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Studio 9 | Beitrag vom 09.07.2015

Flüchtlinge im KongoGastfreundschaft der Besitzlosen

Von Bettina Rühl, Nairobi

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Eine Frau trägt im Distrikt Nyiragongo bei Goma in der Demokratischen Republik Kongo ihr Baby auf dem Rücken und Waren auf dem Kopf.  (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Alltag im Kongo. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Im Osten des Kongo sind 2,6 Millionen Menschen auf der Flucht, doch es gibt nur wenige Flüchtlingslager. Die Menschen werden stattdessen von der Bevölkerung aufgenommen. Dabei haben die meisten Gastgeber infolge der jahrelangen Kämpfe selbst kaum genug zum Leben.

Kavuatto Myvayo steht etwas gebückt auf dem Feld, mit der linken Hand stützt sie ihren Rücken. Die 60-jährige Kongolesin sät an diesem Morgen Erdnüsse aus, aber die Feldarbeit fällt ihr nicht mehr leicht. Gerade hat sie ihre Arbeit unterbrochen und schaut Jeanette Masika Kirimbo zu, die auf dem Acker Fäden spannt. In so geraden Reihen müssten alle ihre Erdnüsse ausgesät werden, klärt sie auf.

"Dann braucht ihr viel weniger Samen, als wenn ihr ungeordnet aussät. Außerdem könnt ihr die Pflänzchen hinterher leichter pflegen und das Unkraut besser jäten."

Kirimbo ist Agrarberaterin und erklärt, wie man die Ernte mit ganz einfachen Mitteln verbessern kann. Bezahlt wird sie von der Deutschen Welthungerhilfe, ein gutes Dutzend Bäuerinnen und einige Bauern hören ihr zu.

Die Region Beni, in der Kirimbo gerade untererrichtet, wird seit vergangenem Herbst von einer regelrechten Terrorwelle überzogen. Bei Massakern wurden mindestens 300 Menschen brutal ermordet. Die kongolesische Regierung macht die islamistische Miliz ADF-Nalu aus dem Nachbarland Uganda für die Angriffe verantwortlich, aber die Belege dafür sind dünn. Im Osten des Kongo sind Hunderttausende auf der Flucht.

Augustin Kambalo Muyisa ist stellvertretender Projektleiter der deutschen Welthungerhilfe in der Region.

"Die Zahl der Flüchtlinge ist schwer zu schätzen, weil die Menschen ständig in Bewegung sind. Sie müssen fliehen, bleiben irgendwo eine Weile, kehren nach Hause zurück, flüchten erneut. Sicher ist nur, dass es hier sehr viele Vertriebene gibt."

Zwei davon leben schon seit einigen Monaten bei der alten Bäuerin Kavuatto Myvayo, die gerade etwas Neues zum Anbau von Erdnüssen lernt.

"Ich kannte das Ehepaar vorher nicht. Aber sie waren in Not. Wie hätte ich sie da zurückweisen können?"

"Hier ist Gastfreundschaft selbstverständlich"

Es gebe mit den beiden keine Probleme, sagt die Bäuerin. Erst auf Nachfragen stellt sich heraus, dass Myvayos Familie auf eine der täglichen Mahlzeiten verzichten muss, seit sie die Fremden aufnahm.

Augustin Kambalo Muyisa: "Hier ist Gastfreundschaft selbstverständlich. Außerdem war jeder schon mal auf der Flucht und auf Hilfe angewiesen. Jeder weiß also, in welcher Situation die Vertriebenen sind."

Im Osten des Kongo gibt es deshalb kaum Flüchtlingslager, trotz 2,6 Millionen vertriebener Kongolesinnen und Kongolesen sowie ein paar zehntausend Flüchtlingen aus Burundi und anderen Nachbarländern. Dabei hatten die Menschen schon vor dem Krieg nur das Nötigste. Weil sie jetzt das Wenige teilen, sind viele Menschen mangelernährt, manche hungern sogar.

Betroffen sind - wie so oft - vor allem die Kinder.

Häufig bleiben die Vertriebenen viel länger, als sie sich ursprünglich jemals vorstellen konnten. Acht Monate sind es schon bei der 30-jährigen Masika Bahondira.

"Wir sind in Panik losgerannt. In der Eile konnte ich nichts mitnehmen. Bewaffnete hatten unser Nachbardorf überfallen, wir hörten die Schüsse. Ehe die Rebellen bei uns auftauchen konnten, sind wir geflohen."

Ihren Mann verlor sie während der panischen Flucht aus den Augen, aber ihre Kinder behielt sie im Blick. In dem Dorf Lume fanden sie Unterschlupf bei einer Familie, die sie bis dahin nicht kannten.

"Ich hätte nie gedacht, dass uns wildfremde Leute aufnehmen würden. Ich bin überrascht und vor allem sehr glücklich."

Ihre Gastgeber seien immer noch freundlich, sagt Bahondira. Sie weiß aber, dass sie und ihre Kinder eine Last sind. Doch Bahondira wagt sich immer noch nicht, in ihr Zuhause zurückzukehren, denn in den Dörfern rund um Beni hält die Terrorwelle immer noch an. 

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