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Tonart | Beitrag vom 28.06.2016

Flucht vor der Zensur Küchenkonzerte in Kairo

Von Cornelia Wegerhoff

In der Küche von Doha Hany in Kairo: Für das Konzert wurden Küchentisch und Kühlschrank rausgetragen. (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)
In der Küche von Doha Hany in Kairo: Für das Konzert wurden Küchentisch und Kühlschrank rausgetragen. (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)

Musizieren zwischen Herd und Waschmaschine: Nach dem Vorbild der Hamburger Küchensessions organisiert das Kairoer Goethe-Institut Konzerte in Privatwohnungen. Denn im öffentlichen Raum in der arabischen Welt ist es für Musiker kaum noch möglich, aufzutreten.

Stühlerücken in der Küche von Doha Hany.

Die Gastgeberin packt selbst mit an. Drei kurze Sitzreihen stehen schließlich neben ihrer beige-braunen Einbau-Zeile. Das ergibt Plätze für zehn Gäste.

Der Stuhl neben dem Spülbecken muss frei bleiben, mahnt der Tontechniker. Er hat schon sein Mischpult aufgebaut, gleich neben der Abtropffläche und dem Küchenbrett, auf dem Doha sonst ihr Gemüse klein schneidet. Die Ägypterin schmunzelt.

Doha Hany: "Die Leute haben schon den Kühlschrank und den Küchentisch rausgetragen, damit es mehr Platz gibt. Aber ich freue mich. Ich bin heute Gastgeberin eines Konzertes."

Das Kairoer Goethe-Institut hat zusammen mit Doha Hany zu dieser Küchensession eingeladen.

"Die Idee ist, jungen Künstlern eine Plattform zu geben, eine recht ungewöhnliche (lacht), um ehrlich zu sein", sagt Katrin Köster, die für das Goethe-Institut bereits drei solcher Veranstaltungen in Ägyptens Hauptstadt organisiert hat. Sie muss lachen, wenn sie daran denkt, wie die Küchenbesitzer jeweils auf ihre Anfrage reagiert haben:

"Die erklären einen dann für ein bisschen verrückt (lacht). Und wenn sie dann aber einmal verstanden haben, dass man keinen komischen Witz macht, dann sind sie doch sehr hilfsbereit. Die andere Idee ist, dass der öffentliche Platz in Ägypten derart reglementiert ist, dass man in den privaten Raum ausweicht."

Versammlungen junger Leute werden untersagt

Öffentliche Konzerte sind nämlich selten geworden im politisch angespannten Ägypten. Die Behörden erteilen kaum noch Genehmigungen für Veranstaltungen, bei denen viele junge Leute zusammen kommen könnten, die womöglich auch kritische Töne gegen das Regime erheben. Die liberale Kulturszene Ägyptens ist den autoritären Machthabern ein Dorn im Auge.

Inzwischen sind in Dohas Küche auch die Künstler angekommen: Der Singer-Songwriter und Gitarrist Hany Mustafa und seine Begleiterin Yasmine Samy mit ihrer Geige. Der Platz der beiden heute Abend: zwischen Herd und Waschmaschine. Hany Mustafa gefällt das.

Hany Mustafa: "Das ist das erste Mal, dass ich in einer Küche spiele. Das hab ich noch nie gemacht. Nur zu Hause, da sitze ich oft in der Küche, wenn ich meine Texte schreibe. Ich denke, das wird eine besondere Erfahrung heute. Ich erwarte ein gemütliches, intimes Zusammentreffen von Leuten und Musik."

Musikalische Begegnung auf kleinstem Raum

Und das wird es: ein Abend, bei dem sich Künstler und Publikum nicht nur räumlich ganz nahe kommen. Ganz so wie beim Vorbild der Hamburger Küchensessions wird das Konzert auf kleinstem Raum zu einer sehr persönlichen Begegnung, berühren die zarten Klänge noch mehr.

"Einmalig! Wirklich einmalig!"

