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Länderreport | Beitrag vom 27.03.2018

Flüchtlinge retten einen Chor Rheinisch-syrische Gesänge

Von Claudia Rometsch

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Männergesangverein Liederkranz 1875 aus Aegidienberg (Claudia Rometsch)
Junge Syrer verstärken den Männergesangverein Liederkranz 1875. (Claudia Rometsch)

Den Männergesangvereinen mangelt es an Nachwuchs. Eine Chance für den Fortbestand der Traditionsvereine könnten arabische Zuwanderer sein. Diese Erfahrung machte jetzt jedenfalls der Chor Liederkranz 1875 in Aegidienberg.

Mittwochabend in der kleinen, ehemaligen Schule von Aegidienberg. Wie jede Woche haben sich die knapp 30 Sänger des Männergesangvereins Liederkranz 1875 zur Probe versammelt. An einer Wand des ehemaligen Klassenraums hängt die Fahne des Vereins mit einem Bildnis des heiligen Aegidius. Sie verweist auf die mehr als 140-jährige Tradition des Chors. Nun ist der Verein in die Jahre gekommen. Ein Großteil der Mitglieder ist im Rentenalter. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Männerchören konnten die Aegidienberger auch ein paar junge Stimmen hinzugewinnen. Chorleiter Guido Wilhelmy:

"Die Chöre schwächeln natürlich aufgrund der Altersstruktur ein bisschen, die traditionellen Chöre. Und da haben wir aber schon kleine Erfolge vorzuweisen. Wir haben also einige neue Sänger gewinnen können, unter anderem auch aus dem Flüchtlingsbereich hier in Aegidienberg. Und naja, da freuen wir uns natürlich auch sehr drüber."

Seit gut anderthalb Jahren sorgen Amir, Muhammad und Dalil im Tenor und im ersten Bass für Verstärkung.

Lieder in rheinischer Mundart waren zunächst keine ganz leichte Übung für die jungen Syrer. Doch den 21-jährigen Amir hat das nicht abgeschreckt.

"Ja, ist schwerer zu verstehen. Aber die Männer auch singen langsamer für uns auch. Die sagen, langsam, langsam, damit wir auch mitsingen."

Amir, Muhammad und Dalil singen mit

Unterstützung bekommen die Neuzugänge von den altgedienten Sängern. Horst Lorenz, der neben Amir sitzt, ist seit 44 Jahren Mitglied im Männergesangverein.

"Die können ganz gut Kölsch. Ich sag, wenn wir eine lateinische Messe singen, müssen wir auch Latein lernen. Und das müssen die genauso. Aber mit der Zeit geht das schon. Da kann man gar nichts gegen sagen. Sehr nette Jungs sind das."

Singen in einem deutschen Dialekt – Amir, Muhammad und Dalil hätten sich das noch vor zwei Jahren nicht vorstellen können. In ihrer Heimat hatten die jungen Syrer eine feste Arbeitsstelle oder Studienpläne. Doch 2015 verloren ihre Familien im Bombenhagel auf Aleppo und Kobane ihre Wohnungen und ihre Existenz. Wie Tausende anderer Syrer machten sich die drei jungen Männer über die Türkei und die Balkanroute auf den Weg nach Deutschland. Im Bus, auf wackeligen Schlauchbooten und zu Fuß. Amir berichtet von den Strapazen der Flucht.

"Ich habe vier Tage in Bergen geschlafen. Vier Tage mit vier Personen. Alleine. Wir hatten niemanden dabei. Wir laufen weiter, aber wir wissen nicht, wo gehen wir. Einen Tag hatten wir Essen. Und drei Tage keine Essen. Es war bisschen total schwierig für uns."

Über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich gelangte Amir nach Deutschland. Hier wurde er so wie seine beiden syrischen Mitsänger Muhammad und Dalil schließlich in dem 7000-Einwohner-Ort Aegidienberg untergebracht, einem Ortsteil von Bad Honnef. Zunächst waren die drei Syrer etwas skeptisch. Eigentlich hatten sie damit gerechnet, in einer großen Stadt leben zu können, berichtet der 29-jährige Muhammad.

Von Aleppo und Kobane nach Aegidienberg

"Ich wollte in die Stadt. Aber jetzt nein, ich finde Dorf besser als die Stadt, weil hier die Leute alle kennen. Ich kenne alles und alle Leute sind nett mit mir. Ich finde, das hier meine Dorf, echt." 

Im Café International, ein Anlaufpunkt der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden im Ort, haben die Syrer nach ihrer Ankunft in Aegidienberg Anschluss gefunden.

"Da haben wir dann freitags in dem internationalen Café uns getroffen und haben uns als Chor vorgestellt, vor allen Dingen musikalisch. Und das ist so gut angekommen, eigentlich besser als wir erwartet hatten, weil es ja doch sehr unterschiedliche Kulturkreise sind, so dass wir dann eigentlich direkt schon die Zusage hatten für Interessenten zum Singen. Und so ist es dann auch gekommen."

Das Singen helfe ihnen auch beim Deutschlernen, sagen die drei Syrer. Nach den Proben sitzen die Männer immer noch zusammen, Geburtstage werden gefeiert und es gibt gemeinsame Ausflüge. Und nicht zuletzt sei es die Musik, die verbinde, sagt der 21-jährige Dalil.

"Vor allem ich interessiere mich für die Musik. Und besonders diese Chor haben wir nicht nur klassische Musik, klassische Lieder. Wir haben Mischung zwischen englische und deutsche."

Der Chor hat in den letzten Jahren sein Repertoire erweitert, singt nicht nur traditionelle, sondern auch moderne deutsche Lieder - und nicht zuletzt Gospels.

Aufritte in der katholischen Kirche

Die Syrer sind auch dabei, wenn der Männergesangverein sonntags in der katholischen Pfarrkirche St. Aegidius mit einer Gospel-Messe auftritt. Die drei Muslime sind sich einig: In einer Kirche christliche Lieder zu singen, das sei für sie überhaupt kein Problem.

"Die Christen haben für uns ihre Tür geöffnet, dass wir ein neues Leben hier in Deutschland leben. In arabischen Ländern, die haben ihre Tür nicht geöffnet für uns. Das finde ich, hier, das ist kein Problem. Ich finde, wenn man Christen-Lieder singt, ist egal. Manchmal gehe ich auch in Kirche, bete." 

Die drei Syrer sind schnell Teil der Chor-Gemeinschaft geworden. Trotzdem fürchtet der Vereins-Vorsitzende, Eberhard Bialkowski, dass die drei nicht auf Dauer im Chor bleiben werden. Muhammad und Amir möchten gerne Ausbildungen als Mechatroniker und Elektriker machen. Dalil plant ein Physik-Studium.

"Die Verkehrsanbindung ist nicht so berauschend, dass die in Bonn oder in Köln arbeiten könnten ohne eigenes Fahrzeug. Und wenn dann mal ein Umzug passiert, weiß ich nicht, wie lange wir sie hier noch halten können." 

Noch aber besuchen die drei jungen Männer hier Deutschkurse. Und so lange es geht, wollen sie auch weiter miteinstimmen.

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