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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.12.2015

Flüchtlinge und Religiosität"Die religiöse Spannungslinie wird stark akzentuiert"

Alexander Kenneth-Nagel im Gespräch mit Philipp Gessler

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(picture alliance / dpa / Ronald Wittek)
Die Spitze des Minarett der Yavus Sultan Selim Moschee mit dem Halbmond und das Kreuz auf der Kirchturmspitze der Liebfrauenkirche in Mannheim. (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)

Durch den Zuzug von Muslimen könnte sich die religiöse Landschaft in Deutschland verändern. Das könnte eine weitere Konfliktlinie erzeugen - in einer Gesellschaft, die ohnehin gespalten ist: zwischen Nord- und Süddeutschen, Armen und Reichen, Männern und Frauen, Ostlern und Westdeutschen, meint der Göttinger Soziologe Alexander-Kenneth Nagel.

Philipp Gessler: Den Göttinger Soziologie-Professor Alexander-Kenneth Nagel zum Thema Religion und Flüchtlinge zu interviewen ist bei näherer Betrachtung fast Pflicht: Warum? Zum einen, weil sein Vater aus Bangladesch kommt und Moslem ist. Zum zweiten, weil Professor Nagels Familie aus der DDR geflohen ist – hier war sein Vater Gaststudent, reiste aber, nicht ganz legal, mit seiner atheistisch geprägten Frau und dem kleinen Alexander-Kenneth 1980 über Amsterdam nach West-Berlin aus. Die Familie hat "rübergemacht", wie man früher sagte. Zum dritten – aber das ist nicht ganz ernst gemeint –, weil Nagel vor etwa einem Monat vergeblich für den Rat der EKD kandidierte, aber vor der Synode in Bremen eine fulminante Bewerbungsrede hielt. Zum vierten – und das ist das wichtigste und ganz ernst –, weil der junge Soziologe ein Experte für das Thema Migration und ihre Folgen auch für die Religion ist. Meine erste Frage an Professor Nagel war, ob irgendetwas dafür spricht, dass – auch wegen religiöser Differenzen – die Spannungen in der deutschen Gesellschaft zunehmen durch die rund eine Million Flüchtlinge, die hierzulande in diesem Jahr aufgenommen wurden.

Alexander-Kenneth Nagel: Erst mal muss man sagen, dass die Spannungen ganz offensichtlich schon zugenommen haben. Es gibt durchaus Proteste und auch Ausschreitungen, die aber nicht von den Flüchtlingen ausgehen, sondern gegen diese gerichtet sind. Insofern muss man wohl davon sprechen, dass die Spannungen infolge der Fluchtmigration zugenommen haben. Was die Rolle der religiösen Differenzen angeht, ist das hier schwierig zu beurteilen: Man tut gerade in der heutigen Debatte – Stichwort christliches Abendland und der Islam – von außen immer so, als ob es nur religiöse Spannungslinien gebe, aber gerade Deutschland ist ja reich an verschiedenen, wie der Politikwissenschaftler sagen würde, Cleavages, Spaltungslinien, die die Gesellschaft durchziehen: Der Preuße und der Bayer haben eine Spannungslinie, und der Arme und der Reiche, Männer und Frauen, und Süddeutsche, Norddeutsche, Ostdeutsche und Westdeutsche. Man muss trotzdem sagen, dass es bemerkenswert ist, dass die religiöse Spannungslinie dieser Tage so stark akzentuiert wird, vor allem durch die Bewegungen, die sich für eine Begrenzung der Fluchtmigration stark machen.

Gessler: Woran liegt das denn, dass wir so sehr auf die Spannungen gucken, die durch Religionen ausgelöst werden?

Ideologisches Vakuum seit Ende des Kalten Krieges

Nagel: Zum einen muss man feststellen, dass schon seit mehreren Jahren, Jahrzehnten, eigentlich seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes eine neue Aufmerksamkeit für Religion in der Öffentlichkeit da ist. Die prominente These von Samuel Huntington vom Kampf der Kulturen, vom clash of civilizations, weist darauf hin, dass nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes sozusagen ein ideologisches Vakuum besteht, dass nunmehr durch religiöse oder ethnische Identitäten gefüllt wird. Von daher gibt es insgesamt eine verstärkte Aufmerksamkeit auf religiöse Grenzziehung. Nichtsdestotrotz muss man sagen, dass natürlich die Gegensätze zwischen arm und reich, globalem Norden und globalem Süden auch nicht verschwunden sind.

