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Der Theaterpodcast | Beitrag vom 09.10.2020

Folge 29Konsequent unterschätzt: Kinder- und Jugendtheater

Von Susanne Burkhardt und Elena Philipp

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Szenenbild aus "Mr. Nobody". (David Baltzer)
"Mr. Nobody" nach dem Film von Jaco Van Dormael - für alle ab 13 Jahren. Regie: Jan Gehler. (David Baltzer)

Kinder- und Jugendtheater bedeutet nicht nur Weihnachtsmärchen oder pädagogisch wertvolle Geschichten von Mut, Freundschaft, Zusammenhalt. Theater für junges Publikum ist so komplex und herausfordernd wie Theater für Erwachsene.

Eigentlich beginnt das Problem schon beim Begriff: "Kinder– und Jugendtheater". Was soll das sein? Ein Theater, das Themen behandelt, die nur Kinder und Jugendliche bewegen? Geschichten von Mut, Freundschaft, Zusammenhalt und einer tapferen Heldin, die über das Böse siegt? Niedlich inszeniert und zum Mitsingen? Natürlich nicht.

Problematischer Begriff: Kinder- und Jugendtheater?

Theater für junges Publikum ist so komplex und herausfordernd wie Theater für Erwachsene. Ob es eine eigene Sparte für Kinder und Jugendliche überhaupt braucht, besprechen wir im Theaterpodcast #29 mit der Regisseurin Mina Salehpour und dem Kulturjournalisten Patrick Wildermann. 

Mehrfach haben uns Hörer darum gebeten, einen Podcast aufzunehmen zum Thema "Kinder- und Jugendtheater" und seinem Stellenwert. Manche, weil sie sich darüber ärgerten, wenn direktes Spiel gedankenlos als "kindertheatermäßig" bezeichnet wird, andere, weil aus Sicht vieler Theatermacher*innen und Theatergänger*innen zu viele Vorurteile herrschen über ein Genre, in dem junge Menschen das erste Mal in Berührung kommen mit dem Theater, unabhängig vom Elternhaus. 

Mit etwas Glück in eine Aufführung zu geraten, die nachhallt, hat schon manche Theaterkarriere begründet – so wie die von Mina Salehpour. Die Regisseurin ist unter anderem die jüngste FAUST-Preisträgerin in der Kategorie Beste Regie im Kinder- und Jugendtheater, für ihre Inszenierung "Über Jungs" am Berliner Grips-Theater. Mina Salehpour würde nie von Kinder- und Jugendtheater sprechen, weil sie "Theater für junge Menschen" schöner und "einladender" findet. Für den Theaterkritiker Patrick Wildermann dagegen, Jury-Mitglied beim Festival des Theaters für junges Publikum "Augenblick mal!", ist Kinder- und Jugendtheater ein "unschuldiger, komplett offener" Begriff, der mit "verschiedenen Themen, Perspektiven und Ästhetiken" gefüllt werden kann. Mit den beiden sprechen wir über Vorurteile, Chancen und Herangehensweisen an das Theater für ein junges Publikum. 

Vorbilder Belgien und Niederlande

Vorbild für manch deutschsprachige*n Theatermacher*in sind die Niederlande und Belgien, wo Kunst für Kinder hohe Anerkennung genießt. Jetse Batelaan vom niederländischen Theater Artemis etwa, der mit seiner Inszenierung "(…)" eben zum Festival "Augenblick mal!" 2021 eingeladen wurde, sieht die Bühne als "Ort des kontrollierten Risikos".

Szenenfoto vom Stück "(.....)".  Produktion vom Theater Artemis, in Koproduktion mit Ruhrtriennale und Künstlerhaus Mousonturm, Regie: Jetse Batelaan (Volker Beushausen)„(…..)-Ein Stück, dem es scheißegal ist, dass sein Titel vage ist“, Produktion vom Theater Artemis, in Koproduktion mit Ruhrtriennale und Künstlerhaus Mousonturm, Regie: Jetse Batelaan. (Volker Beushausen)

Dort, so der mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnete Theatermacher, "sollten Kinder und junge Menschen Situationen erproben und erfahren können, die im wirklichen Leben unangenehm oder verstörend sein könnten". Was kann man Kindern zumuten? Mit welchen künstlerischen Mitteln kann man auch angstbesetzte Themen vermitteln?

Und: Was ist gutes Theater für junges Publikum? Patrick Wildermann erzählt von Inszenierungen, die intensiv Themen im Dialog mit dem Publikum verhandeln. Für Mina Salehpour darf das Theater ruhig "unpädagogischer" daherkommen: "Es gibt fast nichts Schöneres, als in der Premiere des Familienstücks zu sitzen", schwärmt sie, "die Kinder standen auf ihren Sitzen, als die böse Hexe am Ende vom Zauberer fertiggemacht wurde". Da kann auch das eine oder andere "Erwachsenentheater" noch etwas lernen: lebendig und mitreißend zu spielen.

Wer macht den Theaterpodcast?

Einmal im Monat greift der Theaterpodcast die wichtigen Debatten rund um das Theater und seine Macher und Macherinnen auf. Über die Kunst und den Betrieb, in dem immer noch zu wenig Frauen das Sagen haben, sprechen zwei Theaterredakteurinnen: Susanne Burkhardt vom Deutschlandfunk-Kultur-Theatermagazin Rang 1 und Elena Philipp vom Online-Portal nachtkritik.de.

Susanne Burkhardt studierte Kulturwissenschaft, Betriebswirtschaft und Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin und in London (Middlesex University). Sie ist Diplom-Medienberaterin und begann ihre Radiokarriere als Hörspielregieassistentin beim Sender Freies Berlin (später RBB). Nach einem Volontariat beim Deutschlandradio ist sie seit 2001 Redakteurin, Autorin und Moderatorin bei Deutschlandfunk Kultur (Fazit, Rang 1 – Das Theatermagazin).

Elena Philipp studierte in Freiburg Politik und Soziologie, entschied sich nach einer Regiehospitanz aber für ein Studium der Theater-, Film und Literaturwissenschaft in Berlin. Dort arbeitete sie für Tanzfestivals, gründete ein Literaturmagazin und ein Text-Ton-Festival mit und etablierte beim Literaturwettbewerb Open Mike das Livebloggen. Seit 2006 schreibt sie für Tageszeitungen und Fachmedien über Theater und Tanz. 2017 wurde sie Redakteurin beim Online-Theaterfeuilleton nachtkritik.de.

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