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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 13.09.2015

Flüchtlings-Slum von Calais Im Dschungel

Von Margit Hillmann

Ein Migrant schaut durch einen Zaun an den befestigten Anlagen am Eurotunnel nahe Calais (dpa / picture alliance / ©smail Azri/Wostok Press)
Tausende wollen rüber nach Großbritannien und setzen dafür ihr Leben aufs Spiel. (dpa / picture alliance / ©smail Azri/Wostok Press)

Mehr als 3000 Flüchtlinge sind in Calais gestrandet. Sie wollen nach Großbritannien, doch der Weg dorthin ist lebensgefährlich. Im Dschungel, einem Flüchtlingsslum auf französischem Boden, warten sie auf einen geeigneten Moment, um den Tunnel zu durchqueren - und leben dort unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Ein kleines Flugzeug blinkt am wolkenfreien Morgenhimmel, fliegt eine Kurve über das Flüchtlingslager - ein mehrere Hektar großes Terrain, vier Kilometer außerhalb der Stadt – auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie. Junge Afrikaner, die knöcheltief in einer großen Pfütze stehen, schauen kurz hoch. Dann machen sie weiter. Sie füllen ihre Kanister und Eimer an einer rostigen Wasserleitung. Am Rand der riesigen Pfütze hocken zwei Frauen mit bunten Kopftüchern, waschen Wäsche in Plastikschalen.

Eine von vier Wasserstellen für über dreitausend Flüchtlinge, die hier leben, sagt Harun. Der Sudanese stellt seine bis zum Rand gefüllten Eimer ab, dann zeigt er auf ein Dutzend blaue Kabinen, die zwanzig Meter weiter hinter den Büschen stehen.

Harun: "Par là-bas... Da drüben sind Duschen und Toiletten. Seit 25 Tagen, fast einen Monat haben wir die Kabinen. Vorher gab es auch keine Toiletten. Man musste irgendwo in die Büsche gehen. So war das... Comme ça."

"Jungle" nennen alle das Lager. Ein Ort, den man besser heute als morgen in Richtung England verlässt, sagt der Sudanese. Harun ist seit zwei Monaten hier, versucht jeden zweiten, dritten Tag sein Glück am anderen Ende der Stadt, am Eurotunnel: Sich heimlich in LKW-Anhängern verstecken, wenn sie auf der Autobahn oder vor dem Terminal in der Schlange stehen oder nachts auf langsam fahrende Güterzüge springen. Aber spätestens bei den Kontrollen vor dem Tunneleingang, erzählt der 26-Jährige, haben sie ihn immer entdeckt. Er hat auch schon ernsthaft daran gedacht, in Calais Asyl zu beantragen.

Harun: "Normalement je reste... Normalerweise sollte ich in Frankreich bleiben. Aber wie soll das gehen? Wir haben keine richtigen Häuser, hier ist es kalt und nass. Wir haben zu wenig zu essen. Deswegen werde ich versuchen, nach England zu kommen. Vielleicht habe ich Glück. Wenn nicht - keine Ahnung, was ich dann machen soll... on va faire."

Ein Junge kämpft mit einem prallgefüllten, großen Wassersack, versucht das schwere Ding in einen Einkaufswagen zu hieven, den er mitgebracht hat. Harun hilft. Dann schiebt der Junge - eine grüne und eine blaue Gummilatsche an den Füssen – den Wagen in einen Trampelpfad. Harun kennt ihn. Der Junge wohnt mit seinen Eltern nur ein paar Hütten von seiner entfernt. Harun sagt nicht Hütte oder Zelt, er sagt Haus.

Ob ich sein Haus sehen will?

Flüchtlinge aus Ostafrika, aus Afghanistan, Irak und Syrien

Der Trampelpfad führt auf eine kleine Anhöhe, ein kleiner Ausschnitt des Camps wird sichtbar. Zwischen hohem Gestrüpp und Büschen, die kargen Dünenlandschaft stehen dutzende kleine Campingzelte und kastenförmige Hütten. Elendshütten, zusammengezimmert aus Holzlatten, Plastikplanen, bunten Tüchern und Decken.

