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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.04.2016

Folgen der FamiliensynodeHomosexualität bleibt schwieriges Thema

Marianne Heimbach-Steins im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Papst Franziskus bei der Kreuzweg-Prozession an Karfreitag am Kolosseum in Rom.
Der Papst Franziskus erteilte der Homo-Ehe eine erneute Abfuhr, fordert aber Respekt für Homosexuelle.

Was bedeutet das apostolische Schreiben des Papstes für die katholische Familienpolitik? Die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins hat die 184 Seiten gelesen und verrät uns ihre Prognose des Umgangs der Katholiken mit familiären Konflikten und modernen Konstellationen.

Anne Françoise Weber: Über zwei Jahre hat der Prozess gedauert: Umfragen fanden statt, Arbeitspapiere wurden vorbereitet, zweimal tagten Synodenväter und Beobachter und Beobachterinnen aus aller Welt in Rom, um über die Themen Ehe und Familie zu diskutieren. Nun hat Papst Franziskus aus dem Ganzen ein nachsynodales apostolisches Schreiben – so der Fachbegriff – gemacht. Am Freitag wurde es in Rom veröffentlicht. "Amoris Laetitia" lautet der lateinische Titel traditionsgemäß nach den ersten beiden Worten des Textes, denn der erste Satz lautet: "Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche." Aber ganz so einfach ist es ja doch nicht mit dieser Freude der Liebe. Es gibt Konflikte, Gewalt, Trennungen, und es gibt Familien, die dem klassischen Schema Vater, Mutter, Kinder nicht mehr entsprechen. Damit muss die katholische Kirche umgehen und das alles mit ihrer Lehre in Einklang bringen. Wie nun der Papst diese Dinge sieht, welche Schlüsse er aus dem synodalen Prozess zieht und welche Vorgaben er als Oberhaupt der katholischen Kirche macht, darüber habe ich vor der Sendung mit Marianne Heimbach-Steins gesprochen. Sie ist katholische Theologin, Professorin für Christliche Sozialethik an der Universität Münster und leitet dort das Institut für christliche Sozialwissenschaften. Was ist für sie die wichtigste Botschaft des immerhin 184 Seiten langen Dokuments?

Marianne Heimbach-Steins: Zunächst einmal denke ich, schon der Titel gibt wieder einen Tenor vor, und das ist eine ganz wichtige Botschaft, dass der Papst über die Wirklichkeit von Familie, von Ehe und Partnerschaft und Familie unter dem Vorzeichen der Freude und der Liebe sprechen möchte. Das ist nicht immer so selbstverständlich gewesen in der katholischen Lehre über diese Themen, und für Papst Franziskus ist das ganz klar sozusagen ein Leitwort seines Pontifikates, seiner Verkündigung, dass er die "Freude des Evangeliums" – das war schon mal ein Titel eines sehr Lehrschreiben – ins Zentrum stellt, von daher versucht, einen durchaus realistischen Blick auf die Wirklichkeit, auch auf komplexe Wirklichkeiten zu richten. Das scheint mir eine zentrale Botschaft auch zu sein, die aus diesem neuen großen Schreiben heraus spricht.

Sakramente als Nahrung für die Schwachen

Weber: Ziemlich ausführlich geht der Papst auch auf besondere Situationen ein, unter die dann auch die geschiedenen Wiederverheirateten fallen. Da stößt er jetzt nun die Lehre nicht komplett um, dass diese Katholiken im Prinzip keine Eucharistie empfangen sollen, aber er schreibt neben allgemeinen Bemerkungen zur Prüfung der Situation auch noch in zwei Fußnoten, dass die Sakramente eine Hilfe sein können und dass sie Nahrung für die Schwachen, nicht Belohnung für die Vollkommenen sein sollen. Warum handelt er so ein zentrales Thema in letztlich zwei Fußnoten ab? Können Sie sich das erklären?

Heimbach-Steins: Ich sehe das etwas anderes: Ich würde nicht sagen, dass das Thema nur in den Fußnoten abgehandelt wird, sondern man muss den Gesamtduktus des Textes sehen, um die Bedeutung dieses Themas einzuschätzen. Ich glaube, Papst Franziskus hat von den Synodenprozessen her ganz stark den Impetus aufgenommen, dieses Thema der Beteiligung, der Integration – er spricht von Eingliederung aller – in die Gemeinschaft der Kirche als einen Prozess, einen pastoralen Prozess ganz hoch zu hängen und diesen pastoralen Prozess in ein gutes Verhältnis zu der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe zu setzen. Das führt dazu, dass er natürlich das Bild dieser auf lebenslange Treue angelegten Ehe, die im Sakrament besiegelt wird und die sich die Eheleute selbst versprechen vor Gott, das macht er stark, und gleichzeitig sagt er, es ist eben eine dynamische Wirklichkeit, und wir müssen uns dieser Wirklichkeit öffnen und stellen und sie in den jeweiligen konkreten Situationen anschauen und nicht einfach so ein Schwarz-Weiß-Bild – hier die Norm, da die Wirklichkeit, die der Norm nicht entspricht –, und dann ist da eben ein Bruch, eine Diskrepanz, die wir aufgrund der Treue zum Sakrament nicht heilen können. Darüber will er hinweg.

