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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2013

Fluss des Lebens

James Salter: "Alles, was ist", Berlin Verlag, Berlin 2013, 367 Seiten

Blick auf das Empire State Building in New York (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Blick auf das Empire State Building in New York (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)

Ein Lebenslauf vom Kriegsheimkehrer zum erfolgreichen Lektor in der leuchtenden Metropole New York. Mit "Alles, was ist" erzählt James Salter in ruhigen Szenen nebenbei die US-amerikanische Geschichte - völlig nüchtern und doch brillant.

Das neue Buch des 1925 geborenen Amerikaners James Salter, sein erster Roman seit 30 Jahren, ist ein Wunder an Kraft und stilistischer Präzision: ein stiller, ruhiger Abgesang auf die männliche Souveränität und zugleich eine Feier der Literatur. "Alles, was ist" ("All That Is"), von Beatrice Howeg in ein ebenso elegisches wie klares Deutsch gebracht, eröffnet mit der Kriegserfahrung seines Helden.

Philip Bowman, genau so alt wie sein Autor, überlebt als Marineleutnant den Krieg im Pazifik. Nur 13 Seiten braucht Salter, um den Ton und das Tempo seines Romans vorzugeben:

"Alles passierte mit zwei Geschwindigkeiten. Der Lärm und die verzweifelte Hast der Handlungen, und dann eine langsamere, ganz eigene Geschwindigkeit, die des Schicksals und der dunklen Punkte am Himmel, die durch das Gefechtsfeuer auf sie zukamen."

Philip Bowman studiert in Harvard, er wird Journalist und schließlich Lektor, ein Mann, der dem Tod nur knapp entronnen ist und kein großes Ding daraus macht. Alles geschieht in diesem Roman in den Zwischenräumen und passt noch in die kleinsten Gesten. Etwa wenn Bowmans Mutter Beatrice den Impuls unterdrückt, dem erwachsenen Sohn übers Haar zu streichen. Oder wenn Bowman sich seinem Verlangen überlässt, und mal diese, mal jene Geliebte so nimmt, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Dabei ist er ein echter Spätentwickler: Erst nach dem Krieg und dem Studium hat er den ersten Sex - mit einer jungen Frau aus Virginia, die er vom Fleck weg heiratet und die ihn verlässt, als sie erkennt, dass sie nichts mit ihm verbindet.

Gleichmütig und gelassen

Ein schöner Gleichmut schwebt über diesem Roman, während er ganz gelassen Szene für Szene aus dem Leben seiner Hauptfigur erzählt und nebenbei mit der amerikanischen Geschichte verbindet: mit der Ermordung John F. Kennedys, dem Vietnamkrieg, der Frauenbewegung. Die Jahre kommen und gehen. Reisen nach Europa sind eine Selbstverständlichkeit. Und immer wieder darf New York leuchten: als Stadt der Partys und Verlage, als Stadt, durch die der Hudson fließt, als Stadt eleganter Wohnlagen, aus denen man am Wochenende aufs Land flüchtet.

Irgendwann im Leben das richtige Haus zu finden, ist für Bowman ebenso wichtig wie die Literatur. Als es ihm mit Mitte 40 endlich gelingt, kommt es ihm durch die Intrige einer Geliebten abhanden. Er rächt sich, indem er ihre Tochter verführt. Das alles fließt dahin wie ein langer ruhiger Fluss und ist doch Szene für Szene stark. "Alles, was ist" atmet die Stimmung des Indian Summer: kräftige Farben, leuchtende Sonne und die leise Furcht vor dem Herbst.

James Salter galt lange als "writer's writer", geschätzt von Kollegen wie Saul Bellow, Richard Ford, Philip Roth. Seit der späten Übersetzung seiner Romane, u.a. "Lichtjahre" und "Ein Spiel und ein Zeitvertreib", ist er auch hierzulande bekannt. Wem der Autor bisher entgangen ist, sollte mit diesem Werk einsteigen, einem späten Glanzstück amerikanischer Literatur: völlig nüchtern und doch brillant, auf eine fast rätselhafte Weise souverän.

Besprochen von Meike Feßmann

James Salter: Alles, was ist
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Beatrice Howeg
Berlin Verlag, Berlin 2013
367 Seiten, 22,99 Euro

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