In jeder der Hütten leben sehr viele Menschen, sagt Harun. Flüchtlinge aus Ostafrika, aus Afghanistan, Irak und Syrien. Der Afrikaner zeigt auf einige Hütten, die enger in einem Halbkreis zusammenstehen. Dort wohnen nur Sudanesen - er in der Hütte ganz rechts.

Flüchtlinge im "Jungle" von Calais holen Wasser an einer der vier Wasserstellen (Deutschlandradio / Margit Hillmann)Flüchtlinge im "Jungle" von Calais holen Wasser an einer der vier Wasserstellen (Deutschlandradio / Margit Hillmann)

Harun klappt die rot-weiß-karierte Decke zur Seite, die vor dem Hütteneingang hängt. Innen ist es düster. Auch abends. Es gibt keinen Strom im Lager. Zu neunt leben sie hier, haben die knapp fünfundzwanzig Quadratmeter mit Plastikplanen in drei kleine Räume unterteilt. In den ersten beiden Räumen wird geschlafen. Ein paar alte Decken liegen auf der nackten Erde.

Harun zeigt die Küche: "C'est la cuisine."

Dahinter ist die Küche: Eine kleine Feuerstelle am Boden, mit halbverkohlten Holzresten, davor steht eine verbeulte Alupfanne; in der Ecke ein kleiner Karton mit Kartoffeln und in Plastik eingeschweißter Räucherfisch. Die Lebensmittel kommen von einer katholischen Hilfsorganisation aus Calais. Die Männer sind darauf angewiesen. Geld haben weder Harun noch die anderen Sudanesen, die mit ihm die Hütte teilen.

Harun: "Non, on a pas d'argent... Vereine bringen jeden Tag Kartons mit Nahrungsmitteln ins Lager. Wenn wir Glück haben, bekommen wir einen Karton. Und wenn es nicht genug gibt, gehen wir leer aus. ...rien."

Durch die dünnen Hüttenwände dringt leise Musik. Sie kommt aus der Kirche, weiß Harun. Die Christen aus Eritrea und Äthiopien feiern ihren Sonntagsgottesdienst.

Die Kirche liegt hundert Meter weiter, an einem breiten Sandweg. Sie hat ein Miniatur-Kirchenschiff und kleine Seitenflügel, konstruiert aus Holz und hellgrauen Plastikplanen, die schwarzes Klebeband zusammenhält. Auf der Dachspitze – in fünf Meter Höhe - ist ein schlichtes Holzkreuz befestigt.

Die Flüchtlinge setzen auf die Presse

Vor dem Kircheneingang drängen sich etliche Journalisten - sportlich-elegant und sauber gekleidet, Marken-Sonnenbrillen. Sie halten ihre Mikros und Kameras in den überfüllten Raum. Material für aktuelle Berichte über das neue französisch-britisches Abkommen. Die Regierungen wollen zusätzliche Polizeieinheiten am Tunnel in Calais einsetzen, noch mehr Zäune und Überwachungskameras, Flutlichtanlagen und Infrarot-Bewegungsmelder installieren.

Eine Pressefotografin kniet am Boden, fotografiert die vielen ausgetretenen Sandalen und Schuhe, die die Gottesdienstbesucher vor der Tür ausgezogen haben.

Drei junge Eritreer, die ein paar Meter weiter an einem Stromgenerator stehen, beobachten die Fotografin mit versteinerten Blicken. Aber sie setzen auch auf die Presse.

"Because most of the... Viele Eritreer und Äthiopier leben im Ausland, überall in der Welt. Sie sehen vielleicht die Bilder im Fernsehen, in Zeitungen oder Magazinen. Vielleicht werden sie uns unterstützen. Deshalb brauchen wir die Journalisten, damit sie unsere Kirchengemeinde hier im Lager zeigen. Damit unsere Freunde und Familien von unserer Situation erfahren ... need the journalists."