Weber: Am Anfang schreibt er auch sehr explizit, man könne im jeden Land oder in jeder Region besser inkulturierte Lösungen suchen, die eben örtlichen Traditionen und Herausforderungen gemäß sein können. Ist das dann ein Auftrag an die Priester vor Ort, die Einzelfälle vor diesem Hintergrund zu prüfen, oder geht es dann doch um einen Auftrag an die Ortskirchen und ihre Bischofskonferenzen, da gemeinsame Regelungen zu finden?

Heimbach-Steins: Die Eingangsbemerkungen zu der Bedeutung dieser Überlegungen in dem Schreiben sind ganz, ganz entscheidend für die Rezeption und für die Aufgabe, die da auf jeden einzelnen Seelsorger, natürlich auch auf die jeweils örtlich verantwortlichen Bischöfe zukommen, in einer sehr wachen Wahrnehmung der lokalen Situation, der kulturellen Situation, der Rahmenbedingungen, unter denen in einem bestimmten Kontext Familie gelebt wird, anzuschauen und dann aber nicht nur wiederum dafür allgemeine Normen stark zu machen, sondern wirklich den Einzelfall pastoral anzuschauen, und das nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg, sondern mit den Betroffenen, mit den Menschen, die ganz konkret ihre Lebensgeschichte vor Gott reflektieren wollen. Das macht er sehr stark, indem er, so wie das auch in den Synodenprozessen sich schon abzeichnete, einen neuen starken Akzent auf das individuelle Gewissen legt, auf das Gewissen der Menschen, die in Familienwirklichkeiten leben, auch auf das Gewissen derer, die als Seelsorgende mit diesen Menschen unterwegs sind. Das, glaube ich, ist eine ganz entscheidende Botschaft, eine ganz entscheidende Weichenstellung, die der Papst auch mit diesem Schreiben noch mal bekräftigt, die sehr seinem Verständnis des Verhältnisses von Lehre und Leben entspricht. Dafür ist außer dem Stichwort des Gewissens das für den Papst sehr typische Stichwort der Unterscheidung ganz besonders wichtig, das in seinem Denken als Jesuit eine zentrale Rolle spielt.

Respekt für Homosexuelle

Weber: In Deutschland ist dieses Thema der wiederverheirateten Geschiedenen sehr zentral. Gehen Sie davon aus, dass die Bischofskonferenz sich da noch mal klar zu Wort melden wird oder dass man sich da doch eher zurückhält und das den einzelnen Seelsorgern überlässt?

Heimbach-Steins: Ich vermute schon, dass die Kirche in Deutschland in Gestalt ihrer Verantwortungsträger sich mit diesem Thema weiter intensiv befassen wird, zumal auch aus dem deutschen Sprachzirkel in der zweiten Synode wesentliche Impulse für das Thema gekommen sind, und das natürlich – gerade weil das Thema so bedeutend und auch in der Öffentlichkeit der deutschen Kirche so hoch angesiedelt ist –, natürlich jetzt nicht einfach im individuellen Arbeitsalltag der Seelsorgenden und der Menschen verschwindet oder nur dort angesiedelt sein wird. Ich glaube, dass das uns weiter beschäftigen wird und einem sehr konstruktiven Sinn beschäftigen kann.

Weber: Der Papst schreibt von der Vielfalt familiärer Situationen, und er ruft dazu auf, homosexuelle Menschen zu respektieren und ihre Würde zu achten. Er stellt aber trotzdem noch mal sehr deutlich klar, dass es keine Analogien zwischen homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem, ich zitiere, "Plan Gottes über Ehe und Familie geben kann". Wieso ist in diesem Punkt so wenig Spielraum?

Heimbach-Steins: Also in diesem Punkt geht das Schreiben des Papstes nicht über das hinaus, was das letzte Synodendokument festgehalten hat. Das hat über diese Fragen in beiden Synoden intensive Debatten gegeben, und ganz offensichtlich ist es so, dass hier in unterschiedlichen Teilen der Weltkirche je nach gesellschaftlichem, kulturellem Kontext die Diskussionsspielräume offenbar sehr, sehr unterschiedlich sind. Meine vorsichtige erste Einschätzung ist, der Papst hat jetzt mit dem nachsynodalen Schreiben versucht, an den Punkten zu intensivieren, die Diskussion weiterzuführen aus der Synode, an denen auch im gesamtkirchlichen Spektrum eine Konsensbildung vorangeschritten ist im Rahmen der Synoden.

