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Im Gespräch | Beitrag vom 13.08.2021

Flucht aus der DDRDurch die Luft, über die Mauer

Claus Gerhard im Gespräch mit Ulrike Timm

Ein Heißluftballon liegt im Gestrüpp, ein Mann steht daneben. (picture-alliance/dpa/DB)
17.9.1979: Zwei Familien aus der DDR gelang eine Flucht per Heißluftballon aus Thüringen in den bayerischen Landkreis Hof. (picture-alliance/dpa/DB)

Höchst abenteuerlich klingen die Geschichten der Menschen, die die DDR illegal in Fluggeräten verließen – nicht selten unter den Augen der Stasi. Der Arzt und Pilot Claus Gerhard hat sie aufgeschrieben.

Freiheit! Diese Sehnsucht war für viele Menschen in der DDR stärker als die Angst, bei einer Flucht verletzt, inhaftiert oder gar getötet zu werden.

Die einen zwängten sich in Fluchtfahrzeuge, gruben Tunnel. Manche wählten den Weg über die "nasse Grenze" im Meer.

Andere bauten sich abenteuerliche Fluggeräte, um in den Westen zu fliegen. Die Geschichte dieser oft spektakulären Flüge hat der Arzt und passionierte Hobbypilot Claus Gerhard in seinem Buch "Der überwachte Himmel" zusammengetragen.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

"Das sind erstaunlich wenige gewesen", wundert sich Gerhard. Zwar unternahmen in den Mauer-Jahren viele tausend Menschen Fluchtversuche in den Westen. Aber nur in 25 Fällen fiel die Wahl auf den Luftweg.

Unterm Radar hinweggerast

Heißluftballons waren als Fluchtmittel eher selten. Meist waren es von ausgebildeten Piloten gesteuerte Flugzeuge, zum Beispiel Agrarflugzeuge, mit denen sie die Äcker besprühten – und in einem geeigneten Moment abbogen und die Grenze überflogen.

All das geschah unter Lebensgefahr: "Es ist geschossen worden", erzählt Gerhard. "Das wussten auch die Piloten."

"Deswegen sind manche zunächst im Tiefflug durch die DDR gerast, um nicht vom Radar entdeckt zu werden. Weil dann ja die russischen und die DDR-Flugzeuge mobilisiert wurden. Sie sollten das Flugzeug abschießen. Und kurz vor der Grenze sind viele dann richtig hoch gestiegen, in der der Vorstellung, da treffen mich die Kugeln vielleicht nicht."

Mitgefühl als Lebensantrieb

Claus Gerhard, Jahrgang 1947, wuchs im Siegerland auf. Auf einer Klassenfahrt nach Berlin sah der 14-Jährige zum ersten Mal die Auswirkungen des Mauerbaus: "Das war damals politisch sehr gewünscht, dass die Westdeutschen auch mal wissen, was in Berlin los ist. Und das war einerseits total aufregend, aber auch sehr bedrückend, zu sehen, dass mitten in der Stadt, wo früher die Straße und die U-Bahn und alles langging, jetzt einfach ein Schnitt gemacht ist. Das hat mir wehgetan. Ich dachte, das kann man doch nicht mit einer Stadt machen."

Mitgefühl ist ein starker Antrieb im Leben von Claus Gerhard. Ein Studienaufenthalt in den Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel beeindruckte ihn derart, dass er auf Medizin umsattelte und Arzt wurde. "Was da so an Barmherzigkeit läuft, damit konnte ich mich identifizieren." Bevor er aber selbst in einer Klinik arbeiten konnte, musste er zunächst seine eigene Angst vor Krankenhäusern überwinden – die Folge einer Mandeloperation.

Und noch eine zweite Angst hat Claus Gerhard überwunden: die Angst vor dem Fliegen. Ein Freund überredete ihn zu einem Segelflug. Und er war begeistert. "Es ist so ein Triumphgefühl. Ich schaffe es, die Luft für mich dienstbar zu machen. Und wenn ich bis an die Wolken herankomme, dann bin ich besonders stolz." Fliegen wurde seine Leidenschaft, auch das Drachenfliegen. Eine Zeit lang hielt Claus Gerhard sogar den Weltrekord im Gleitdrachenflug.

(sus)

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