Ein Fotojournalist, etwa Mitte fünfzig, hält sich mit seiner Kamera abseits, Dragon Lekic. Der Serbe, der seit vielen Jahren in Paris lebt, wartet, dass der Andrang seiner Kollegen nachlässt.

Lekic: "Moi, je suis... Ich arbeite freiberuflich, kann mir die Zeit nehmen, die Menschen im Lager kennenzulernen, ihnen erklären, warum ich da bin ...vous etes là."

Er zieht zwei kleine, farbige Heftchen aus seiner Tasche. Mini-Bildbänder, die er den Flüchtlingen wie Visitenkarten zeigt: Fotos von anderen Flüchtlingen, die er in Serbien gemacht hat, in Griechenland, in Paris - und Calais.

Lekic: "J"etait... Ich war auch schon 2002 in Calais, im staatlichen Auffanglager Sangatte. Da waren die Flüchtlinge noch geschützt in Gebäuden untergebracht, alles war organisiert. Heute haben sie mehr Freiheit, können gehen und kommen, wann sie wollen. Aber die sanitären Verhältnisse - kaum Duschen und Toiletten, überall Müll - das sind schon schlimme Zustände. ...pas terrible."

Angst, dass immer mehr Flüchtlinge kommen

2002 ließ der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy das staatlich finanzierte Auffanglager Sangatte schließen. Es sollte die Flüchtlinge - damals vor allem Afghanen und Iraker - davon abhalten, nach Calais kommen. Doch ist die Rechnung nie aufgegangen. Sie haben sich selbst ihre Camps gebaut, kleine Dschungel in und um Calais, die – wenn sie zu groß waren - von der Polizei zwangsgeräumt wurden. Im vergangenen Frühjahr haben Regierung und das Rathaus in Calais beschlossen, sämtliche Lager in der Stadt zu zerstören, die Flüchtlinge auf das alte Deponiegelände in den Dünen zu verbannen. "Tolerieren" ist der offizielle Begriff. Dass Frankreichs Regierung auf Druck der EU ihre Flüchtlingspolitik ernsthaft ändern könnte - daran glaubt Dragon Lekic nicht.

"Je ne pense pas... Ich glaube nicht, dass Frankreichs Politiker das wirklich wollen. Sie reden immer vom so genannten 'appel d'air'-Effekt: Je mehr Flüchtlinge im Land aufgenommen werden, desto mehr werden ihnen folgen. Und dann spielen sie ja auch Grenzpolizei für die Engländer, haben dafür von ihnen Geld bekommen. ...l'argent pour ça, voilà."

Der Gottesdienst ist zu Ende, die Christen aus Eritrea und Äthiopien verlassen ihre Kirche. Viele junge Männer, aber auch Frauen. Sie tragen transparente Schleier mit bunten Mustern, die lose Haar und Schultern bedecken.

Ein Mann in Jeans und schwarzem T-Shirt grüßt freundlich. David ist seine Name, er spricht Englisch. Er muss sich setzen, sagt er, ist müde und erkältet. Er hat vergangene Nacht wieder versucht, mit seiner Frau den Tunnel nach England zu durchqueren. Er führt mich auf die Rückseite der Kirche. Dort stehen ein paar zerschlissene Klappstühle.

"The Jungle", das Flüchtlingscamp vor Calais (Deutschlandradio / Margit Hillmann)"The Jungle", das Flüchtlingscamp vor Calais (Deutschlandradio / Margit Hillmann)

Der Mann mit dem tiefernsten Gesicht und den dunklen Augen ist Informatiker, 32 Jahre alt und kommt aus Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Er hat in seiner Heimat für die politische Opposition im Untergrund gearbeitet.

