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Die Reportage | Beitrag vom 30.09.2018

Fluchtroute wird zur Theaterbühne Tarantino im Kuhstall

Von Heiner Kiesel

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Ein Schauspieler mit halblangem Ledermantel  (Heiner Kiesel)
Im Theaterstück "Auf der Flucht" spielt Andreas Kosek einen Unmenschen mit Ledermantel und Uniformmütze. (Heiner Kiesel)

Gespielt wird im Wald, auf Almen, im Stall: Eine Theaterwanderung in Vorarlberg spürt Schicksalen verfolgter Juden nach, die durch die Berge in die Schweiz wollten. Für die Zuschauer sind Nähe und Spannung manchmal kaum auszuhalten.

Es wird knapp, aber die Tour auf den Berg und in die Vergangenheit von Gargellen im österreichischen Vorarlberg soll sechs Stunden dauern. Ohne Proviant geht das nicht. Der Dorfladen hat auf. Die Regale sind übersichtlich bestückt. Ein paar Schokoriegel, etwas für die Brotzeit. Hinten, zwischen Käsetheke und Kühlregal, hantieren zwei Frauen, beide mittelgroß und in den Siebzigern an einem Kaffeeautomaten. Sie sprechen auch über die Wanderung mit Theater auf die Obere Röbi Alpe.

"Ich kann dir nur sagen, diese Schmuggler, diese Wandertour. Ich bin einmal mitgegangen bei einer der ersten Wanderungen, und da war es neblig und nass und schön. Was die Schauspieler da leisten, das muss man sich erstmal vorstellen, das muss man mal gesehen haben, sonst kann man gar nicht mitreden."

Bis zum Treffpunkt Kirche sind es keine 200 Meter. Der Ort auf 1400 Metern im Montafon ist überschaubar. 100 Einwohner. Eine Handvoll Hotels, eine Bergbahn. Die Luft riecht feucht. Es ist Spätsommer und hat geregnet. Vor dem kleinen Barockkirchlein stehen gut 40 Wanderer, die meisten in Outdoor-Funktionskleidung. Sie gruppieren sich um einen stämmigen Mann in Jeans. Tief gebräunt ist er, mit grauschwarzem Schnauzer und farblich dazu passendem Filzhut.

Zwölf Aufführungen auf neun Stationen 

"Mein Name ist Juen, Friedrich. Ich tät euch durch den heutigen Tag begleiten. Was kommt auf uns zu? Wir werden auf die Obere Röbi Alm hochlaufen und sehen auf neun Stationen über zwölf Aufführungen. Ja, das sind 500 Höhenmeter, aber keine Angst, das geht alles schön langsam."

Der Tourguide Friedrich Juen vor einer Almhütte  (Heiner Kiesel)Der Tourguide Friedrich Juen vor einer Almhütte (Heiner Kiesel)

Friedrich Juen stimmt die Gruppe auch inhaltlich auf die Bergtour ein. "Auf der Flucht" heißt das Stück der freien Theatergruppe Teatro Caprile. Es führt zurück in die 30er und 40er Jahre. Nazideutschland hat sich - ohne viel Gegenwehr - Österreich einverleibt und die Österreicher das dann in einer Wahl selbst bekräftigen lassen. Juens Gesicht ist ernst, als er aus der linken Brusttasche seines lila-blau karierten Flanellhemdes einen Zettel zieht. Es ist eine Fotokopie eines Zeitungsartikels vom 15. April. 1938 - wenige Tage nach der Abstimmung.

"Gargellen auch hundertprozentig. Auch unser Bergdörfchen Gargellen hat sich mit seinen 62 Stimmberechtigten mit allen Stimmen freudig und stolz zu seinem Führer bekannt. Das hundert Prozent bei der Stimmbeteiligung auch zu hundert Prozent mit ja stimmte, was hiermit zur Ehre und zum berechtigten Stolz der Gargellener festgestellt sein möge."

100 Prozent für Hitler?

Zusammengekniffene Lippen bei den Umstehenden. Was ist das hier für ein Ort? Alle  für Hitler? Friedrich Juen lässt das nicht einfach so stehen. Er hat ganz persönliche Gründe, aber auch eine ökonomische Erklärung. Die Leute hätten eben Angst davor gehabt, dass das Reich den Fremdenverkehr sonst mit einer neuen Tourismussteuer behindern könnte, erklärt er.

Macht das die Gargellener von damals sympathischer, dass sie sich aus Angst um ihren Profit einem Verbrecherregime angedient haben? Bevor sich die Gedanken da festfressen, deutet Juen über die Köpfe der Gruppe zu einem Gebäudekomplex. Dort geht's los.

