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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 19.10.2016

Flüchtlinge und Schwarzarbeit Gefangen in einer Schattenwelt

Von Elisabeth Weydt

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Eine Hand in einem Arbeitshandschuh hält eine Ein-Euro-Münze. (dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)
Viele Flüchtlinge wollen möglichst schnell ihre Verwandten in der Heimat unterstützen. Doch was tun, wenn legale Jobs kaum zu bekommen sind? (dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)

Die Zeit drängt für viele Flüchtlinge, sie wollen in Deutschland ankommen und müssen manchmal auch ihre Verwandten in der Heimat unterstützen. Doch oft werden sie in die Schwarzarbeit gedrängt.

Der 1. Mai in Hamburg, Tag der Arbeit. Während um die Rote Flora herum das jährliche Spektakel aus Wasserwerfern, Bengalos und Transparenten abläuft, sitzen ein paar hundert Meter weiter vier schüchterne junge Männer um einen Tisch. Sie wollen über ihre Arbeitsbedingungen sprechen. Amidou, Toni, Abdul und Salif kommen aus Burkina Faso und heißen eigentlich anders. Salif ist mit 23 der jüngste von ihnen, er trägt einen dünnen, an den Seiten aufgezwirbelten Schnurrbart.

"Wir warten hier wie die Huren auf dem Strich (Gelächter) auf Arbeit und dann kommt einer, der Arbeit hat, und nimmt einige von uns mit. Da gibt es dann auch immer wieder mal Streit, weil so ein Tag ohne Arbeit bedeutet ziemlich viel. Ich habe das Haus meines Vaters verkauft, um hierher zu kommen. Ich schicke alle paar Monate ein bisschen Geld runter."

Amidou – 30 Jahre alt, kariertes Hemd und Baseball-Kappe – ist am längsten in Deutschland: Vier Jahre.

"Ich will etwas tun für mein Geld. Ich möchte arbeiten. In meiner Unterkunft in dem kleinen Dorf gibt es nichts anderes als Schlafen und Essen den ganzen Tag, Schlafen und Essen. Da wird man irgendwann verrückt. Da ist nichts. Selbst zum Einkaufen muss man den Bus nehmen. In Afrika hatte ich ein Geschäft, ich bin gewohnt, dass man arbeitet."

Die Arbeitserlaubnis zu bekommen ist sehr schwer

Kennengelernt haben sich die vier in einer Flüchtlingsunterkunft in Sachsen-Anhalt, in dem kleinen Dorf, das nicht nur Amidou so schrecklich findet. Dort sind sie auch noch gemeldet, erhalten ihr Asylbewerbergeld und haben ein Bett. Aber sie schlafen lieber auf eigene Kosten für 150 Euro im Monat auf einer Matratze in Hamburg, erzählen sie. Hier gebe es mehr Jobs. Schwarzarbeiterjobs. Toni ist vor zwei Jahren in Deutschland angekommen. Er hat sich das hier alles anders vorgestellt.

"Ich will eigentlich nicht schwarz arbeiten, ich weiß auch, dass das Unrecht ist, was ich mache, kriminell, aber anders finde ich keinen Job."

Alle vier brauchen eine besondere Arbeitserlaubnis – ob als Geduldete oder als Asylbewerber. Die zu bekommen, ist kompliziert und langwierig. Amidou hat bisher vier Arbeitsverträge bei den Behörden eingereicht, erzählt er. Alle seien abgelehnt worden. Auch Toni hat schon einen Ablehnungsbescheid erhalten. Darin steht, die Arbeitsbedingungen entsprächen nicht den tariflichen, ortsüblichen Bedingungen. Also arbeiten er und seine Kollegen schwarz, helfen in Küchen aus, putzen oder beladen Container.

"Die Arbeit mit den Containern ist sehr schwer. Die behandeln dich als wärest du kein Mensch. 'Sneller, Sneller!' 12 Stunden am Tag für wenig Geld. Ohne Pause. Wenn man nicht schnell genug ist, bekommt man noch weniger Geld als ohnehin schon. Sie behandeln einen ohne jeden Respekt. Sie wissen, dass wir keine Arbeitserlaubnis haben und sie alles mit uns machen können.

Ich habe meiner Familie erzählt, wie schlecht es mir hier geht, aber die glauben mir nicht. Im Fernsehen wird da gezeigt, wie toll Europa, wie toll Deutschland ist. Wenn ich etwas Schlechtes erzähle, sagen sie: Dann arbeitest du nicht hart genug."

