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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.11.2014

Flüchtlinge"Das ist Aufgabe des Staates"

Pfarrerin mahnt die Politik zu aktiver Flüchtlingshilfe an

Moderation: Nana Brink

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Matratzen liegen am 17.07.2014 in der Kapelle der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZAE) in Zirndorf (Bayern). Etwa 30 Asylbewerber mussten zu der Zeit auf Matratzen in der Kapelle schlafen, weil die Einrichtung überbelegt war. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Überbelegung in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZAE) in Zirndorf im Juni 2014. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland, und es fehlt überall an Unterkünften: Im September besetzten rund 100 Flüchtlinge die Berliner St. Thomas-Kirche. Deren Pfarrerin Claudia Mieth mahnt, die Politik dürfe das Problem nicht an die Kirchen delegieren.

Etwa 200.000 Flüchtlinge werden nach Schätzungen des Bundesamts für Migration in diesem Jahr nach Deutschland kommen, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Politik scheint darauf schlecht vorbereitet zu sein: die Verfahren sind langwierig, und überall fehlt es an Unterkünften. Infolgedessen kommt es immer wieder zu Besetzungen von Schulen und Kirchen.

Im September hatten Flüchtlinge die Berliner St. Thomas-Kirche besetzt. Deren Pfarrerin Claudia Mieth mahnt, die Politik müsse sich auf ihre Aufgaben besinnen und dürfe das Problem nicht an die Kirchen delegieren.


 

Das vollständige Interview zum Nachlesen:

Nana Brink: Bei mir im "Studio 9" ist jetzt Claudia Mieth, sie ist Pfarrerin der Berliner St.-Thomas-Gemeinde, die im September auch bis zu 100 Flüchtlinge, ja, man kann nicht sagen, aufgenommen hat, sondern von ihr besetzt worden ist. Guten Morgen, Frau Mieth!

Claudia Mieth: Schönen guten Morgen!

Brink: Schön, dass Sie bei uns sind! Wir haben gerade gehört, es werden mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Was geht Ihnen denn dabei durch den Kopf?

Mieth: Mir geht durch den Kopf, dass, wenn wir in den Nachrichten hören, dass Flüchtlingsboote kentern, schlagen wir voller Sorge die Hände über dem Kopf zusammen. Aber wenn wir uns vorstellen sollen, dass nur ein Bruchteil von denen, die diesen Wahnsinn überleben, in Berlin ankommen sollen, dann funktioniert das schon nicht mehr. Ich glaube, 50 Millionen Flüchtlinge gibt es weltweit, sind 12.000 dann für Berlin viel oder wenig?

Derzeit noch 70 Flüchtlinge "in Versorgung" der Gemeinde

Brink: Haben Sie Sorge, dass dann Ihre Kirche auch wieder besetzt werden könnte? Denn die Erfahrungen haben Sie ja sehr belastet auch.

Mieth: Natürlich können wir das nicht ausschließen. Wir gehen nicht davon aus, weil wir uns als Kirche sehr, sehr viel auch für die Flüchtlinge einsetzen, das wissen die Flüchtlinge auch. Und momentan bemühen wir uns auch noch um 70 Flüchtlinge, wir versorgen sie und bringen sie unter, mit sehr viel Engagement in der Kirche. Das können wir natürlich nur machen, weil wir hoffen, dass die Dauerbelastung kirchlicher Einrichtungen kein Dauerzustand wird, sondern die Politik anfängt, sich auf ihre Aufgaben und ihre Verantwortung zu besinnen.

Brink: Und was hat das hinterlassen, diese Zeit der Besetzung bei Ihnen?

Mieth: Das, was wir in St. Thomas hatten, das ist so eine Art Spitze des Eisbergs, die wir jetzt erlebt haben. Und wenn man sich mal ganz realistisch die Berichte und Nachrichten anguckt, ist es eigentlich ein Wunder, dass es jetzt erst zu dieser Eisbergspitze kam. Wir sehen unsere große Aufgabe darin, Stimme der Flüchtlinge zu sein, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass eben so nicht mit diesen Problemen umgegangen werden darf und kann. Dass wir immer wieder darauf hinweisen, dass die Menschen eine Würde haben.

Große Hilfsbereitschaft bei den Menschen

Und wir sind natürlich auch ganz aktiv, sage ich jetzt mal, dabei. Wir haben, wie gesagt, 70 Flüchtlinge weiterhin in Versorgung und versuchen, sie über den Winter zu bringen, und merken, dass unglaublich viele Menschen auch aus der Gemeine oder aus dem Umfeld ganz großes Interesse haben auch, den Menschen zu helfen. Sei es mit Sach-, Geld- oder Zeitspenden, mit oder für sie etwas zu tun.

