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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.03.2018

Förderung für unabhängige VerlageÖsterreich macht es vor

Anna Jung und Daniel Beskos im Gespräch mit Joachim Scholl

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Stand der Unabhängigen Verlage auf der Leipziger Buchmesse 2018 (imago/Christian Grube)
Stand der Unabhängigen Verlage auf der Leipziger Buchmesse 2018 (imago/Christian Grube)

Unabhängige Verlage in Deutschland haben mit der "Düsseldorfer Erklärung" für mehr Unterstützung geworben. Die sei auch dringend nötig, meint Anna Jung vom Salzburger Verlag Jung und Jung. Sie verstehe gar nicht, wie deutsche Indie-Verlage überleben.

Joachim Scholl: "Reden wir über Geld: Förderung für unabhängige Verlage?" So war eine Diskussion auf der Leipziger Buchmesse übertitelt. Vorausgegangen war eine sogenannte Düsseldorfer Erklärung, auf die sich kleinere unabhängige Verlage im Februar verständigt haben. Tenor: Wir brauchen mehr Unterstützung. In Düsseldorf und Leipzig war auch Daniel Beskos dabei, vom Mairisch-Verlag aus Hamburg, und von dort ist er uns zugeschaltet. Guten Tag, Herr Beskos!

Daniel Beskos: Hallo, guten Tag!

Scholl: Und in München begrüße ich Anna Jung.

Anna Jung: Guten Morgen!

Scholl: Sie hat in Leipzig den Verlag Jung und Jung aus Salzburg vertreten. Schön, dass Sie da sind, Frau Jung!

Jung: Guten Morgen!

Scholl: Herr Beskos, über 60 Kollegen kleinerer unabhängiger Verlage haben sich Anfang Februar in Düsseldorf versammelt, um gemeinsam auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Steht es denn so kritisch um dieses Segment der Branche, die kleinen Verlage?

Der Gesellschafter des Mairisch Verlags, Daniel Beskos (picture alliance / dpa / Arno Burgi)Der Gesellschafter des Mairisch Verlags, Daniel Beskos (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Beskos: Ich glaube, es geht im Allgemeinen darum, aufmerksam zu machen auf die Situation der Verlage. Das betrifft jetzt nicht nur die kleinen unabhängigen Verlage, sondern alle Verlage haben ja gerade auch mit dem Medienumbruch zu kämpfen, und ich glaube, es geht sehr darum, auch zu überlegen, welche Art von kultureller Landschaft man in Deutschland haben möchte und wie man die vielleicht auch von der Politikseite aus fördern könnte.

Ein Ziel: Preis für Indie-Verlage etablieren

Scholl: Was wollen Sie denn mit dieser Düsseldorfer Erklärung erreichen, wie soll eine stärkere Förderung aussehen?

Beskos: Die Düsseldorfer Erklärung selber ist natürlich etwas zugespitzt mit Absicht. Im Prinzip geht es darum, nicht unbedingt eine strukturelle Wirtschaftsförderung, wie das jetzt offiziell manchmal schon so tönte oder wie das manchmal auch schon aufgefasst wurde. Das wäre, glaube ich, hierzulande anders als in der Schweiz oder Österreich.

Scholl: Das heißt, Sie wollen gar kein Geld.

Beskos: Na ja, doch. Also nicht in Form von einer strukturellen Wirtschaftsförderung. Das ist, glaube ich, schwer umzusetzen. Es geht bewusst um einen Preis oder Preise, so wie das jetzt auch seit einigen Jahren den Buchhandlungspreis gibt, eine Anerkennung, die man vielleicht einigen oder einigen Dutzend Verlagen pro Jahr von einer neutralen Jury aus zusprechen könnte. Das wäre ein erstes Modell, und das würde schon mal vielen Verlagen helfen.

Scholl: Frau Jung, in Österreich gibt es schon Formen der staatlichen Subvention für kleinere unabhängige Verlage. Wie sieht das aus?

Jung: Das gibt es tatsächlich schon seit ungefähr 30 Jahren, und es ist so, dass eine mehr oder weniger unabhängige Jury – also da sitzen Germanisten drinnen zum Beispiel und Journalisten –, die entscheiden darüber, welcher Verlag wie viel bekommt. Es gibt einen Topf, der vom Staat gestellt wird, und aus diesem bekommen die Verlage eben einen bestimmten Betrag. Der ändert sich auch teilweise jährlich. Es ist immer jeweils eine Tranche für das Frühjahrsprogramm, eine für das Herbstprogramm, und dann gibt es noch eine Extratranche für Marketingsachen. Natürlich sind wir da eine Insel der Seligen und haben es insofern leicht.

Beskos: Wie wichtig ist das für Ihr Haus Jung und Jung? Können Sie vielleicht auch mal eine Zahl nennen, dass man überhaupt so eine Größenordnung, eine Vorstellung davon bekommt?