Die Wanderer brechen auf. Ein Teil ist extra angereist für das Event. Viele Vorarlberger sind dabei. Eva-Maria und Waltraud sind Seniorinnen aus Bregenz. Oder deutsche Urlauber, die über das Montafon-Marketing aufmerksam geworden sind. So wie Martina aus Nordrhein-Westfalen. Die 57-Jährige interessiert sich für die Geschichte des Montafon. Sie geht im Pulk der Wandergruppe zum Hotel Madrisa hinüber. Ein moderner Anbau ergänzt den historischen Jugendstiltrakt. Es ist ein Originalschauplatz: Hier verbrachten viele verfolgte Juden und Andersdenkende ihre letzten Nächte in Österreich - bevor sie die Flucht in die nahe Schweiz wagten.

Das Hotel Madrisa ist Originalschauplatz

Die Teilnehmer der Wanderung setzen sich auf die Bänke um die schweren Tische. Juen nimmt auf einem Stuhl im Mittelgang Platz. Die Arme verschränkt schaut er aufmerksam auf die Tür am anderen Ende des Raumes.

Provozierend das Kinn vorgestreckt im Samtmorgenmantel stakt ein Schauspieler in den Raum. Andreas Kosek, ein kompakt gebauter großer Typ Ende 50, runder Schädel mit Halbglatze, dahinter sind seine Haare lang, widerspenstig und grau. Er spricht einen Text des österreichischen Satirikers Jura Soyfer, der sich auch über Gargellen absetzen wollte. Es geht um einen Saurier, der im Heute aufwacht und feststellen darf, dass alles ganz angenehm beim Alten geblieben ist. Die Diktatur der Brutalen, das Leid der Schwachen.

Mit einem verächtlichen Grinsen geht Koseks Saurier ab. Die Tür geht wieder auf. Diesmal ist es ein Grenzposten in Uniform, der sich dafür rechtfertigt, dass er bei der Röbi-Alm zwei Jüdinnen geschnappt hat, die über das Sarotli-Joch in die Schweiz wollten.

"Lass uns über die Grenze, haben sie gebettelt, aber der Kommissar war auf dem Berg und wenn der das gesehen hätte, dann hätte sie mich samt meiner Familie erschossen."

Seine Frau beruhigt das nicht. Sie hat die Frauen mit abgeknickten Köpfen erhängt in der Zelle gefunden.

Und dann kommt ein Pärchen mit Koffern. Sie spielen zwei Wiener Juden, die auf Hilfe für ihre Flucht hoffen. Sie stellen sich vor Juen: Er spielt seinen Großonkel Meinrad, damals Schmuggler und Fluchthelfer.

Verstörte Gesichter nach neun Minuten

Die Schauspieler gehen ab. Friedrich Juen bleibt da und schaut in die Runde. Das kennt er. Verstörte Gesichter. Nach neun Minuten Theater aus nächster Nähe. Keine Bühne, die einen vom Geschehen trennen. Aber das ist erst der Anfang einer Zumutung.

"Wow krass, ich bin total mitgenommen und total traurig. Weil das ist ja ein Thema, das nicht nur von vor 70,80 Jahren ist, sondern von heute. Das hat mich total mitgenommen."

Juen führt die Gruppe um das Hotel herum und dann in den westlichen Hang hinein. Die Theatertour macht er seit sechs Jahren. Heute ist die 31. Vorstellung. Eigentlich arbeitet der 50-Jährige bei der Berg- und Pistenrettung.

"Ich bezeichne mich selber eigentlich als Jäger und Sammler ich bin ein bisschen in der Heimatkunde und Heimatforschung unterwegs. Dadurch bin ich in die Theaterwanderung gekommen. Weil ich die Örtlichkeiten relativ gut kenne. Und die Theaterleute, die das Stück kreiert haben, weil ich denen sagen musste, wo eigentlich schöne Plätze sind, wo kann man irgendwas aufführen."

Juen hat aus den Erzählungen seines Vaters viel über die Fluchtrouten und -umstände in der Nazizeit erfahren. 90 Kilometer Grenze mit der Schweiz hat der westliche Zipfel Österreichs. Das Regime strengte sich an, hier dicht zu machen. 100 Grenzer, 35 Posten. Aber in den Bergen, sagt der Gargellener, gibt es immer Schlupflöcher.

