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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.09.2015

Flüchtlinge auf griechischen Inseln"Wir reden von einer Menschenkrise"

Nikos Kostopoulos im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos (picture alliance / dpa / Mikhail Voskresenskiy)
Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos (picture alliance / dpa / Mikhail Voskresenskiy)

Die Lage der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln sei eine Katastrophe, sagt der griechische Politiker Nikos Kostopoulos. Als Regionalregierung habe man alles Menschenmögliche getan, doch die Zentralregierung habe durch Abwesenheit geglänzt.

Der Politiker und Generalsekretär der Region Nord-Ägäis, Nikos Kostopoulos (Nea Dimokratia), hat die desolate Lage der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln beklagt.

Die derzeitige Situation sei eine Katastrophe, sagte Kostopoulos im Deutschlandradio Kultur. Derzeit regne es etwa auf Lesbos in Strömen, jetzt wüssten die Menschen nicht, wo sie hingehen sollten:

"Die haben heute unter den Autos geschlafen. Überall, wo sie etwas gefunden haben, das ein bisschen trocken sein kann. Wir reden wirklich von einer Menschenkrise."

Die Zentralregierung sei in den letzten Monaten "wirklich nicht da" gewesen, kritisierte Kostopoulos:

"Also gab es wirklich keine Koordination zwischen den Behörden. Oder es gab öfter einen Zusammenstoß zwischen den Verantwortungen von dem einen oder dem anderen."

Nach dem Gesetz trage man als Region eigentlich nicht die Verantwortung für die Situation der Flüchtlinge, betonte der Politiker. Trotzdem versuche man in Zusammenarbeit mit der Polizei und der Küstenwache alles Mögliche zu tun.

Flüchtlingssituation ist ein europäisches Thema

Die unerträgliche Lage der Flüchtlinge sei nicht nur ein griechisches, sondern auch ein europäisches und internationales Thema, äußerte Kostopoulos:

"Und deswegen fordern wir bestimmte Sachen von Europa, also von Brüssel, auch von unserer Regierung."

Notwendig seien finanzielle Unterstützung und die Hilfe von Ländern, die eine solche Situation schon erlebt hätten, oder auch von Nichtregierungsorganisationen mit großer Erfahrung, so forderte Kostopoulos:

"Alles ist wirklich rasch geschehen. Und deswegen war das ein richtiger Schock, nicht nur für die Griechen, für unsere Leute, aber auch für die Behörden." 


 

Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: "Griechische Perspektiven" heißt unsere Sendung heute live aus Athen. Und ein Thema, das die Griechen sehr beschäftigt, das ist das Thema Flüchtlinge, und das waren und sind ja dramatische Bilder, die uns da von Inseln wie Samos und Kos und Lesbos erreichen, wo zigtausende Flüchtlinge aus der nahen Türkei teils mit Booten wie Nussschalen angekommen sind. Wo auch immer wieder Menschen ertrinken, wo viele anlanden auf Lesbos zum Beispiel, einer Insel, deren größte Stadt selbst nur 25.000 Einwohner hat, da sind teilweise 15.000 Flüchtlinge.

Immer wieder ist den Behörden dort komplettes Versagen und Verantwortungslosigkeit gegenüber den Flüchtlingen vorgeworfen worden. Die wiederum empörten sich, man überließe sie ihrem Schicksal. Deshalb wollen wir heute mit einem Politiker sprechen über die Lage und das, was die Behörden tun können, und zwar ist das Nikos Kostopoulos von der Nea Dimokratia. Er ist Generalsekretär der Region Nordregion Ägäis, dazu gehören auch die Inseln Lesbos und Kos. Kalimera! Guten Morgen!

Nikos Kostopoulos: Guten Morgen von hier, wo es wirklich in Strömen regnet!

von Billerbeck: Wenn auf so einer kleinen Insel wie Lesbos sehr viele Flüchtlinge anlanden, wie Sie das ja erlebt haben – was bedeutet das?

Kostopoulos: Ich habe absichtlich vom Regen was gesagt, damit wir eine rhetorische Frage stellen können: Was machen diese Leute im Regen? Die haben wirklich nirgendwo zu bleiben, und dieses Bild, wenn man das im Kopf hat, zeigt alles.

von Billerbeck: Sie stehen im Regen.

Kostopoulos: Ja, sie stehen im Regen, sie wissen nicht wohin. Die haben heute in Autos geschlafen, überall, wo sie gefunden haben, dass es ein bisschen trocken sein kann. Wir reden wirklich von einer Menschenkrise, von einer Katastrophe.