Jung: Das kann ich gerne machen, nachdem diese Zahlen auch einsehbar sind. Wir haben es besonders gut getroffen, da wir zu den am höchsten subventionierten Verlagen gehören. Wir bekommen pro Tranche 40.000 Euro, ohne die würde es auch tatsächlich nicht gehen. Es ist wirklich sehr, sehr viel Geld. Wir können damit sehr viel machen. Ich wundere mich, wie das die Kollegen in Deutschland hinkriegen anders.

Scholl: Herr Beskos, sind Sie da neidisch?

Beskos: Na klar, auf jeden Fall!

Scholl: 40.000 Euro würden Ihnen auch im Mairisch-Verlag substanziell helfen?

Beskos: Ja, oder 140.000! Genau, ja, doch.

Scholl: Ich meine, was ein unabhängiger Verlag genau ist, darüber gibt es in Deutschland zumindest eine recht klare Definition, also man sagt die Selbstständigkeit, nicht einem großen Konzern zu unterstehen, klar, und dann fällt da auch diese Zahl, der Umsatz unter 10 Millionen Euro. Jetzt, wenn Sie sagen, 40.000 Euro helfen schon so viel, ist das fast ein bisschen hochgegriffen, was ein kleiner Verlag dann so sein soll. Frau Jung.

Jung: Die Frage verstehe ich nicht.

Scholl: Na ja, also sozusagen, wenn es heißt, unter 10 Millionen Euro – 10 Millionen Euro ist ja schon eine Mordssumme.

Jung: Das ist eine Mordssumme, ja, allerdings. Also das, nein, kriegen wir nicht hin!

Jung: Unabhängigkeit durch Förderung nicht eingeschränkt

Scholl: Wie ist das aber dann zum Beispiel auch hier mit kritischen Stimmen, die man in Deutschland hört, so eine staatliche Unterstützung gefährdet ja eventuell die eigene Unabhängigkeit. Was haben Sie in Österreich für Erfahrungen damit gemacht?

Jung: Nein, das ist natürlich Unsinn. Also es ist so, dass natürlich bestimmte Voraussetzungen daran geknüpft sind, wie zum Beispiel, dass man österreichische Autoren verlegen muss, um diese Förderung zu bekommen, aber was für Autoren man verlegt, schreibt einem ja keiner vor, und natürlich kann man sich dann immer denken, da sitzt vielleicht irgendwer in diesem Gremium, der das eine besser findet als das andere, aber deshalb wird man ja nicht das, was man macht, verändern.

Scholl: Was sagen Sie denn zu dieser Düsseldorfer Erklärung, würden Sie die auch unterschreiben?

Jung: Ich finde das ganz wunderbar, und ich finde das seit Jahren notwendig, dass es in Deutschland irgendetwas Ähnliches zumindest gibt, wie wir es in Österreich haben. Dass es genau so nicht funktionieren wird, von mir aus, aber tatsächlich wäre das sehr, sehr wichtig, weil es muss diese Verlagslandschaft auf die Art und Weise unbedingt erhalten bleiben.

Scholl: Ein weiterer Punkt im Düsseldorfer Forderungskatalog war eine Sichtbarkeitskampagne. Seit diesem Monat gibt es jetzt eine neue Bestsellerliste, eine Indie-Liste könnte man sie nennen, veröffentlicht vom Börsenblatt des Deutschen Buchhandels. Herr Beskos, ist das schon ein Zeichen von größerer Sichtbarkeit?

Beskos: Das ist auf jeden Fall interessant. Also die Liste ist ja jetzt ganz neu rausgekommen, und natürlich waren alle sehr neugierig, welche Verlage sind da vertreten und gibt das vielleicht noch mal eine eigene Aufmerksamkeit für die Verlage auf dieser Liste.

Scholl: Finden Sie diese Liste auch gut, Frau Jung?

Jung: Ja, selbstverständlich. Das finde ich eine sehr gute Idee.

Sichtbarkeitskampagne soll Aufmerksamkeit erzeugen

Scholl: Ich meine, auf der ersten veröffentlichten Liste, habe ich mal geschaut, ist kein Titel Ihrer beider Verlage, soweit ich gesehen habe. Wird es dann aber hier jetzt nicht auch sozusagen ein Rennen um Bestseller gehen?

Jung: Ich weiß nicht, wir werden uns alle freuen, und wir sind ja glücklicherweise auch untereinander – so würde ich jetzt behaupten –, dass wir uns miteinander freuen können und nicht irgendwie uns da irgendwas neiden. Also ich würde mich freuen, wenn Mairisch da steht.

Scholl: Herr Beskos, was bringt eine solche Liste wirklich für das Marketing, für die Präsentation eines kleinen Verlages? Ist das wichtig?