Und momentan ist eine große Aufgabe  von uns, gerade diese Hilfsangebote auch zu koordinieren und die Menschen sozusagen zusammenzubringen. Das ist das, was wir in unserem Rahmen leisten können. Wir können aber nicht die Hauptverantwortung dafür übernehmen. Das ist nicht Aufgabe der Kirche, sondern des Staates.

Flüchtlingsgesetze müssen human ausgelegt werden

Brink: Sie haben gesagt, Sie sind die Stimme der Flüchtlinge und wollen das auch gegenüber der Politik klarmachen. Die zieht sich ja bisweilen auf die Position zurück, es gibt Gesetze, die sind eindeutig. Wo sehen Sie da Handlungsbedarf, was müsste sich ändern?

Mieth: Also ja, es gibt Gesetze und es muss auch Gesetze geben, das ist gar keine Frage. Die Frage ist aber, wie man damit umgeht. Das sind Gesetze, die Menschen betreffen. Die so auszulegen, dass sie auch menschlich sind, darauf zu achten, darauf immer wieder zu drängen, das, finde ich, ist Aufgabe auch der Kirche.

Brink: Auch der Kirche also, ihnen Unterkunft zu geben?

Mieth: Wir können es in dem Rahmen, wie die Politik es vielleicht gerne hätte, gar nicht leisten, jetzt den Flüchtlingen Raum zu geben. Wir versuchen es, wie gesagt, mit 70 Flüchtlingen, das ist für uns schon eine ziemlich große Herausforderung, was jetzt die ganz praktische Unterbringungsaufgabe angeht. Das ist Aufgabe der Gesellschaft und damit eine politische Frage.

Staat überlässt humanitäre Aufgaben gern der Kirche

Brink: Wie ist denn die Reaktion der Politik, wenn Sie sozusagen als Sprachrohr auftreten? Wie begegnet man Ihnen?

Mieth: Verhalten. Also, ich weiß, dass auch unser Bischof sich immer wieder um Gespräche bemüht, gerade mit der politischen Spitze. Die Reaktionen darauf sind verhalten, sehr verhalten. Ich glaube, dass die Kirche eher als ... Sie übernehmen humanitäre Aufgaben, vielleicht auch Kernaufgaben des Senats, zum Beispiel in der Obdachlosenhilfe im Winter ist es seit Jahrzehnten, dass die Aufgabe der Kirche übergeben worden ist. Aber wenn der mahnende Finger erhoben wird, wird sich auch gerne darauf besonnen, dass die Kirche Kirche und der Staat Staat ist.

Brink: Nun haben Sie selber gesagt, auch in Ihrer Gemeinde gibt es eine große Bereitschaft eigentlich zu helfen, was man wahrscheinlich immer wieder unterschätzt, wenn man das so als politisches Problem ansieht. Es gab einen sehr interessanten Vorschlag eines CDU-Bundestagsabgeordneten, nämlich von Martin Patzelt, der war mal Bürgermeister in Frankfurt/Oder, hatte auch sehr viel mit diesem Thema zu tun. Und der sagte, Familien sollten Flüchtlinge aufnehmen. Das ist ja ein sehr christlicher Gedanke. Aber ist es auch ein sehr realistischer?

Mieth: Ich gehe mal davon aus, dass Herr Patzelt sich da vorne ranstellt und schon Flüchtlinge aufgenommen hat.

Brink: Hat er.

Mieth: Die Frage ist ja auch, wenn wir davon ausgehen, dass 12.000 neue Flüchtlinge kommen, kommen ja leider nur 0,6 Prozent der Berliner Haushalte in das Vergnügen. Also, es muss schon ein gutes Bewerbungsverfahren geben, um das zu realisieren. Nein, im Ernst: Wenn das ein Vorschlag von der CDU ist, das Problem in Privatsphären abzuschieben, dann finde ich ihn mehr als polemisch.

Unterbringung  von Flüchtlingen in Privathaushalten löst das Problem nicht

Natürlich kann es durchaus, ich kenne viele Familien, die sich da bereiterklären, eine Art Facette von der Problemlösung sein. Das fände ich sogar ganz großartig, weil die Menschen dann auch in die Mitte der Gesellschaft ein Stück weit hineinkommen. Und ich habe viele gute Erlebnisse gehört, die Menschen hatten, die sich wirklich auf die Begegnung eingelassen haben. Es kann ein großer Gewinn sein für alle Seiten. Aber es ist natürlich nicht die Lösung, und auch erst recht darf es keine politische Lösung sein.

Brink: Claudia Mieth, Pfarrerin der Berliner St.-Thomas-Gemeinde. Danke, dass Sie bei uns waren, und danke für Ihre Zeit!

Mieth: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

 

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