Fehlende Koordination zwischen den Behörden

von Billerbeck: Was können Sie denn als Behördenchef, als Behörde für diese Flüchtlinge tun?

Kostopoulos: Als Region haben wir, also nach dem Gesetz, leider nicht die Verantwortung. Trotzdem versuchen wir das zu tun, was wir wirklich können, zusammen mit der Polizei und der Küstenwache, die bis jetzt wirklich alles mögliche getan haben. Auf der anderen Seite war die Zentralregierung in den letzten Monaten wirklich nicht da. Es gab wirklich keine Koordination zwischen Behörden oder es gab öfters einen Zusammenstoß zwischen Verantwortungen von dem einen oder dem anderen.

Was wir bis jetzt gemacht haben, ist das Wenigste. Wir versuchen zusammen mit internationalen NGOs Ärzte zu haben, Essen für diese Menschen, aber das ist wirklich nicht genug. Wir reden von einer Krise, für die wir nicht vorbereitet haben . Und deswegen ist diese ganze Sache so schwer - nicht nur für die Migranten, für die Leute, die hierher kommen,  - aber auch für die Einwohner von unseren Inseln, die in ihrem Blut Migration schon haben. Weil die Mehrheit von diesen Leuten, also von diesen Familien, kamen als Migranten, als Migranten aus Asien, vor vielen, vielen Jahren. Und deswegen zeigen sie wirklich Liebe zu diesen Leuten. Ich muss mich wirklich bedanken.

von Billerbeck: Das heißt aber, Sie zeigen mit einem Finger nach Athen.  Sie sind Politiker der Nea Dimokratia, Sie zeigen nach Athen, da regiert die Syriza.  Ist die also schuld daran, dass die Koordination nicht klappt und dass es den Flüchtlingen ja auch, wie die selbst manchmal gesagt haben und Sie es ja auch bestätigen, so schlecht geht, dass Sie also so eine teilweise unerträgliche Lage haben, wenn sie dort landen bei Ihnen auf den Inseln?

Kostopoulos: Erstens muss ich Ihnen sagen, dass ich dieses Thema nicht als Mitglied oder als Politiker von Nea Dimokratia sehe. Das hat mit allen zu tun, das hat nicht nur mit den Parteien zu tun. Auf der anderen Seite muss ich wirklich sagen, dass dieses Thema nicht  nur ein griechisches Thema ist. Das ist ein europäisches Thema, ein internationales Thema, und deswegen fordern wir bestimmte Sachen von Europa, also von Brüssel, auch von unserer Regierung.

"Die Grenzen in Mittel- und Nordeuropa müssen auf sein"

von Billerbeck: Nun wird es ja den Flüchtlingsgipfel geben heute. Gestern wurde ja gesagt, dass 120.000 Flüchtlinge besser verteilt werden sollen in Europa gegen die Stimmen von vier osteuropäischen Staaten – ist das ein erster Schritt oder was fordern Sie?

Kostopoulos: Natürlich ist das ein erster Schritt, aber das muss erstens geschehen. Die Grenzen von Ländern, von Mittel- und Nordeuropa, müssen auf sein, wirklich auf sein. Die Szenen, die wir von Ungarn in den letzten Tagen im Fernsehen sehen – also wir können das wirklich nicht glauben, weil wir diese ganze Situation hier in den Ländern von der Nordägäis erleben. Das ist wirklich schade um diese Menschen. Es ist aber auf der anderen Seite auch schade für die Leute, die hier wohnen.

Bitte um finanzielle und inhaltliche Unterstützung

von Billerbeck: Wenn Sie eine Bitte äußern könnten – was brauchen Sie als am dringendsten auf diesen Inseln, wo so viele Flüchtlinge gestrandet sind?

Kostopoulos: Unbedingt finanzielle Unterstützung und ein Know-how von Ländern, die vielleicht sowas erlebt haben oder von NGOs, die auch große Erfahrung damit haben. Weil alles ist wirklich erstgesehen, und deswegen war das ein richtiger Schock: Nicht nur für die Griechen, für unsere Leute, aber auch für die Behörden, die nicht bereit waren, mit sowas konfrontiert zu werden.

von Billerbeck: Forderungen und Einschätzungen waren das vom Nea Dimokratia-Politiker Nikos Kostopoulos, er ist der Generalsekretär der Region Nordägäis. Danke an Sie!

Kostopoulos: Danke auch Ihnen.  Einen schönen Tag noch!

von Billerbeck: Danke Ihnen, den wünsche ich Ihnen auch und alles Gute. Uund ich hoffe, dass Sie die erbetene Unterstützung bekommen aus Athen wie auch aus Brüssel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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