So schwärmt eine Zuhörerin. Und Musikerin Yasmine berichtet:

"Ich bin einmal mit dem Geigenbogen an den Herd gestoßen. Es war wirklich eine besondere Erfahrung."

Dank Mikrofon und Kamera, die auch noch in der Küche platziert sind, kann außer den zehn Gästen vor Ort später auch ein großes Publikum via Internet an dem musikalischen Erlebnis teilhaben.

Der Verstärker findet auf der Anrichte Platz, wo sonst Gemüse geschnitten wird. (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)Küchensession in Kairo: Der Verstärker findet auf der Anrichte Platz, wo sonst Gemüse geschnitten wird. (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)

Laura Hartz: "Wir haben den Rahmen noch etwas weiter gesetzt und erstellen überall Videos von diesen Konzerten. Und die werden dann sowohl auf der Seite der Hamburger Küchensessions als auch auf unseren Länderportalen präsentiert. Uns geht es eben darum, verschiedene Musiker und Musikerinnen vorzustellen. Das kann von traditionellem Liedgut bis wirklich ganz experimenteller Musik gehen. Unter was für Bedingungen arbeiten die eigentlich? Haben sie sich zum Beispiel als Band zusammengefunden? Können sie Konzerte im öffentlichen Raum durchführen? Und solche Dinge."

Zensur verhindert öffentliche Konzerte

Letzeres werde in vielen Ländern der arabischen Welt immer schwieriger, so Laura Hartz. Sie ist die Leiterin des Goethe-Institutes im palästinensischen Ramallah und die Iniatorin der Küchensessions in der arabischen Welt.

Laura Hartz: "In der ganzen Region, nicht nur in den palästinensischen Gebieten, ist es eben so, dass nicht einfach überall Musiker auf einer Bühne stehen können. Sondern da gibt es dann Zensur. Dass sie überhaupt auftreten können, ist manchmal schwierig. Zum Beispiel: Ich bin auch für den Gazastreifen verantwortlich. Da kann man auf keinen Fall im öffentlichen Raum ein Konzert machen. Das entspricht sozusagen nicht den Regeln. Es sind sehr konservative Gesellschaften und da mag man eben keine Musik."

Zumindest nicht solche, die nicht ausdrücklich religiös ist. Ähnlich wie im streng islamischen Saudi-Arabien ist Musik zur puren Unterhaltung offiziell verpönt. Aber…

Laura Hartz: "Überraschenderweise gibt es ja dann doch überall Musik. Selbst in Gaza – hab' ich neulich gesehen – gab es einen Flashmob am Hafen. Es gibt dann irgendwie doch unvermutete Freiräume. Vor allem junge Künstlerinnen und Künstler zu bestärken, das ist unser Anliegen."

Konzerte können nicht vorher angekündigt werden

Shadi Zaqtan besingt in seinen Liedern den Alltag der Palästinenser. Für ihn organisierte das Goethe-Institut ein Konzert in Ramallah. Neue Räume für Musiker zu schaffen, das gelang bisher außerdem noch in Betlehem, in der libanesischen Hauptstadt Beirut, im sudanesischen Khartoum und sogar in der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Omed Arghandiwal: "Natürlich ist es nicht so einfach. Wenn wir Veranstaltungen machen, können wir das nicht vorher ankündigen."

So Omed Arghandiwal vom Goethe-Verbindungsbüro im Irak. Dort herrscht die permanente Gefahr von Terroranschlägen.

Omed Arghandiwal: "Für das Publikum ist es oft schwierig. Ganz schnell erfahren sie was. Aber dennoch bin ich der Auffassung, dass es sehr wichtig ist, dass wir die Kultur weiter pflegen und unterstützen. Es sind viele Künstler, viele junge, kreative Menschen, die nur darauf warten, was zu sehen. Es passiert vieles über das Internet, aber dennoch wollen sie etwas live sehen. Und das war der Grund, warum wir gesagt haben, dass wir an dem regionalen Projekt teilnehmen wollen."

Bei dem Ensemble, das in Bagdad zur Küchensession kam, war schon der Name Programm. Es heißt "Peace Through Arts" – Frieden durch Kunst.

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