Beskos: Also ich glaube, es geht einfach bei dieser Sichtbarkeitskampagne insgesamt darum, mal bewusst zu machen und Aufmerksamkeit zu erzeugen dafür, dass bei manchen Verlagen oder bei vielen der kleineren Verlage einfach Menschen dahinter stehen, die nicht, wie in den großen Konzernen, in den großen Verlagen, ein international operierendes Unternehmen hinter sich haben, das ihnen den Rücken freihält, sondern die eben auf eigenes Risiko produzieren, und ich finde es gut, dass es in unserer durchkapitalisierten Gesellschaft Orte und Menschen und Institutionen gibt, in denen das Interesse an der Kultur an erster Stelle steht und erst danach irgendwann auch die Verkaufbarkeit und die Ware kommt.

Scholl: Morgen wird übrigens ein Indiebookday gefeiert, wieder mal wie alle Jahre. Ihr Verlag, Herr Beskos, hat den, glaube ich, mit ins Leben gerufen?

Beskos: Genau, also wir haben uns das ausgedacht.

Scholl: Was passiert denn da?

Beskos:Der Indiebookday ist eine sehr einfache Idee: Man soll an diesem Tag in ein Buchladen gehen und sich ein Buch, irgendeines, was man haben möchte, aus einem unabhängigen Verlag kaufen und dann unter Stichwort Indiebookday im Internet davon Bilder machen oder posten. Zum Beispiel auf Instagram machen das viele Leute, auf Facebook, auf Twitter und machen einfach auf die Aktion aufmerksam.

Scholl: Gibt es sowas in Österreich auch, Frau Jung?

Jung: Ja, selbstverständlich. Das wird dort auch sehr gut wahrgenommen, und tatsächlich gibt es auch viele Buchhandlungen in Österreich, die dann extra ein Programm machen an dem Tag mit Lesungen und Extraveranstaltungen noch mal darauf hinweisen, dass dies der Indiebookday ist.

Politik sollte Mut der kleinen Verlage wertschätzen

Scholl: Und wenn Sie jetzt beide aus dem Studio gehen und einem Kulturpolitiker in den Arm laufen, was würden Sie ihm sagen, was würden Sie ihm gerne sagen, was wichtig wäre für Ihren Verlag? Frau Jung.

Jung: Ich könnte dem sowieso nix sagen, weil ich einem deutschen Minister über den Weg laufen würde!

Scholl: Weil Sie jetzt zufällig in München sind. Gut, sagen wir mal so: Ein österreichischer Kulturpolitiker ist im Nebenstudio in München.

Jung: Wir sind ja sowieso privilegiert, ich kann mich nicht beschweren. Ich würde nur drum bitten, dass alles so bleibt wie es ist. Auch das ist ja jetzt nicht sicher gegeben, wegen dem Regierungswechsel in Österreich.

Scholl: Das klingt wie ein ganz schöner Wunsch, dass man wirklich mal sagen kann, ich wünsche mir, dass es bleibt, wie es ist. Herr Beskos, würden Sie auch gerne sich wünschen?

Beskos: Ja, genau. Also ich würde mir vor allem aber auch wünschen, dass man das Buch und also die damit verbundene Kultur und das Buch als Kulturvermittlungstool, kann man vielleicht sagen, als Bereithalter von Inhalten, einfach dem freien Markt überlässt, sondern dass man halt schon sich überlegt als Gesellschaft, welche Form von Kultur möchten wir aufrechterhalten, wie wollen wir das stützen und fördern, und auch einfach, diese Vielfalt zu erhalten, also diese Vielfalt, dieses Interesse, sich auch mal für unbekannte oder für fremde oder noch nicht gesehene Sachen zu begeistern, auch mal Wege zu gehen, die man nicht schon hundertmal gegangen ist. Das, finde ich, sind einige der grundlegenden Eigenschaften von einer demokratisch geprägten Gesellschaft. Ich finde, das gilt es zu bewahren, und das könnte man den Kulturpolitikern wahrscheinlich genau so erzählen.

Jung: Und in der Tat ist ja niemand so mutig wie die kleinen Verlage. Es gibt Dinge, die einfach dort entstehen und die dort eine Berechtigung finden und die in den großen Verlagen nicht passieren würden, die den Mut dazu nicht hätten, weil es eben nur um die reine Verkaufbarkeit geht. Ich würde mir wünschen, dass die Kulturpolitiker einfach darauf auch ein bisschen mehr schauen.

Scholl: Mehr Förderung für unabhängige Verlage – das war unser Thema hier in der "Lesart" mit Daniel Beskos vom Hamburger Mairisch-Verlag und mit Anna Jung von Jung und Jung aus Salzburg. Ich danke Ihnen beiden. Alles Gute für Sie!

Jung: Danke!

Beskos: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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