Zurückgehen kommt für Salif nicht in Frage. Lieber würde er sich als Papierloser in der Illegalität durchschlagen, sagt er.

"Meine Familie wäre sauer, wenn ich jetzt so zurück kommen würde ohne alles. Ich würde mich auch sehr schämen, dass ich es nicht geschafft habe. Ich würde mein Gesicht verlieren. Ich muss Geduld haben, vielleicht wird es ja noch besser."

Viele lebten so wie sie, erzählen die vier jungen Männer. Wie viele genau, dafür gibt es keine belastbaren Zahlen. Die Schattenwelt bleibt undurchsichtig, es gibt unterschiedliche Angaben und Schätzungen. Der Zoll greift bundesweit etwa 10 Flüchtlinge pro Monat bei der Schwarzarbeit auf. Julia Schmidt hingegen geht davon aus, dass bis zu 50 Prozent der männlichen Asylbewerber irgendwann einmal schwarz arbeiten. Sie ist seit zehn Jahren Sozialarbeiterin, hat in Niedersachsen, Hamburg und Berlin gearbeitet. Auch Julia Schmidt heißt in Wirklichkeit anders. Damit man ihre Stimme nicht erkennt, haben wir ihre Äußerungen nachgesprochen.

"Die müssen arbeiten, die müssen ihre Familien zu Hause versorgen. Mütter, Väter. Schlepperkosten. Manche sind richtig verzweifelt. Dann verlassen sie die Unterkünfte und sind zwei Wochen, drei Wochen nicht da, oder gehen morgens weg und kommen abends zurück. Das merkst du richtig, wenn sie dann spät nach Hause kommen, wie sie so nach Essen riechen. Sie arbeiten viel in Küchen, viel auf Baustellen, viel, wo sie nicht im Vordergrund auftreten."

Immer schön im Hintergrund

Sie bleiben im Hintergrund, damit sie nicht erwischt werden. Julia Schmidt glaubt nicht, dass die geringen Zahlen des Zoll etwas über die Verbreitung des Phänomens aussagen. Dafür gebe es zu viele Beispiele.

"Es gibt alles. Ich kenne auch welche, die wohnen in Hamburg in einer Flüchtlingsunterkunft und arbeiten in Köln, weil da über tausend Ecken ein Friseur ist, wo sie Haare schneiden können. Schneiderei, Putzen, Eisladen, Einzelhandel, Lagerarbeit – nicht Menschenarbeit, sondern so Sachen hin und her räumen."

Nima zählt auf, wo Flüchtlinge überall Arbeit finden. Er ist 30 Jahre alt, studiert Umweltingenieurwesen in Berlin.

"Bäcker. Irgendwelche Lokalitäten, Diskos, Barkeeper, Restaurant, Tellerwäscher, Koch, auch mal Saubermachen."

Nima kam als Jugendlicher mit seinen Eltern aus dem Iran und hat selbst drei Jahre in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt. Seitdem engagiert er sich für Flüchtlinge.

"Teilweise auch Babysitten für Leute, die zweisprachige Kinder aufwachsen haben wollen. Es ist alles, was geht. Was kommt, wird genommen."

Manchmal werden diese Jobs auch vermittelt – gegen Provision. Zum Beispiel soll im niedersächsischen Neu Wulmstorf ein ehemaliger Mitarbeiter einer Gemeinschaftsunterkunft versucht haben, den Bewohnern gegen Provision Schwarzarbeit und anderes zu vermitteln. Einige Bewohner haben sich getraut, das zu melden. Zitat aus einem internen Dokument:

"Ich bat Herrn A. darum, mir bei der Suche nach einer Arbeitsstelle zu helfen. Herr A. bot mir an, eine unangemeldete Stelle in einer Diskothek auf der Reeperbahn anzunehmen, das heißt also 'Schwarzarbeit'. Als Gegenleistung sollte ich jedoch die Hälfte des Gehalts an ihn abgeben. Dazu war ich nicht bereit."

