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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.03.2011

Flucht vor der Verzweiflung

Anne-Laure Bondoux: "Die Zeit der Wunder", Carlsen Verlag, Hamburg 2011, 190 Seiten

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Zerstörung in Grosny, der Hauptstadt von Tschetschenien (AP Archiv)
Zerstörung in Grosny, der Hauptstadt von Tschetschenien (AP Archiv)

Krieg im Kaukasus: Ein altkluger Junge und eine kranke, aber zuversichtliche Frau versuchen, den Wirren in Richtung Frankreich zu entkommen. Ein wunderbares Buch, weil es in unsentimentalem Ton von einem großen menschlichen Drama erzählt.

Was dürfen, was müssen, was können Bücher für Kinder oder Jugendliche erzählen - und was nicht? In der modernen Jugendliteratur gibt es fast keine Tabu-Themen mehr. Drogenkonsum und Magersucht, Mord oder Selbstmord, Mobbing und Stalking werden immer häufiger thematisiert. Auch der Krieg ist permanent präsent, historische ebenso wie gegenwärtige oder fiktive Konflikte. Vom Krieg erzählt auch der neue Roman der französischen Jugendbuchautorin Anne-Laure Bondoux.

"Die Zeit der Wunder" spielt in den 1990er Jahren im Kaukasus. Russisches Militär und Revolutionäre liefern sich grausame Gefechte. Zahllose Vertriebene ziehen durchs Land, hungern und frieren, zittern um ihr Leben und hoffen auf Frieden. Unter ihnen sind Koumail und Gloria, ein Junge und eine kranke Frau, die seine Mutter sein könnte. Immer wieder müssen sie weiterziehen, sie verlieren alle Freunde, werden betrogen und haben nur ein Ziel: Frankreich. Die Hoffnung in Form zweier französischer Pässe hält die beiden aufrecht und bewahrt sie vor der endgültigen Verzweiflung.

Anne-Laure Bondoux erzählt eine Geschichte, die authentisch wirkt, weil sie hart und traurig ist. Weil sie von zerstörten Dörfern und Städten erzählt, von Anschlägen und Toten, Armut und Angst. Von entwurzelten Menschen mit gebrochenen Herzen und blutigen Füßen. Bondoux’ Geschichte ist aber zugleich unglaublich positiv, weil sie von Liebe und Freundschaft erzählt, vom Glück der Geborgenheit, von einer heilen Vergangenheit und einer unzerstörbaren Hoffnung. Koumail und Gloria sind zwei ganz besondere Menschen. Der Junge – frühreif und altklug, empfindsam und abgeklärt durch zu viele problematische Erfahrungen – träumt sich immer wieder aus dem Fluchtalltag in eine glückliche Zukunft. Und die pragmatische, zuversichtliche Gloria (er-)findet tägliche neue Gründe, weiter zu gehen und nicht aufzugeben.

Wie der Roman ausgeht, welche unvorhergesehene Wendung er nimmt, welche tragische und gleichzeitig lebensrettende Lüge hinter Koumails Herkunft liegt, das sei hier nicht verraten. Wer ist der Erzähler, der am Anfang von sich behauptet, er sage nichts als die "reine Wahrheit"? Der Leser zweifelt an dieser Aussage – zu Recht, wie sich bald herausstellt. Leben und Erzählen, Wahrheit und Geheimnis sind eben zwei ganz verschiedene Dinge. Die Menschen in diesem Roman können ihr Leben nur aushalten, indem sie es neu erfinden oder erträumen. Diese Erzählungen und Träume verleihen dem Buch eine große, unpathetische Wucht.

"Die Zeit der Wunder" ist ein wunderbares Buch, weil es in einfachen, klaren Sätzen und einem unsentimentalen Ton von einem großen menschlichen Drama erzählt. Wie sehr der in das Geschehen verwickelte Erzähler berührt wird vom Schicksal der Figuren, zeigt sich nur zwischen den Zeilen, in vorsichtigen Bemerkungen und Andeutungen. Kleine Gesten ersetzen große Worte, überzeugende Bilder spiegeln seine gespaltenen Gefühle.

Wunder gibt es viele in diesem Roman: wunderbare Zufälle, Überraschungen und Überlebensgeschichten. Eines der Wunder ist, dass Koumail und Gloria sich am Schluss nach Jahren der Trennung wiederfinden. Ein Wunder ist auch, dass es Anne-Laure Bondoux gelungen ist, ein Buch zu schreiben, das so voller Gefühle und Lebensenergie ist wie die Musik der Sinti und Roma, bei denen Koumail und Gloria zeitweilig zu Gast sind: traurig und heiter, melancholisch und glücklich zugleich.

Besprochen von Sylvia Schwab

Anne-Laure Bondoux: Die Zeit der Wunder
Aus dem Französischen von Maja von Vogel
Carlsen Verlag, Hamburg 2011
190 Seiten, 12,90 Euro
Ab 12 Jahren

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