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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 03.01.2018

Flüchtlinge und KriminalitätDie ritualisierten Grabenkämpfe überwinden

Von Toralf Staud

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Verhaftung eines Mannes in Berlin. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Verhaftung in Berlin: Welche Gruppen von Zuwanderern überproportional häufig gewalttätig sind, zeigt die Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer auf. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Bestimmte Flüchtlingsgruppen werden häufiger gewalttätiger als der Rest der Bevölkerung, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Unser Kommentator Toralf Staud begrüßt die Untersuchung: Sie ermögliche endlich eine rationale und differenzierte Diskussion.

Endlich – möchte man sagen. Endlich kommt die Debatte um Zuwanderung und Innere Sicherheit voran. Die Studie, die ein Team um den Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer am Wochenende vorgelegt hat, scheint die Tür zu öffnen für eine nüchterne und rationale Debatte über die Kriminalität von Migranten.

Moment, schon hier ist Differenzierung nötig – mehr Differenzierung, als es bisher in den meisten öffentlichen Debatten zum Thema gab: Es geht nämlich nicht um "Kriminalität von Migranten", sondern um Kriminalität von bestimmten Gruppen von Migranten.

Ritualisierte Kämpfe aus bekannten Schützengräben

In der Vergangenheit waren Diskussionen hierzu wenig fruchtbar. Allzu oft erschöpften sie sich in ritualisierten Kämpfen aus bekannten Schützengräben heraus. Rechte Populisten instrumentalisieren Gewalttaten von Migranten. In jedem Fall – sei es die Kölner Silvesternacht von 2015, der Mord an einer Studentin in Freiburg 2016 oder zuletzt die Tat eines 15-jährigen Flüchtlings in einem Drogeriemarkt in Kandel – jeden solchen Fall benutzen rechte Populisten als Beleg ihrer rassistischen These, alle Flüchtlinge seien potenzielle Gewalttäter.

Um solche Propaganda nicht zu befördern, gab und gibt es auf der anderen Seite – bei einigen Linken und Liberalen – eine Scheu, sich detailliert und ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen.

Das Ignorieren von Problemen, die mit Migration natürlich auch verbunden sind, hat hierzulande eine lange Tradition. Jahrzehntelang hat die alte Bundesrepublik – und vorneweg CDU und CSU – die Fiktion hochgehalten, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Was für eine erfolgreiche Integration nötig ist, welche Forderungen eine offene Gesellschaft an Migranten stellen kann und sollte – solche Fragen wurden nie offen debattiert, weil die Gastarbeiter ja eigentlich alle wieder nach Hause gehen sollten.

Rückstand zu internationalen Debatten

In der Politik, aber auch in Sicherheitsbehörden oder der Wissenschaft gibt es hierzulande deshalb einen manchmal jahrzehnteweiten Rückstand zu internationalen Debatten. Und das Gefühl vieler Menschen, dass Probleme der Integration in Deutschland nicht thematisiert werden oder gar nicht thematisiert werden dürfen, hat der AfD ihre Demagogie und ihren Aufstieg mit ermöglicht.

Höchste Zeit also, einen Schritt weiterzukommen. Und die neue Pfeiffer-Studie scheint dies zu ermöglichen. Sie hat herausgearbeitet, welche Gruppen von Zuwanderern überproportional häufig Gewalttaten begehen. Und eine Diskussion angestoßen, mit welchen politischen Mitteln man vielleicht etwas gegen die Ursachen tun könnte.

Für Kriminologen und Soziologen mag es eine Binsenweisheit sein, dass Straffälligkeit viel mit Alter, Geschlecht und sozialer Situation zu tun hat – aber vielen anderen ist solche Differenzierung offenbar häufig zu mühsam. Dabei ist sie bitter nötig – jedenfalls wenn man nicht nur Angstmache und rechtspopulistische Mobilisierung im Sinne hat.

Keine Angst vorm Sog der Filterblasen

Wenn jetzt AfD-Politiker twittern "Mehr Flüchtlinge heißt mehr Gewalt", dann sollten sich Medien und Wissenschaft, Politik und Behörden davon nicht irre machen lassen. Jede noch so differenzierte Wortmeldung, jede noch so ernsthafte Studie im Themenfeld Migration wird heutzutage in die eine oder andere Filterblase gezogen, verdreht, umgedeutet werden.

Doch aus Angst davor darf man es nicht unterlassen, tatsächliche Probleme genau zu betrachten, die wahrscheinlichen Gründe dafür zu analysieren – und dann nach Lösungen zu suchen, die mit den Prinzipien des Rechtsstaat und einer freiheitlichen Gesellschaft kompatibel sind.

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