Enkel eines Schleppers von damals

"Ein Teil meiner Familiengeschichte. Also mein Großvater und mein Großonkel waren als, damals genannt, als Schlepper tätig und haben Flüchtlingen in die Freiheit verholfen. Aktenkundig sind 42 Flüchtlinge, laut Polizeichronik St. Gallenkirchen. Ich hoffe, dass es noch mehr waren, dass sie das nicht groß an die Glocke gehängt haben. Viele haben es natürlich auch auf eigene Faust versucht - da weiß man natürlich nicht, wenn sie das versucht haben, wie viele das wirklich waren."

Hinter dem Röngbach wird es ordentlich steil. Immer wieder schaut Juen zurück, vergewissert sich, ob das Tempo gut ist und die Gruppe zusammenbleibt. Er hat Unterstützung: Am Ende läuft sein Schwiegersohn Sebastian und passt auf, dass niemand zurückbleibt. Juen zieht sein Tastenhandy aus der Brusttasche und wirft einen kurzen Blick aufs Display. Er nickt, stapft dann die Serpentinen des Pfades zwischen den Kiefern hoch. Schließlich öffnet sich das Gelände. Eine Almhütte mit Scheune. Die Röngalpe. Juen wartet, bis alle da sind. Er schwitzt nicht - im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern.

"Ich muss schon sagen, dass bis hier ist schon ein hurenstotziger Weg, sehr steil.  Ja, aber eine Flucht ist kein Honigschlecken!"

Unterhalb der Scheune ist ein betoniertes Geviert, eine Mistgrube: drei mal vier Meter.

Die Schauspielerin Maria King in einer ausgehobenen Betongrube  (Heiner Kiesel)Maria King fleht die Zuschauer an, ihr zu helfen . (Heiner Kiesel)

Unten auf dem rissigen Beton bewegt sich jemand. Maria King vom Teatro Caprile. Die Kleider der schmalen Frau sind vollgesogen mit dem Wasser der Pfützen am Grund. Sie windet sich darin. Zuckend, zitternd, ausgemergelt. Sie stöhnt, sonst ist sie stumm. Sie tastet sich die Wände hoch, irgendwie schwach und schlapp, rutscht wieder ab. Die Schauspielerin Katharina Grabher in schwarz und mit Wanderstab tritt an den Rand.

"Erniedrigung macht niedrig, das ist ein Seelengesetz."

Es gibt Wanderer, die schauen jetzt weg, andere stecken ihre Hände in die Taschen, oder verschränken die Arme. Das ist Theater, aber die Körpersprache der Frau in der Grube sagt "Helft mir!"

Wieder und wieder streckt sie die Hände nach oben. Endlich gehen zwei Frauen hin, packen zu und ziehen die Schauspielerin heraus. Die bleibt stumm, wirkt verwirrt. Dann wendet sie sich ab und schleppt sich gebeugt davon. Die Zurückgebliebenen schauen wie erstarrt hinter ihr her.

Die Schauspieler wechseln unbemerkt den Spielort  

"Ich unterbreche ungern die Stille, ich würde euch gerne noch mehr Stille und Zeit gönnen. Aber wir müssen dann weiter, wir haben einen Zeitplan, wir gehen dann in fünf Minuten weiter, um halb."

Also reihen sich alle wieder in die Schlange ein. Der Weg ist zu schmal, um nebeneinander zu laufen, zu schmal, um die eigenen Empfindungen auszutauschen. War das richtig nur zuzuschauen, hätte ich helfen müssen? Dazu kommt das Ziehen in den Oberschenkeln, als es wieder steiler wird.

An der Spitze schaut Juen wieder auf sein Handy. Er macht das wegen der Zeit. Der Schlepper-Enkel führt die Gruppe nicht nur über die richtige Route: Er koordiniert sie auch mit dem Ensemble. Die Schauspieler bewegen sich auf Nebenwegen zum nächsten Spielort.

"Also entweder bleiben, oder verstecken sie sich irgendwo und kommen dann nach, das ist ganz verschieden und ich muss immer mit dem einen Auge schauen, wo sind die Schauspieler auf dem Weg und muss halt jonglieren, dass sich das zeitlich ausgeht. Dass wir halt immer gesammelt zum Schauplatz kommen. Das ist schon ein bisschen eine kleine Herausforderung."

Die Wanderung findet bei jedem Wetter statt. Heute ist der Himmel grau, aber es ist noch trocken. Eigentlich passt das noch nicht ganz.