"Abzocke gibt es immer"

Jetzt ermittelt die Polizei. Der Mann, Herr A., weist alle Vorwürfe zurück. Er habe immer das Beste für die Geflüchteten gewollt, sagt er am Telefon. Nach Angaben des Unterkunftsbetreibers Human Care ist er sofort entlassen worden, als es Beschwerden gab. Das Unternehmen stellte Strafantrag. Weitere Fälle kenne man nicht. Doch auch in Unterkünften in anderen Bundesländern sollen illegale Arbeitsvermittler unterwegs sein. In Berlin und Hamburg etwa. Der Sozialarbeiterin Julia Schmidt erzählen Flüchtlinge manchmal von solchen Fällen.

"Gerade zwischen Leuten mit Migrationshintergrund finden oft Vermittlungen statt. Und natürlich gibt es auch welche, die für die Vermittlung kassieren. Für alles, was sie machen, wollen sie Geld. Wenn sie denen Arbeit vermitteln, möchten sie Geld haben. Wenn sie eine Wohnung vermitteln, möchten sie Geld haben. Und genauso, wie die Flüchtlinge ihr letztes Hemd gegeben haben, um zu fliehen, haben sie sich mit dem Gedanken angefreundet, das Letzte zu geben, um jetzt hier weiter zu kommen.

Ich hab schon von Leuten gehört, die richtig gut verdienen, auch viel arbeiten. Und Abzocke gibt es natürlich auch immer. Also, wenn es illegal ist, dann ist es ja noch leichter. Leute, die zum Beispiel tagelang gearbeitet haben und dann nicht bezahlt wurden oder halt bedroht wurden, alles möglich, auch zusammengeschlagen, rausgeworfen, hinterhergejagt und versucht, nochmal deren Geld zu klauen."

Das Leben in Berliner Unterkünften sei hart, erzählt Nima. Legal Arbeit zu finden, sei schwierig. Einige Bewohner versuchten sich sogar an kriminellen Geschäften. Aber auch über Schwarzarbeit mag kaum jemand sprechen.

"Viele haben einfach so viel Schiss, dass die das gar nicht erwähnen. Auch nicht unter ihren eigenen Leuten. Die gehen einfach raus: 'Ich bin im Park oder draußen oder irgendwie beim Amt, Termine.' Ich hab das Gefühl, dass es nach und nach steigt. Es dauert halt. Manche Leute haben einfach gar keine Netzwerke, aber wenn einer irgendwas findet, bringt er die anderen noch rein."

Die Hoffnung wächst - wieder einmal 

Das Netzwerk der vier jungen Männer aus Burkina Faso scheint engmaschig zu sein und Halt zu geben. Sie unterstützen sich gegenseitig, erzählen von Freunden in Hannover und Essen, und als zwei von ihnen im Lauf der monatelangen Recherchen in die Illegalität abrutschen, weil sie nicht zu ihrem Abschiebetermin erscheinen und trotzdem in Deutschland bleiben, finden sie Unterschlupf. Toni dagegen erhält über einen Bekannten sogar einen Arbeitsvertrag.

Der Busbahnhof in Hamburg. Toni will den Arbeitsvertrag zu seiner zuständigen Behörde in Sachsen-Anhalt bringen. Die muss ihn genehmigen und für eine weitere Genehmigung zum Arbeitsamt schicken. Wenn alles klappt, kann er legal bei der Reinigungsfirma eines Bekannten anfangen. Toni trinkt noch schnell einen Kaffee vor der langen Busfahrt.

"Am Anfang hat mich die Situation an sich fertig gemacht. Dass ich nicht wusste, was kommt, das hat mich ganz nervös gemacht. Aber in letzter Zeit merke ich, dass sich die Sachen bessern. Und jetzt wächst wieder Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch die Erlaubnis bekomme, den Reinigungsjob hier zu machen."

Im Bus sortiert er noch einmal den Inhalt seiner kleinen Sporttasche. Ein Deutschlernbuch ist dabei, ein paar Klamotten und das Wichtigste: der Arbeitsvertrag mit der Reinigungsfirma. In Burkina Faso hatte Toni einen Laden für Computer und Fernseher, erzählt er. Den habe das Militär bei einer Demonstration zerstört. Er habe dann 20.000 Euro Schulden gemacht, um ihn wieder aufzubauen. Dann kamen die Schuldeneintreiber.

"Sie haben mich bedroht. Sie kamen immer wieder in den Laden. 'Noch drei Monate!' Sie haben gedroht, mich umzubringen, wenn ich nicht zahle. Ich bin dann nicht mehr in den Laden. Dann haben sie meinen Mitarbeiter bedroht. Also habe ich den Rest verkauft und bin geflohen."

