konkret auf diesen Dürresommer zurückführen."

Rhein und Elbe waren nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr schiffbar. Was wiederum Auswirkungen hat: Betriebe an den Flüssen konnten nicht mehr beliefert werden und nichts mehr liefern. An manchen Tankstellen wird das Benzin knapp.

Porträt von Max Bangert, Meteorologe der BASF, am Rhein (Thilo Schmidt)Auch 2019 ist ein klimatologisches Extremjahr, musste Max Bangert, Meteorologe der BASF, feststellen. (Thilo Schmidt)

In der zweiten Jahreshälfte 2018, heißt es aus der BASF, sei die Rohstoffversorgung beinahe zum Erliegen gekommen.

"Ab Mitte des Jahres ist der Rheinpegel gefallen – und bis schlussendlich in den November mit nem kleinen Ansteigen des Pegels im September hatten wir eigentlich Niedrigwassersituation mit eingeschränkter Schiffbarkeit, bis hin zu Oktober, November, wo wir eben Situationen hatten, wo dann an den Engstellen des Rheins weiter flussabwärts kaum noch ne Schiffbarkeit möglich war, wo dann nur noch sehr vereinzelt Schiffe die BASF erreichen konnten", sagt Max Bangert, Meteorologe der BASF, am größten Chemiestandort der Welt, an dem fast 40.000 Menschen arbeiten. "Und das war schon ein extrem außergewöhnliches Ereignis, gar nicht mal aufgrund der niedrigen Pegel, die erreicht wurden, sondern vor allem die Länge des Niedrigwassers."

Mit 250 Millionen Euro hat der Dürresommer das Konzernergebnis belastet. Eine Viertelmilliarde Euro wegen Hitze und Trockenheit – einen so heftigen Einbruch wegen des Wetters hat der Chemiekonzern in seiner mehr als 150-jährigen Geschichte noch nicht erlebt. Und auch dieses Jahr, musste Werksmeteorologe Bangert feststellen, ist ein klimatologisches Extremjahr.

Förster: Verhältnisse wie in der Serengeti

Und auch die Waldwirtschaft ist betroffen.

"Absoluter Extremsommer. Absoluter Extremsommer, wir haben also etwas über die Hälfte nur der Regenfälle gehabt, hier. Und man muss sich das so vorstellen: Wir haben damit Verhältnisse gehabt, wie sie vielleicht in der Serengeti üblich waren, wo dann Zebras oder Nashörner weiden. Und diese Witterungsverhältnisse hatten wir hier direkt vor Ort", sagt Martin Hasselbach, Förster und auch Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes Brandenburg – dem schon jetzt trockensten Bundesland, das am schnellsten und extremsten vom Klimawandel betroffen sein wird. Und schon längst betroffen ist. Die abgestorbenen Bäume sind als Bau- oder Möbelholz nicht mehr zu verwerten.

Porträt von Martin Hasselbach im Wald, Förster und Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes Brandenburg (Thilo Schmidt)Martin Hasselbach ist Förster und auch Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes Brandenburg. (Thilo Schmidt)

Insgesamt rechnen die Waldbesitzer mit Schäden von mehr als fünf Milliarden Euro, verursacht durch Schädlinge, Waldbrände und Trockenheit. Auch viele Nachpflanzungen haben das Dürrejahr nicht überlebt. Und das Aufforsten ist mühsam und teuer.

Der Ederstausee in Nordhessen war zwischenzeitlich nur noch zu zehn Prozent gefüllt. In Rheinland-Pfalz machten sich im Sommer und Herbst vergangenen Jahres hunderte Menschen zu Fuß auf den Weg zum Binger Mäuseturm aus dem 14. Jahrhundert. Der steht auf einer Rheininsel und ist eigentlich nur wenige Male im Jahr mit dem Schiff erreichbar. In Brandenburg trocknete die Schwarze Elster, ein Nebenfluss der Elbe, in der Nähe von Senftenberg komplett aus – auf einer Länge von fünf Kilometern Länge.

Weitgehend unbemerkt hat in Deutschland ein Verteilungskampf um Wasser begonnen. Landwirte mussten ganze Äcker aufgeben, weil die Behörden ihnen das Bewässern verboten hatten. In Kelkheim im Taunus warnte die Feuerwehr per Lautsprecherwagen, kein Wasser für Swimmingpools oder Rasensprenger zu entnehmen, weil die Trinkwasserversorgung der Stadt akut gefährdet sei.

Schifffahrt kämpft mit Niedrigwasser

Die niedrigen Wasserstände betreffen auch Reedereien und die Frachtschifffahrt – bei letzterer ist die Bilanz so eindeutig nicht.

"Wenn wir jetzt als Beispiel nehmen: Normalerweise lädt ein Schiff vielleicht zweieinhalbtausend Tonnen ein, bei normalem Wasserstand, und kann das jetzt nicht mehr aufgrund des Niedrigwassers, und fährt nur noch mit tausend Tonnen oder noch weniger, dann brauche ich, um dieselbe Transportleistung zu erbringen, natürlich entsprechend mehr Schiffe. Und wer dann Schiffsraum hat, der kann mit Sicherheit davon auch profitieren und kann dort bessere Frachtraten durchsetzen", sagt Detlef Maiwald, Binnenschiffer und Vorstandsmitglied des "Bundesverbandes der Selbständigen Abteilung Binnenschifffahrt".

Porträt von Detlef Maiwald an Bord eines Schiffes - er ist Binnenschiffer und Vorstandsmitglied des "Bundesverbandes der Selbständigen Abteilung Binnenschifffahrt" (Thilo Schmidt)Detlef Maiwald ist Binnenschiffer und Vorstandsmitglied des "Bundesverbandes der Selbständigen Abteilung Binnenschifffahrt". (Thilo Schmidt)

Freuen konnten sich höchstens die Brauereien, die deutlich mehr Getränke verkauften.

"Wir freuen uns extrem über lang anhaltendes schönes Wetter", sagt Peter Gliem, Berliner Kindl-Schultheiß-Brauerei. "Wenn das ist: Abends, 22 Uhr Deutschland, 22 Grad, dann ist Bierwetter, Bierlaune. Dann sind die Biergärten voll. Und der Rekordsommer, der Dürresommer letztes Jahr, der war auch für uns, in der Bierbranche im Allgemeinen ein sehr, sehr toller Sommer. Und wenn man sich ganz aktuelle Zahlen vom Statistischen Bundesamt anguckt: Erstes Halbjahr 2018 versus erstes Halbjahr 2019 ist es leider wieder weniger geworden."

Schäden in Millardenhöhe

Alleine der Landwirtschaft ist ein Schaden in Höhe von drei Milliarden Euro entstanden. Chemiefabriken und Raffinerien am Rhein waren wegen der niedrigen Pegelstände mit voll beladenen Schiffen nicht mehr erreichbar, auf der Elbe war der Schiffsverkehr zeitweise ganz eingestellt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass Hitze und Dürre das Wachstum in Deutschland um 0,2 Prozentpunkte gebremst haben.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein Rekordsommer macht noch keine Wirtschaftskrise. Doch sollten sich die Dürreperioden verstetigen, dann stehen ganze Geschäftsmodelle in Frage.

Autor: Thilo Schmidt
Sprecherin und Sprecher: Nina West, Thilo Schmidt
Regie: Roman Neumann
Ton: Jan Fraune
Redaktion: Martin Mair
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019

Dieser Text ist eine stark gekürzte Fassung. Lesen Sie hier das vollständige Manuskript im pdf-Format.

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