Montag, 10.12.2018
 

Studio 9 | Beitrag vom 27.06.2015

FlüchtlingeMit der Kamera die neue Heimat kennenlernen

Von Sven Kaestner

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Ein Fotoapparat steht in der Natur bei Weißkopfseeadlern.  (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
Eine Kamera ist in der Natur aufgebaut. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)

In der neuen Heimat Fuß zu fassen ist für Flüchtlinge oft nicht leicht. Ein Berliner Projekt will Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan dabei helfen: Mit der Fotokamera sollen sie das Leben in Deutschland kennenlernen - und ihr eigenes dokumentieren.

"Mach mal Deinen Fuß weg."

Die Fotografen sind zwischen zwölf und 14 Jahren alt – auch die beiden Mädchen aus Tschetschenien und der Türkei, die gerade die Kamera auf ihre Füße halten und kichern. 

"Wir haben ganze Fotos mit Gesichtern. Und alle mit Körpern. Und außer die Schuhe. Also dachten wir, wir machen einfach die Schuhe mal."

"Die tollsten Ideen, Träume, Visionen, Gefühle ausdrücken"

Unbeschwert und albern sind die beiden, aber sie haben – wie alle hier – harte Zeiten hinter sich. Ihre Familien sind vor Krieg und Verfolgung aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien geflohen. 

Katharina Mouratidi sichtet die Aufnahmen. Die Geschäftsführerin der Gesellschaft für Humanistische Fotografie hat den Fotokurs im Flüchtlingsheim Berlin-Marienfelde organisiert. Vor ihr auf einem langen Tisch liegen neben vielen fröhlichen Fotos auch melancholische und düstere Motive. 

Mouratidi: "Die Idee ist, Flüchtlingsjugendlichen, die ganz frisch in Berlin angekommen sind, mit den Mitteln der Fotografie eine Hilfestellung zu geben, mit ihrem neuen Umfeld zurechtzukommen. Man kann natürlich in einem fotografischen Bild die tollsten Ideen, Träume, Visionen, Gefühle ausdrücken.  

"Also das Foto, könnte man ja auch die Blätter, alles scharf haben. Also meinst Du hier, die Unschärfe. Und etwas ganz scharf auf einen Punkt?"

"Ja."

Die Kursleiterin flüchtete einst selbst aus Afghanistan

Das Spiel mit Schärfe und Unschärfe oder eine stimmungsvolle Belichtung – Lela Ahmadzai erklärt geduldig, wie gute Bilder gelingen. Die Kursleiterin flüchtete einst selbst aus Afghanistan. Mit 17 Jahren kam sie in Deutschland an. Heute arbeitet sie als Fotografin und Multimedia-Journalistin für internationale Magazine, ausgezeichnet mit einem renommierten World-Press-Photo-Preis.

Ahmadzai: "Für mich persönlich wird es sehr interessant, einerseits als Immigrantin, die hier lebt, einen Beitrag zu leisten, aber andererseits auch mit Kids gerne arbeitet – unterschiedlichen Kulturen. gerne arbeitet. Und dazu kommt es ja noch, dass ich Fotojournalistin bin. Mich interessieren auch die Kids: Woher die kommen, deren Eltern, deren Familien, deren Herkunft, und wie die hier her gefunden haben."   

An einem Mittwoch im Frühsommer ist der Fotokurs zu Gast in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Die Aula ist voll besetzt. Aufgeregte Schüler stellen vorn am Mikrofon ihre Beiträge zu einem Projekt über Verantwortung vor, das hier in der siebten und achten Klasse auf dem Lehrplan steht. Einer von ihnen ist Oskar Queckenstedt, ein besonnener 13-Jähriger mit wachen Augen.

Vieles über die Lebensumstände der Anderen erfahren

"Wir sind ins Flüchtlingsheim Marienfelde gegangen. Und haben dort mit den Jugendlichen Fotos gemacht."

Oskar und einige seiner Mitschüler haben regelmäßig am Fotokurs teilgenommen. Dabei sind nicht nur unzählige Bilder entstanden. Deutsche und ausländische Heranwachsende haben auch vieles über die gegenseitigen Lebensumstände erfahren. 

"Ich war da ja immer im Flüchtlingsheim. Das war echt erschreckend, wie die da gewohnt haben. Weil es ziemlich, naja, schon zusammengepfercht war. Die hatten schon eine eigene Wohnung, aber es war jetzt wirklich sehr armselig."

Draußen vor der Aula haben die jungen Fotografen einen Stand aufgebaut und aus ihren Bildern eine Weltkarte gebastelt. Oskar kennt zwar die aktuellen Krisenherde der Erde aus den Medien. In persönlichen Begegnungen mit Geflüchteten aber spüre man viele Dinge direkter, sagt er. 

"Ich gucke generell gerne die Tagesschau und so. Und da erfährt man auch schon viel über Syrien. Jetzt selbst mit einem Flüchtling zu sprechen – da lernt man es wirklich kennen. Mit den Umständen, so wie die hier wirklich sind. So, wie die leben und so."

Ausstellung im Berliner Willy Brandt Hause

Am Ende des Fotokurses geht es ganz handwerklich zu. In einem Ausstellungsraum des Berliner Willy Brandt Hauses schrauben die Mädchen und Jungen Haken in die Wand. Hier werden nun ihre Bilder hängen: Ansichten aus der unmittelbaren Lebensumgebung im Flüchtlingsheim, von Ausflügen in die Großstadt oder von gemeinsamen Spielen. Kursleiterin Ahmadzai zieht Bilanz:
 
"Was am Anfang bisschen komisch war für die deutschen Jugendlichen: Die haben sich so ein bisschen unwohl beziehungsweise fremd gefühlt, obwohl die Ausländer die Fremden sind. Sehr schöner Austausch, dass die deutschen Jugendlichen sich in diesem Heim wohlfühlen. Und auch einfach um die Häuser sich da drinnen bewegen können und sich mit den Jugendlichen unterhalten und befreundet haben."

Und das ist am Ende mindestens so wichtig wie die Fotos, die nun im Willy Brandt Haus an der Wand hängen.

 

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