Bei dem Thema Homosexualität, Umgang mit Menschen in homosexuellen Lebensgemeinschaften hat sich das in den Synoden als extrem schwierig erwiesen. Von daher habe ich den Eindruck, er lässt das im Moment liegen, könnte man sagen, auf dem Stand, der in den Synoden erreicht worden ist, der nicht wirklich über den Katechismus der Weltkirche hinausgeht. Ich würde aber ergänzen, dass mit dem Grundduktus, den der Papst vorstellt und den er aus den Synodenprozessen heraus verstärkt, für meine Begriffe, mit diesem pastoralen Weg, mit der Betrachtung der konkreten einzelnen Situationen, mit dem starken Werben für das Wahrnehmen der Gewissensverantwortung aller Beteiligten, dass hier im Grunde genommen ein Weg eröffnet wird, der auch für weitere Fragen, die im Moment noch nicht als spruchreif oder als entscheidbar angesehen werden, Wege geöffnet werden, auf denen man weitergehen können wird. Das ist zumindest die Hoffnung, die ich daran knüpfen würde.

Vorsichtige Äußerungen zur Gender

Weber: Sie haben in Ihren eigenen Forschungen in früheren Dokumenten der katholischen Kirche Sichtbehinderung in Bezug auf eine Genderperspektive festgestellt. Wie sieht es jetzt hier aus? Der Papst schreibt ja viel über Frauen, er spricht auch von der Unterscheidung zwischen sex und gender, also biologischem Geschlecht und sozial-kulturellen Rollenzuschreibungen. Sind jetzt alle Sichtbehinderungen weg?

Heimbach-Steins: Nein. Ich glaube nicht. Das Schreiben ist vergleichsweise zurückhaltend im Umgang mit diesem Thema. Der Papst macht sehr deutlich seine Wertschätzung für jeden Einsatz für die Würde und die Rechte der Frauen. Er hat in einem Abschnitt des Textes die Ablehnung dessen, was in manchen kirchlichen Kreisen unter dem Stichwort Genderideologie verhandelt wird, aufgegriffen. Auch das entspricht dem, was in den letzten Synodendokumenten zu lesen war. Es kommt aber vorsichtiger daher, als wir das in manchen früheren kirchlichen Dokumenten lesen mussten, konnten, je nachdem, wie man das interpretiert. Ich glaube, dass es da tatsächlich noch viel zu tun gibt. Ich würdige die Vorsicht, mit der insgesamt dieses Thema angefasst wird als eine ganz behutsame Signalsetzung, auch hier ist nicht das letzte Wort gesprochen. Man muss noch mal genauer gucken, wo wird denn hier der Ideologievorwurf gesehen, was wird da wie verstanden, worauf bezieht man das überhaupt. Das ist in den kirchlichen Dokumenten meistens nicht so richtig klar, wer eigentlich die Gegner sind. Hier ist auf jeden Fall für meine Begriffe eine Baustelle, an der wir weitere Forschungen, weitere Diskussionen, weitere Klärungsarbeit auch im kirchlichen Spektrum unbedingt brauchen.

Weber: Die ersten Einschätzungen gehen weit auseinander: Den einen fehlen große Veränderungen in der Lehre, den anderen fehlt ein klares Festhalten daran, die beklagen dann eine zu große Liberalisierung. Was fehlt Ihnen denn als katholische Sozialethikerin in diesem päpstlichen Schreiben?

Heimbach-Steins: Ich habe wahrgenommen zum Beispiel, dass die Äußerungen zu den Fragen der Bevölkerungsentwicklung weltweit vorsichtiger sind, als wir es manchmal kennen, dass sie aber auch vielleicht noch nicht Lösungen anbieten für die Fragen, die sich hier in sehr unterschiedlicher Weise in den unterschiedlichen Regionen im Norden und im Süden der Welt darstellen. Das wäre für mich ein Thema, an dem sozialethisch unbedingt weiterer Klärungsbedarf ist. Ich denke, dass die sehr guten Ansätze zur Wahrnehmung der großen Vielfalt von Wirklichkeiten, auch von bedrängten Wirklichkeiten der Menschen in Armutssituationen der Menschen in Migrationssituationen und so weiter, dass hier sehr gute Ansätze sind, die wir aber natürlich auch sozialethisch, auch in der kirchlichen Lehre unbedingt weiterentwickeln müssen, wenn wir uns die dramatischen Situationen in der Welt anschauen. Ich glaube, dass wir bei dem Thema Geschlechterverhältnisse wirklich weiterschauen müssen und hier nicht nur jeweils die Situation auf die Frauen wahrnehmen, sondern wirklich das Verhältnis von Männern und Frauen in unterschiedlichen Gesellschaften und die Weiterentwicklung eines wirklich gleichberechtigten Miteinanders. IN dem Zusammenhang würde ich aber gerne noch ein positives Wort sagen: Was mir an dem Schreiben sehr aufgefallen ist, ist, dass die Subjektposition der Kinder ganz erfreulich wahrgenommen wird.

Weber: Vielen Dank, Marianne Heimbach-Steins, Professorin für Christliche Sozialethik an der Universität Münster!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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