"But they know... Aber die Regierungsleute wussten von mir. Dann hat mich jemand gewarnt: Du musst gehen, es wird hier zu heiß für dich. Für die Regierung von Äthiopien zählen Menschen nichts. Sie können dich einfach fünfzehn, zwanzig Jahre ins Gefängnis stecken. Ohne Prozess, auch wenn du unschuldig bist. Sie bringen dich hinter Gitter oder raus aus der Stadt, erschießen, töten dich, wenn du gegen sie bist. ...when you oppose them."

"Die Flucht war ein Alptraum"

David flieht ins Nachbarland Sudan, lernt dort seine Frau Christina kennen. Nach knapp vier Jahren flüchten die beiden gläubigen Christen aus der Bürgerkriegsregion. Ihr Ziel ist von Anfang an klar: Sie wollen nach Großbritannien - über Libyen durch die Sahara, dann mit dem Boot übers Mittelmeer. David schluckt schwer. Es war ein Alptraum. Polizisten haben ihn ins Gefängnis gesteckt, seine Frau musste bei einem Polizeioffizier putzen und kochen - bis sie nach sechs Monaten endlich fliehen konnten. Und er hat so viele Tote gesehen.

"Libya, there is hell... Libyen ist eine Hölle auf Erden. Kein anderes Land ist so schlimm. Ich habe Dinge gesehen, die absolut nichts Menschliches mehr hatten. Ich habe so viele Freunde sterben sehen. Ich glaube, ich bin jetzt selbst wie tot."

David hat auch in Frankreich Freunde sterben sehen, in Calais. Er war dabei, als eine 23-jährige Eritreerin Ende Juli auf der Autobahn am Eurotunnel überfahren wurde.

"I saw it... Ich habe es gesehen, war ganz in ihrer Nähe. Ein Polizist hat gegen sie Tränengas eingesetzt. Sie hat geschrien. Wenn man Tränengas aus so kurzer Distanz abbekommt, fällt man um, kann nichts mehr sehen. Das Mädchen wollte wegrennen und ist direkt in ein Auto gelaufen. Wenn man an der Autobahn Tränengas einsetzt, kommt es automatisch zu solchen Unfällen. ...automatically."

Davids Stimme kippt um. Verzweifelung und Wut stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Er fängt sich wieder, spricht weiter.

"Why... Warum so viel Polizeigewalt? Sie haben begonnen, Elektroschocker gegen uns einzusetzen, sie benutzen Tränengas und Hunde. Denen nehmen sie jetzt auch die Maulkörbe ab. Wir haben hier einen Freund im Lager, den die Hunde an mehreren Körperstellen gebissen haben. Er ist jetzt krank, muss Medikamente nehmen. Sie setzen immer mehr Polizeikräfte gegen uns ein. Warum? Wir sind friedliche Menschen, unschuldige Immigranten. ...innocent immigrants!"

Die Flüchtlinge ertrinken oder werden überfahren

Flüchtlinge in Calais ertrinken, werden überfahren – oder sie verunglücken bei den riskanten Versuchen, als blinde Passagiere mit Booten oder via Tunnel nach England zu gelangen. Allein in den vergangenen dreieinhalb Monaten sollen zwölf Flüchtlinge ums Leben gekommen sein, darunter Minderjährige. Offizielle Zahlen über die Todesfälle am Ärmelkanal gibt es nicht, die französische Regierung schweigt behaarlich.

"Here in the jungle... Es gibt hier im Jungle so viele gut ausgebildete Leute, sie haben sehr gute Universitäten besucht. Wir könnten in Europa unser Bestes geben. Aber wir sterben hier weiter, nicht nur in der Sahara oder im Mittelmeer. ...Mediterranean Sea."

Weder die Todesgefahr noch Stacheldraht oder Polizeihunde können ihn und seine Frau aufhalten, sagt der Äthiopier. Wie die meisten Flüchtlinge im Lager sind auch sie fest entschlossen: Sie wollen nach England.

Denn in Frankreich, im Dschungel von Calais, sagt er, müssen wir wie Tiere leben.