Gessler: Nun gibt es ja immer wieder Konflikte auch religiöser Art oder religiöse motivierte Konflikte in Flüchtlingsunterkünften – das überrascht eigentlich ein bisschen, weil man ja denkt, nun ja, die Leute dort haben eigentlich andere Probleme, oder?

Nagel: Das ist ein ganz schwieriges Thema. Da muss man vorab sagen, dass es kaum systematische Erkenntnisse zu diesen Konflikten gibt. Es gibt einzelne Medienberichte und eben anekdotische Berichte darüber. Hier muss man, glaube ich, unterscheiden zwischen Konflikten, zwischen Religionsgruppen, so wie es oft kommuniziert wird, und Konflikten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionsgruppen. Wenn man genau hinschaut, zum Beispiel in die Medienberichterstattung, da wird ja vor allem der Fall Suhl immer wieder genannt, das war einer der Fälle, wo es eine explizit religiöse Konnotation des Konfliktes gab. Hier war offensichtlich ein Koran oder Seiten eines Korans verbrannt worden, woraufhin dann es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam. In den anderen Fällen ist es häufiger so, dass die Konflikte eher als Personenkonflikte beginnen und weil es zum Beispiel übergriffe auf einzelne Personen gegeben hat, weil einzelne Personen sich in ihrer Ehre gekränkt gefühlt haben und dann die Mobilisierung von Mitkämpfern entlang etablierter, meistens landsmannschaftlicher, teilweise aber auch religiöser Linien erfolgt. Insofern muss man bei der Einschätzung, ob es sich hier um religiöse Konflikte oder nicht viel mehr Individualkonflikte, die dann religiös kodiert werden, unterscheiden.

Gessler: Sie haben das kurz angedeutet gerade: Der Islam wird von vielen Menschen hier in Deutschland als Bedrohung begriffen, warum auch immer – nun kommen hunderttausende Muslime, Flüchtlinge nach Deutschland. Wie kann man denn dem hiesigen Deutschland etwas diese Angst vor Muslimen nehmen?

Nagel: Da muss man vorweg sagen, dass die Sozialwissenschaft bislang noch nie so gut darin war, Ängste zu nehmen, sondern eher darin, Ängste zu vermitteln oder zu kultivieren. Trotzdem kann man vielleicht etwas ganz allgemeines dazu sagen, nämlich Angst, insbesondere kulturelle, religiöse Angst, Befürchtung, gedeiht immer im Abstrakten, und von daher ist es, glaube ich, auch kein gutes Mittel, sich abstrakt jetzt über den Islam schlau zu machen, mal einen Blick in den Koran zu werfen. Die Lektüre der religiösen Quellen, die verunklart meist mehr als sie an Aufschlüssen bietet. Letztendlich läuft es darauf hinaus, wenn man sich wirklich damit auseinandersetzen will, die konkrete Begegnung zu suchen. Da muss man sich, glaube ich, bewusst machen, dass es da ganz unterschiedliche Foren gibt. Es gibt Moscheevereine, Moscheegemeinden in jeder größeren Stadt in Deutschland, die sind auch auf Besucher eingestellt, die haben eine Webseite, kann man anrufen und einen Termin ausmachen und einfach mal vorbeigehen. Das ist eine Möglichkeit. Es gibt Tage der offenen Moschee, Tage der offenen Tür, die man nutzen kann oder man kann auch einfach mal auf die Verlautbarung der Verbände schauen zu aktuellen Themen. Das wären Möglichkeiten, sich nicht abstrakt mit dem Islam, sondern konkret mit den hier lebenden Muslimen und ihren religiösen Anschauungen auseinanderzusetzen.

Gessler: Nun gab es ja eine etwas überraschende Äußerung, würde ich sagen, von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden: Der hat diese Befürchtung ausgedrückt, es könnte durch die Zuwanderung von vor allem Muslimen bald einen Zuwachs von Judenfeindlichkeit in Deutschland geben. Halten Sie denn diese Befürchtung für gerechtfertigt?