Seine Frau habe sich schon vorher von ihm getrennt und seine kleine Tochter wohne bei seinen Eltern. Manchmal schickt er Geld nach Hause. Manchmal schicken sie Fotos auf sein Handy. Eins zeigt das vierjährige Mädchen auf einem rosa Dreirad im braunen Staub.

"Ich stehe jeden Morgen auf und klar gibt es eigentlich genug Gründe aufzugeben und liegen zu bleiben, aber ich habe immer Hoffnung. Ich denke immer positiv und kann mir immer selber Mut machen. Jeden Tag stehe ich neu auf, trinke meinen Kaffee und denk mir so: Irgendwann wird der Tag kommen, an dem es gut wird."

Hürde deutsches Steuergesetz

Seit kurzem gilt nun das neue Integrationsgesetz, das es Asylbewerbern erleichtern soll, legal zu arbeiten. Flüchtlingshelfer und Sozialarbeiter sehen darin einen wichtigen Schritt, gehen aber nicht davon aus, dass es die Schwarzarbeit unter Flüchtlingen stark reduzieren wird. Es bleibt weiterhin schwierig, einen Arbeitgeber zu finden und auch die Möglichkeit des Betrugs bleibt.

"Teilweise wissen die Leute auch gar nicht, wie das überhaupt so funktioniert mit dem ganzen Steuersystem in Deutschland. Denen wird was erzählt und die kriegen einfach ihr Geld am Ende des Monats und es ist gut so."

Shoukat Ali Muslim aus Pakistan wurde so einiges erzählt, aber am Ende des Monats war es dann überhaupt nicht gut. Noch heute wirkt der kleine, runde Mann, der früher als Automechaniker gearbeitet hat, so, als wisse er nicht wirklich, wie ihm geschah.

"Ich habe von einem Freund gehört, dass es im indischen Restaurant in Buxtehude Arbeit gibt als Küchenhilfe. Da bin ich hingegangen. Wir haben dort einen Vertrag unterzeichnet. Der Chef hat gesagt, ich soll 10 Stunden am Tag arbeiten. Die Behörde hat den Vertrag genehmigt."

Im Vertrag steht aber: 10 Stunden pro Woche für 255 Euro im Monat. Das habe er nicht verstanden, sagt Shoukat Ali heute.

"Ich wollte unbedingt arbeiten. Davor hab ich den ganzen Tag nur geschlafen. Das ist nicht gut. Ich wusste ja nicht, wie das läuft."

Stundenlohn von 90 Cent

Er habe dann 60 bis 70 Stunden pro Woche gearbeitet, weil der Chef es so verlangte. Das ergäbe einen Stundenlohn von ungefähr 90 Cent.

"Ich hab im Restaurant nichts essen dürfen, nur Wasser trinken, nicht einmal Tee. Der Chef hat mich immer beschimpft: Ich arbeite nicht gut, ich mache die Sachen nicht richtig sauber. Alles musste ich per Hand abwaschen. Manchmal hab ich meinen letzten Zug nach Hause verpasst. Dann musste ich zu Fuß laufen. Ungefähr zwei Stunden."

Nach gut einem Monat habe der Chef ihm dann 255 Euro ausgezahlt und gesagt, es gebe jetzt keine Arbeit mehr. Der Besitzer des Restaurants in Buxtehude war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Shoukat Ali Muslim hat nun seinen Mut zusammen genommen und bei der Polizei Anzeige erstattet.

"Das Geld ist mir gar nicht so wichtig, aber dass er mich so schlecht behandelt hat, das finde ich schlimm. Und wenn ich jetzt in die Restaurants gehe und nach Arbeit suche, dann sagen sie immer: Aber du hast ja keine Arbeitserlaubnis. Aber ich möchte einfach arbeiten und Steuern zahlen. Ich möchte kein Sozialgeld vom deutschen Staat."

Auf der Suche nach den Gestalten der Schattenwelt trifft man nicht nur auf solidarisch Gesinnte in Not, es gibt auch gerissene Glücksritter, die sich schlicht ein schöneres Leben erwirtschaften wollen. Mustafa aus Nordafrika zum Beispiel. Auch er heißt eigentlich anders. 35 Jahre alt, Lederjacke, lässiger Gang und ein neugieriger Blick. Auch Mustafa würde lieber legal arbeiten.