Von der Kirche führt ein kleiner Weg tiefer in die Dünen. Wie in einem kleinen Dorf, stehen hier die Hütten an den Wegen. Auf den dornigen Büschen zwischen den Hütten liegt Wäsche zum Trocken. Ein Mann mit Krücken – sein linkes Bein bis zum Oberschenkel in Gips - humpelt den Sandweg entlang. Nur wenige Meter vor ihm schieben zwei Männer einen Rollstuhl. Darin sitzt ein Teenager, einen Arm in Gips, ein Knie ist verbunden. Sie sind auf dem Weg zu den "Camp doctors".

Auf einen freien Platz mit feinem Dünensand stehen zwei blütenweiße Zelte, dahinter drei kleine Blockhäuser. An einer langen Fahnenstange flattert das blau-weiße Emblem der französischen Nichtregierungsorganisation "Médecins du Monde".

Eine junge Frau – weißer Kittel, weiße Jeans – kommt an den kniehohen Plastikzaun, der die Zelt-Klinik umgibt. Sie zündet sich eine Zigarette an, inhaliert tief. Die Krankenschwester gehört zu dem sechsköpfigen Team der NGO, das sich um die medizinische Notversorgung im Flüchtlingslager kümmert. Zwei Ärzte behandeln über siebzig Patienten täglich. Die meisten Krankheiten, erzählt die Krankenschwester, sind Folge der katastrophalen Zustände im Lager.

"On a pas... Wir haben hier viele Atemweg- und Lungenerkrankungen; außerdem Hautkrankheiten, Wundbrand, auch Krätze und Läuse, ebenfalls aufgrund der schlechten Lebensbedingungen im Lager. ...conditions de vie."

Viel zu tun haben sie auch mit verletzten Flüchtlingen, die in der mobilen Klinik Hilfe suchen. "Patienten der Unfallmedizin" werden sie hier genannt.

Immer wieder treffen die Flüchtlinge auf brutale Polizisten

Brüche, Verstauchungen, Quetschungen, offene Wunden – Verletzungen, die sie sich am am Hafen oder am Eurotunnel holen. Nachts, wenn sie über Barrieren und hohe Stacheldrahtzäune klettern, auf Lkws und Züge springen. Oder auf brutale Polizisten treffen.

Bereits im Frühjahr hat "Médecins du Monde" Alarm geschlagen: Desatröse hygienische Verhältnisse, Mangelernährung, unzureichender Zugang zu Trinkwasser - die Zustände im Flüchtlingslager von Calais hätten längst das Niveau einer humanitären Katastrophe erreicht. Im August wandte sich der NGO-Vorsitzende erneut an die Öffentlichkeit: Er und seine Mitarbeiter hätten es satt, die Aufgaben der Regierung zu erfüllen. Eine indirekte Drohung, sich aus dem Lager zurückzuziehen, wenn die Regierung nicht endlich die Genfer Flüchtlingskonvention respektiere, sich um die Flüchtlinge in Calais kümmere.

Die junge Krankenschwester drückt ihre Zigarette im Sand aus, steckt den Stummel in die Zigarettenschachtel. In die Zelte darf sie mich nicht mitnehmen. Anweisung von oben: Journalisten haben keinen Zugang. Das gelte auch für das Jules-Ferry-Zentrum nebenan, wo seit Januar dieses Jahres ein Teil der Frauen und Kinder aus dem Lager untergebracht sind.

Mit lächerlichen 115 Plätzen die derzeit einzige Einrichtung in ganz Calais, in der Flüchtlinge Schutz finden. Betrieben wird das Zentrum von einem Verein, finanziert aus EU-Mitteln und der französischen Staatskasse.

Der Sandweg wird wieder breiter, die Hütten stehen enger, mehr Menschen sind unterwegs. Mehr Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak und Syrien. Aus Hütten, die nach Teestuben aussehen, dröhnt Musik.