Nagel: Mir steht es natürlich nicht an, die Befürchtung von Herrn Schuster in irgendeiner Weise zu beurteilen. Trotzdem muss man sagen, dass darin zwei sehr starke Annahmen impliziert sind: Die eine Annahme lautet, dass es einen umfassenden und gewaltbereiten Antisemitismus in allen islamischen Herkunftsländern der Flüchtlinge gibt, die hier nach Deutschland einwandern, und die andere und noch problematischere Annahme lautet, dass dieser gewaltbereit und umfassende Antisemitismus sich im Zuge der Migration nicht etwa abschwächt oder nivelliert, sondern sogar intensiviert. Zumindest das zweite kann man im Lichte der Migrationsforschung nicht erhellen: Man sieht, dass religiöse Motive, und damit verbunden eben auch religiöse Feindschaften, religiös kodierte Konflikte zu Beginn der Migration keine besondere Rolle spielen. Da versuchen die Leute erst mal einfach, sich zu etablieren und eine neue Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Gessler: Der Islam – davon kann man ja ausgehen – wird sich wahrscheinlich durch die Zuwanderung verändern. Das ist zumindest die Vermutung von einigen, die sagen, bisher haben wir diesen türkisch geprägten Islam vor allem hier in Deutschland, jetzt kommt der, sagen wir mal, eher noch weiter nahöstliche arabische Islam hierher. Es gibt ja die These, dass dieser türkische Islam aufgrund der Religionspolitik von Atatürk ein relativ säkularer Islam ist, relativ liberal, dass auf der anderen Seite der Islam, den man etwa in Maghreb findet oder in Syrien oder im Irak, dass der viel konservativer ist, zum Teil auch fundamentalistischer. Glauben Sie, da könnte etwas dran sein?

Empathie kann auch unreligiöse Quellen haben 

Nagel: Ich bin selbst kein Islamwissenschaftler, ich würde das so pauschal nicht unterschreiben. Generell wird der türkische Islam von der dortigen Religionsbehörde mit konzipiert, und alle religiösen Veränderungsprozesse, die sich zum Beispiel unter der Regierung von Erdogan dort ergeben haben, bilden sich auch in dem türkischen Islam ab, wie er hier durch die Verbände praktiziert wird. Das hat jetzt erst mal mit fundamentalistisch oder nicht-fundamentalistisch, konservativ oder nicht konservativ gar nichts zu tun. Ebenso muss man davon ausgehen, dass die Zuwanderer aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, was die intraislamische Vielfalt angeht, alles andere als homogen sind. Es wandern unterschiedliche sunnitische Denominationen zu. Es wandern Schiiten zu, und es wandern Ahmadiyya und Alawiten zu, bei denen strittig ist, ob und inwieweit sie überhaupt zum islamischen Traditionsspektrum gezählt werden können.

Gessler: Nun ist ja in allen drei monotheistischen Religionen die Erfahrung, religiös gesehen, ein Flüchtling zu sein, existentiell. Im Christentum diese Idee, dass Maria und Josef auf der Flucht waren gleich nach der Geburt von Jesus, dann der Exodus bei den Juden und auch das Exil von Mohammed in Medina, der Beginn der islamischen Zeitrechnung. Ist diese religiöse Erfahrung oder diese religiöse Tradition in den drei monotheistischen Religionen vielleicht tatsächlich ein Anknüpfungspunkt, dass man Flüchtlingen besonders wohlwollend entgegengeht, weil man eben weiß, ja, ich war selber ein Fremdling im Ägypterland?

Nagel: Das könnte einer von möglichen Anknüpfungspunkten sein. Generell kann man sagen, dass religiöse Narration, religiöse Geschichten, menschliche Grunderfahrungen transportieren und dass diese menschlichen Grunderfahrungen über diese Geschichten vermittelbar sind, es wird über diese Geschichten Empathie hergestellt, und ich denke, das ist auch das Schlüsselwort mit Blick auf Ihre Frage: Empathie, und da mag es sein, dass die monotheistischen Religionen über ihre religiösen Geschichten da einen besonderen Ansatzpunkt haben, Empathie kann aber auch ganz andere Quellen haben. Quellen, die außerhalb der monotheistischen Religion liegen und Quellen, die völlig außerhalb von Religion liegen. Wenn man zum Beispiel daran denkt, dass man tatsächlich eine eigene Fluchterfahrung hatte, was wir ja zurzeit bei vielen älteren Mitbürgern sehen, die selbst als Vertriebene geflüchtet sind aus den deutschen Ostgebieten, kann das auch eine Quelle von Empathie sein, aber selbst so etwas wie der Preuße in Bayern zu sein oder der Ostdeutsche in Westdeutschland zu sein, kann sozusagen als Minderheitenerfahrung eine Quelle von Empathie sein. Das müssen nicht immer religiöse Erzählungen sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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