"Ich verdiene minimum 450, maximum 850 Euro im Monat in kleinen Restaurants, auf kleinen Baustellen. Das ist immer noch mehr als 320 Euro Asylbewerbergeld. Ich will ja auch rausgehen mit meinen Freunden, ich rauche. Klamotten. Mit 850 Euro kann ich auf jeden Fall leben und ich möchte mich ja auch integrieren, aber mit nur 320 Euro, das geht nicht. Außerdem hatte ich ja schon einen richtigen Job gefunden, ich war ja schon so weit."

Netzwerk aus Schwarzarbeiterjobs

Diesen richtigen Job habe ihm das Amt aber nicht genehmigen wollen, erzählt er. Seit einem Jahr ist er nun in Deutschland und hat sich in der Zwischenzeit ein Netzwerk aus Schwarzarbeiterjobs und Schlafmöglichkeiten aufgebaut. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hamburg.

"Es ist total einfach, weil es gibt ja hier so viele Asylbewerber und Flüchtlinge. Und in den Unterkünften gibt es oft freie Plätze. Manchmal sind da zum Beispiel Wohnungen mit sechs Plätzen, aber es sind nur drei belegt. Man findet immer irgendwas. Dann kennt man da den Afrikaner, da den Araber und dann kommt man immer irgendwo unter."

Auch Tonis Bett in der Unterkunft in Sachsen-Anhalt, zu der er gerade fährt, steht hauptsächlich leer. Am Fenster rauschen deutsche Landschaften vorbei. Windräder, Felder, kleine Dörfer. Dass er gerade über die ehemalige Grenze zwischen West- und Ostdeutschland fährt, weiß er. Das hatten sie in der Schule in Burkina Faso gelernt. Deutschland gefällt ihm, er würde gerne bleiben, zur Not eben weiter schwarz arbeiten.

"Wenn die Polizei kommt, renne ich nicht weg. Wenn sie kommt, bin ich da, wo ich bin. Wenn man abhaut und dann vielleicht auch noch verfolgt wird, macht man alles nur schlimmer. Einmal kam die Polizei als wir einen Container beladen haben. Alle sind abgehauen, nur ich nicht. Die Polizei hat gefragt, wo der Chef ist. Dann kam der Chef und es ging nur darum, den Container ein bisschen von der Straße weg zu holen, damit man durchkommt. Sie haben aber keine Papiere kontrolliert."

Falls sie ihn doch mal bei der Schwarzarbeit kontrollieren sollten, will er ihnen einfach sagen, was Sache ist

"Ich würde sagen, ich weiß nicht, was ich sonst machen soll. Ich möchte gerne arbeiten, und ein Arbeitsrecht haben, aber das krieg ich nicht, dann muss ich halt irgendwie so arbeiten."

"Zwei Jahre ohne Arbeit ist nicht okay"

Dass es so schwierig sein würde, hätte Toni nicht gedacht. Er weiß auch noch nicht so recht, ob er sich wirklich über die neue potentielle Arbeitsmöglichkeit freuen soll, erzählt er beim Umsteigen an einem Bahnhof.

Ob bei seinem neuen Job alles korrekt abläuft, ob er für weniger Lohn mehr arbeiten soll und wenn ja, wie viel – das kann oder will Toni nicht sagen. Ist es am Ende gar ein ähnliches Arbeitsverhältnis wie beim Pakistani Shoukat Ali Muslim?

Toni sagt nur so viel:

"Es ist nicht gut, mehr zu arbeiten als man verdient. Du arbeitest 8 Stunden und sie zahlen 8 Stunden, das ist okay. Aber wenn du 8 Stunden arbeitest und sie dir 6 Stunden zahlen, ist das nicht gut."

Bei seiner Behörde angekommen gibt Toni den Arbeitsvertrag ab, holt sein Asylbewerbergeld ab und hofft von nun an noch intensiver auf eine positive Antwort.

"Wenn ich die Arbeitserlaubnis nicht bekomme, wird es sehr kompliziert. Dann wären das zwei Jahre ohne richtige Arbeit und das geht einfach nicht. Das ist nicht gut."

Dann fährt Toni zurück in seine Unterkunft am Rande des kleinen Dorfes. Er will ein paar Tage bleiben, sein Zimmergenosse sei im Moment nicht da. Der arbeite wohl gerade irgendwo, sagt Toni und grinst.

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