Es entstehen auch neue Hütte: Zwei Männer zerlegen mit schweren Hammern eine Holzpalette, nageln die Latten ans halbfertige Hüttengerüst. Der Ältere - Ende vierzig, knielanges Baumwollhemd über der weiten Hose – legt seinen Hammer ab, stemmt die Arme in die Hüften.

"Really hard work!"

Neuankömmlinge, die sich ihre Hütte bauen?

"No, I'm building a restaurant. - A restaurant?! Really? - Yeah, a nice restaurant."

Sie bauen ein nettes Restaurant, sagt der Afghane und lächelt: Man organisiere sich eben. Auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hätten, was der nächste Tag bringen werde. Er hebt seinen Hammer wieder auf.

"Wenn they say... Wenn die Regierung sagt, geht, dann gehen wir. Wie vorher im anderen Jungle. Da gab es auch viele kleine Shops. Da hieß es auch, dass wir weggehen müssen. Wir sind nicht gegangen. Dann sind sie mit der Polizei gekommen und haben uns raus geholt. ...took us out."

Die Telefone sind überlebenswichtig für die Menschen

"Chips and Chicken Shop" wirbt ein handgeschriebenes Pappschild fünfzig Meter weiter. Es hängt an einer Hütte mit einer Durchreiche: Getränkedosen stehen aufgereiht auf einem Brett, daneben zwei Blechteller mit frittierten Teigbällchen.

In einer Ladenhütte mit afghanischer Fahne ist das Angebot größer. In den Regalen hinter dem jungen Verkäufer stapeln sich Konserven, Reis- und Nudelpackungen, Speiseöl, Cornflakes, frische Eier – sogar Zahnbürsten und Energydrinks gibt es zu kaufen.

Flüchtlinge im "Jungle" von Calais bieten Brot an (Deutschlandradio / Margit Hillmann)Flüchtlinge im "Jungle" von Calais bieten Brot an (Deutschlandradio / Margit Hillmann)

Gegenüber spielen junge Männer Volleyball. Sie vertreiben sich die Zeit, die es dauert, bis ihre Handys und Smartphones geladen sind.

Ein Wust von Kabeln und Steckern: über dreißig Telefone liegen auf dem Boden rund um einen knallroten Stromgenerator. Ein Rentner hat ihn auf einem Anhänger gebracht, stellt ihn mehrmals die Woche für ein paar Stunden zur Verfügung.

"Dom-Dom" stellt sich der Mann mit dem freundlichen runden Gesicht vor, Spitzname für Dominique. Er weiß, wie wichtig Telefone für die Flüchtlinge sind, dass sie so manchem in der Sahara oder auf dem Mittelmeer das Leben gerettet haben.

Dominique wohnt in Calais und hat bis vor wenigen Jahren für die Eurotunnelgesellschaft gearbeitet. Jetzt – als Rentner – hat er Zeit sich um andere zu kümmern. Und die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sagt er: Sie haben nur uns Freiwillige und die Vereine. Politiker aus dem Rathaus hat er noch nie im Lager gesehen. Zwar ist der Premierminister mit hohem Besuch aus Brüssel gekommen, hat eine Pressekonferenz im vorzeigbaren Jules-Ferry-Zentrum gegeben. Doch im Dschungel gleich nebenan haben auch sie sich nicht blicken lassen.

"Les politiques, ils s'en... Den Politikern ist das hier doch schnurzegal! Ich weiß auch nicht, aber es ist immer das Gleiche. Die Politiker aus dem Rathaus genauso, wie die sozialistische Regierung in Paris – es lässt sie völlig kalt. ...foutent complètement."

Die Politik schaut zu - seit Jahren

Dass die Politik seit Jahren tatenlos zuschaut, die Menschen im Lager einfach sich selbst überlässt, kann er nicht verstehen. Für ihn ist es eine politische und moralische Bankrotterklärung.

"La grosse... Eine ganz große Mehrheit der Menschen hier im Lager sind geflüchtet vor Krieg und Verfolgung. Unter ihnen sind nur sehr wenige Wirtschaftsflüchtlinge . ...économiques, voilà."