"Schmuggelwetter sollte eigentlich sein Nebel, Regen - also richtig unattraktiv, so dass der Zöllner auch sagt heute ist sicher keiner auf dem Weg. Je schlechter das Wetter, umso besser."

Ein uniformierter Mann fragt die Teilnehmer nach ihren Pässen (Heiner Kiesel)Die Zuschauer als Teil des Inszenierung bei der Passkontrolle (Heiner Kiesel)

Manchmal schindet Juen auch ein bisschen Zeit für die Schauspieler. Die müssen sich ja auch auf die nächste Szene einstellen. Dann bleibt er stehen und erzählt Anekdoten vom Großonkel Meinrad, der kleine Glöckchen dabei hatte, damit ihn die Zöllner nachts für eine Ziege halten. Jetzt aber ist er ungeduldig, streckt den Hals, als er zurückblickt.

Gleich unterhalb des Pfades treibt Juen seine Gruppe in die Ruine eines Stalles. Auf der Böschung über den Zuschauern steht Kosek, Uniformmütze, Ledermantel, Reitgerte. Er lächelt schmal, die Augen kalt.

"Dass eure Wanderbegeisterung von der heimattreuen Bevölkerung gerne gesehen wird, brauche ich euch ja nicht zu sagen. Weitaus weniger gefällt ihr, dass ihr zu retten sucht, was zu retten ist. Das ist Diebstahl am deutschen Volk. Also, was habt ihr dabei? Uhren, Gold, Wertsachen. Absammeln! Gemma, gemma, gemma! Gürtel, Hosenträger, Rasiermesser, Taschenmesser, Glasscherben, rostige Nägel dürft ihr behalten. Rauskommen. Je mehr Juden und Kommunisten mit sich Schluss machen, desto besser."

Roland Etlinger tritt zwischen die Zuschauer. Er trägt eine hellgraue Uniformjacke ohne Abzeichen, dazu ein rundes steifes Käppi wie bei der Schweizer Armee. Ganz eng und drängend geht er sie an. Und von oben hört der Scherge im Ledermantel nicht auf, Goebbels-Propaganda herunterzugiften.

Das Tempo hat Methode

"Also packt eure Sachen, Saujuden, und verschwindet. Dort oben ist die Grenze. Abmarsch!"

Das Tempo hat Methode. Kein Hongischlecken, so eine Flucht, hat Juen doch gemeint. Mit der körperlichen Erschöpfung, wächst auch das Unvermögen, sich abzugrenzen – von dem, was die Schauspieler so unmittelbar nahe bringen. Die Zuschauer sind ihnen ausgesetzt. Getrieben von einem Spielort zum nächsten. Martina rückt die Riemen ihres Tagesrucksacks zurecht. Auf der Flucht.

Martina kann noch, aber am Ende müht sich die 78-jährige Waltraud, die letzte Etappe vor der Röbi-Alm empor. Hinter ihr ist nur noch Schlussmann Sebastian.

Zwei Frauen, deren Körper komplett von einer Nylonstrumpfhose verhüllt sind  (Heiner Kiesel)Performance im Stoffschlauch - zwei jüdische Frauen im Kerker (Heiner Kiesel)

Als sie die Alm erreicht, muss sie gleich in den dunklen Stall hinein. Durch ein Fenster sieht man hinab ins Tal. Alpenidylle unter grauem Himmel, vereinzelte Nebelstreifen. Im Halbdunkel sind zwei Frauen auszumachen. Sie bleiben auf Distanz, das macht ihr Schicksal erträglicher. Es sind die beiden jüdischen Frauen, von denen im Hotel die Rede war. Jeder hier weiß, dass sie sich erhängen werden. Bald - noch glauben sie an ihre Flucht. Die eine drängt, die andere will noch nicht in die Fremde gehen.

Und wieder Kosek als Unmensch im Ledermantel. Er baut sich in der Mitte des Raumes auf: "Wo sind sie hin?"

Was macht man in so einer Situation? Blickkontakt vermeiden. Starre Gesichter. Ganz kurz erinnert die Szene an Christoph Waltz als SS-Mann in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds". Martina deutet auf die andere Tür. Der Scherge lässt sich nicht täuschen.

"Wieso ist dann diese Tür offen? Also: Wo sind sie hin. Wir finden sie auch ohne euch. Hast du Kinder? Sollen sie weiterhin eine Mutter haben. Der Stall ist aus Holz, auch die Gestapo hat Zündhölzer."