Sie sitzen in einer Falle, sinniert der Rentner. Deswegen hätten sie in den letzten Nächten auch wieder versucht, den Eurotunnel mehrmals in größeren Gruppen zu stürmen. In der Hoffnung, dass einige durchkommen.

"Maintenant le port... Inzwischen ist es für die Flüchtlinge quasi unmöglich in den Hafen zu kommen. Wegen der hohen Zäune und Barrieren, die sie überall gebaut haben. Am Eurotunnel haben sie noch mehr Polizisten postiert. Da ist es also auch noch schwieriger geworden. Ich weiß nicht, wie sie das machen werden. Aber klar ist: Kein Hindernis kann sie aufhalten. Sie werden andere Lösungen finden, sind zu allem bereit. ...prêts a tout."

Ein paar Teenager laufen aufgeregt vorbei, in Richtung Lagereingang.

Eine zierliche Frau, ihre weißblonden Haare zu einem dicken Zopf geflochten, fängt die Jungen ab. Sie sollen leise sein. Die Polizei ist da, diskutiert mit zwei aufgeregten Journalisten. Ihre Kamera wurde ihnen im Lager abgenommen, erzählt die blonde Frau. Maya Konforti ist ihr Name, sie ist vom Verein "Auberge des migrants". Die Bürgerinitiative setzt sich für die Rechte der Flüchtlinge von Calais ein und verteilt im Lager zweimal die Woche Lebensmittel.

Maya: "C'est dommage, mais... Sehr bedauerlich, der Diebstahl. Aber die Leute im Lager haben die Nase so voll von den ganzen Journalisten, die hier seit ein paar Tagen herumspazieren. Viel zu viele! Und viele der Journalisten filmen die Migranten als wären es Tiere! Sie sagen nicht Guten Tag, reden nicht mit ihnen. Man muss sich auch klar machen, in welcher Armut und Misere die Menschen hier leben. Und dann sehen sie die ganzen Fernsehteams mit ihren super teuren Kameras. Leider war jemand im Lager, der sich gesagt hat, ich werde von der Situation profitieren. Bedauerlich. ...c'est dommage."

Maya Konferti schlägt den Polizisten vor, in der Sache zu vermitteln. Sie kennt die Leute gut, können vielleicht etwas tun. Eine halbe Stunde später ist die Angelegenheit geregelt, das Fernsehteam hat die Kamera zurückbekommen. Die Polizisten steigen wieder ins Auto.

Ausgemergelte Gesichter, Arme übersät mit Schürfwunden

Maya schaut auf ihre Uhr. Sie muss los, will nach dem jungen Eritreer sehen, den sie für ein paar Tage bei sich aufgenommen hat. Berihu wurde gestern Nacht auf dem Rückweg vom Tunnel angriffen und übel zugerichtet.

Früher Abend, im Küstenort Wissant, gut zehn Kilometer von Calais entfernt: Maya Konferti deckt den Tisch in der großen Wohnküche.

Am Küchentresen stehen zwei junge Männer, schneiden Gemüse. Berihu und ein Landsmann, der sich tagsüber um ihn gekümmert hat. Sie bereiten fürs Abendessen ein traditionelles Gericht aus Eritrea vor.

Es ginge ihm heute Abend schon etwas besser, sagt Berihu, lächelt schüchtern. Der Mittzwanziger mit dem leuchtend grünen T-Shirt ist erst seit knapp einer Woche in Calais. Er ist mager, sein Gesicht ausgemergelt. Der Wangenknochen unter dem rechten Auge ist dick angeschwollen, die Arme sind übersät mit Schürfwunden.