Kosek geht ab. Das Publikum nimmt die zweite Tür. Die Zuschauer sehen gerade noch, wie sich die beiden Jüdinnen über den Pfad hinter der Alm davonmachen. Richtung Sarotlajoch. Und dahinter die sichere Schweiz, die sie nie erreichen. Juen, der Nachkomme der Fluchthelfer beobachtet die Zuschauer. Sieht, wie es wieder wirkt.

"Es ist eigentlich nicht viel Theater, es ist viel Wirklichkeit dabei."

Juen gönnt der Gruppe eine kurze Pause für die Brotzeit. Endlich geht es wieder abwärts. Das fällt vielen in der Gruppe leichter. Man hat schon was geschafft, war schon oben. Geht doch, denkt man sich glatt, als einem zwei jüdische Intellektuelle als Flüchtlinge entgegenkommen, denen der Weg zu steil ist. Aber dieses Gefühl ist sofort weg, nach einer Performance in einem weiteren Stall, bei der sich zwei Menschen - gesichtslos in elastischen Stoffschläuchen - winden bis sie erschlafft zusammensinken. Die beiden gefangenen Jüdinnen in ihrer Todesnacht.

Die Berge als Kulisse für Leid und Zweifel 

Die Landschaft ist anders, kälter, enger. Das liegt nicht nur an den immer dunkleren Wolken. Mit jeder Szene hat sich der Kontext der prächtigen Bergwelt verändert. Statt für Alpenidylle und Wellness ist sie jetzt die Kulisse für Leid und Verzweiflung. Von Station zu Station ist es trister geworden. Und das wird von der Urlaubsregion Montafon unterstützt?

"Ja also, das ist schon unsere Geschichte und wir stehen wirklich dahinter. Am Anfang hat man das tatsächlich ein bisschen scheel angekuckt, ob das was für Gäste ist, die eigentlich im Urlaub was Schönes erleben wollen. Aber das ist eine Erfolgsgeschichte und wir sind immer überbucht."

Blick auf die Drei Türme: Das Wahrzeichen des Montafons liegt im Grenzgebiet zwischen Österreich und der Schweiz. (pcture alliance /imageBROKER)Blick auf die Drei Türme: Das Wahrzeichen des Montafons liegt im Grenzgebiet zwischen Österreich und der Schweiz. (pcture alliance /imageBROKER)

Die Leute beim Tourismus-Marketing im Tal finden sogar, dass die Theaterwanderung hundertprozentig zur Marke Montafon passt. Mit Juen hat sie auch eine authentische Figur im Zentrum: Jemanden von hier, dessen Familiengeschichte für Menschlichkeit in der Barbarei steht. Viele Österreicher haben ihr Land lange lieber als Opfer des Nationalsozialismus gesehen. Erst spät ist es gelungen, etwas offener über die Nazijahre zu sprechen. Der Schlepper-Enkel hat das zu seiner Mission gemacht.

"Ja, das ist schon vielleicht ein bisschen eine Aufgabe, dass wir das Erbe und die Einstellung von unseren Vorvätern weiterleben und aufzeigen, was das ist Zivilcourage."

Die Zuschauer als Exekutionskommando 

Von Zivilcourage haben die Teilnehmer aber noch nicht so viel gesehen. Alles wurde immer schlimmer. Auch bei der letzten Station sieht es nicht danach aus. Die beiden erschöpften Intellektuellen wieder, gehen die Wiese hinauf. Dort  werden sie von einem Grenzer gestoppt. Sie sollen wieder runter. Aber da stehen - wie die Reihe eines Exekutionskommandos  - die Zuschauer.

"Ich bin eine Intelligenzbestie und ein Untermensch. So legt an, ihr Übermenschen. Achtung! Feuer!"

Während einer aus Verzweiflung resigniert, appelliert der andere einmal mehr an die Menschlichkeit des Grenzers.

"Ja sehen Sie nicht, dass hier gleich ein Unglück geschehen wird?"
"Gottverdammt, wissen Sie was die da von mir verlangen. Also gut, in Erwägung der Menschlichkeit. Wie könnte ich  ihren Tod vor meinem Gewissen verantworten. Machen sie, kommen sie rüber. Gott! Gott!"

Schweigen beim Abstieg 

Dann kommen auch noch die beiden Jüdinnen singend über die Wiese dazu. Alle Schauspieler der Theaterwanderung stehen jetzt da in einer Reihe. Sie verbeugen sich. Es war ein langer Weg mit ihnen. Die Anspannung löst sich. Etwas bleibt: "Auf der Flucht" - dieser Zustand ist den Wanderern empfindlich nahe gerückt. Die meisten schweigen beim letzten Abstieg.

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