Nach dem Gemüseputzen setzt sich Berihu vorsichtig auf einen Stuhl: die Prellungen - er kann sich kaum bewegen. Er neigt den Kopf, zeigt die genähten Wunden. Dann erzählt er mit leiser Stimme, was passiert ist:

Er ist mit anderen Flüchtlingen in der Nacht vom Eurotunnel zurückgekommen, der auf der anderen Seite der Stadt liegt. Knapp drei Stunden Fußweg sind es vom Tunnel bis zum Lager. Auf halber Strecke, in einer dunklen Straße, ist ein Auto gekommen. Zwei Männer sind ausgestiegen, die Frau ist im Auto geblieben, erinnert sich der Eritreer, der jetzt noch leiser spricht.

"The first one... Dann ist einer der Männer zu mir gekommen, hat etwas auf Französisch gesagt. Ich hab geantwortet: Ich verstehe Sie nicht, ich spreche kein Französisch. Da hat er mir mit der Faust aufs Auge geboxt. Ich konnte nichts tun, lag am Boden, meine Freunde waren schon weggelaufen. Dann haben sie mich zu zweit geschlagen, auf die Beine, Arme, überall. Und dann hatte der zweite Franzose eine Metallstange in der Hand, hat mir damit auf den Kopf geschlagen. In dem Moment hatte ich zu große Angst. Ich dachte, ich würde mein Leben verlieren. ...my life."

Berihu ist nicht das erste Opfer rassistischer Gewalttäter. Vorfälle dieser Art häufen sich seit einiger Zeit. Maya Konferti und François Guennoc von der Bürgerinitiative l'Auberge des Migrants – haben ihm geraten, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Er ist einverstanden.

"I am lucky... Ich habe Glück gehabt, dass sie mich nicht getötet haben. Aber sie sind gekommen, um mich zu töten. Wenn nichts unternommen wird, werden sie irgendwann einen Flüchtling töten. ...a refugee."

Der Wintereinbruch ist nicht mehr fern

François Guennoc, der auch zum Essen da ist, bringt Tee. Er ist seit einem Jahr Mitglied der Bürgerinitiave "L'Auberge des migrants", ein Fulltimejob für den pensionierten Beamten. Lebensmittel verteilen, Baumaterial für die Hütten heranschaffen. Dazu kommt das politische Engagement für die Flüchtlinge: Demonstrationen organisieren, offene Briefe an Politiker schreiben. Bisher mit wenig Erfolg, gesteht François Guennec. Die konservative Bürgermeisterin nennt ihre Politik "vorbildlich", zeigt mit dem Finger auf die Regierung in Paris. Die, heißt es im Rathaus, "opfere Calais" der laschen EU-Flüchtlingspolitik.
Auch die neuen Töne aus Paris findet François Guennec wenig überzeugend: Das vom Premierminister angekündigte "humanitäre Lager" für Calais sei ein schlechter Witz. Allerfrühestens im Januar bezugsfertig bietet das Camp 1500 Plätze. Im Flüchtlingsslum leben jedoch mehr als doppelt so viele Menschen. François Guennec nippt an seiner Teetasse.

"La France affirme... Frankreich behauptet, dass es sich bereits an einer humanitären Flüchtlingspolitik in Europa beteiligt. Aber wenn es um die konkrete Umsetzung geht, duckt Frankreich sich weg. Frankreichs Politiker waren bisher nicht nur gegen verbindliche EU-Flüchtlingsquoten. Frankreich blockiert Flüchtlinge an der Grenze nach Italien, verstößt damit gegen das Schengener Abkommen. Und Frankreich nimmt nicht nur weniger Flüchtlinge auf, auch die Zahl der bewilligten Asylanträge ist deutlich niedriger als beispielsweise in Deutschland oder Schweden. ...la suede."

Vergangenen Montag verkündete Staatschef François Hollande, Frankreich werde 24.000 Flüchtlinge in den nächsten beiden Jahren aufnehmen. Als Zeichen einer humanen Flüchtlingspolitik. Diese forderte er auch von EU-Ländern, die sich ihrer Verantwortung bisher entzogen hätten.

Médecins du Monde reagierte prompt mit einem Pressecommuniqué, forderte die Regierung auf, noch vor dem Wintereinbruch mit der humanen Politik in Calais zu beginnen.

 

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