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Religionen / Archiv | Beitrag vom 20.03.2010

Fluch der braunen Bohnen

Kaffeeplantagen produzieren Unterernährung

Von Andreas Boueke

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Kaffeebohnen tun gut - aber nicht den Feldarbeitern in Guatemala. (AP)
Kaffeebohnen tun gut - aber nicht den Feldarbeitern in Guatemala. (AP)

In Guatemala leidet ein großer Teil der Bevölkerung an Unterernährung. Der Boden ist zwar fruchtbar, doch das meiste Land gehört wenigen Großgrundbesitzern. Sie haben sich die Felder angeeignet und statt Grundnahrungsmitteln Kaffee gepflanzt.

Aleida Putúl wippt rhythmisch mit den Schultern, damit ihre kleine Tochter aufhört zu weinen. Sie hat sich das Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden. Doña Aleida steht als letzte hinter acht Müttern, die alle auf die Ausgabe von Medikamenten und Nahrungsmittelhilfen warten. Auf dem Boden neben ihr sitzen zwei kleine Mädchen und halten sich an ihrem Rock fest. Bei allen drei Töchtern hat der Kinderarzt Symptome von Unterernährung festgestellt. Das Projekt "Clinica Maxeña" im Hochland von Guatemala bietet seinen bedürftigen Patienten billige Gesundheitsversorgung und Vorsorgekurse an. Doña Aleida ist dankbar.

"Für uns ist das eine große Hilfe. Wir haben nicht viel Geld und manchmal reicht das Essen nicht. Deshalb kommen wir hierher. Der Doktor hat meine Kinder schon oft geheilt."

Doktor Aroldo Ixcot empfängt die Kinder in einem schlichten Büro, das vor Jahren mit Spendengeldern des deutschen Hilfswerks Adveniat ausgestattet wurde.

"Die meisten Krankheiten der Bevölkerung werden durch ungenügende Ernährung verursacht. Die Armut ist extrem. Es gibt keine Arbeit."

Die Gesundheitsstation liegt umgeben von dicht bewachsenen Ländereien. Es regnet häufig. Alles ist grün. Der Boden ist fruchtbar. Eigentlich bräuchte hier niemand Hunger zu leiden.

"Aber das meiste Land gehört wenigen Großgrundbesitzern. Sie haben sich die Felder angeeignet und Kaffee gepflanzt."

Die Krise der niedrigen Weltmarktpreise für Kaffee ist überwunden. Die braunen Bohnen sind wieder ein profitables Produkt. Währenddessen hat sich in Deutschland die Kultur rund um den Kaffee deutlich verändert. Das Getränk wird heute oft schnell, mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen und einer großen Palette verschiedener Zutaten zubereitet und konsumiert.

"Ein großer Capuchino, entkoffeiniert ... "

Frau: "Das Tässchen Kaffee, das habe ich immer, das kann ich immer, das krieg ich über all an jeder Straßenecke. So'n Latte Macchiato, oder Cappuccino, dafür gehe ich dann eben raus und gönne mir das mal."

Aus dem Luxusgut Kaffee ist ein Lifestyle-Produkt geworden. Doch für die landlosen Tagelöhner in Guatemala, die den Exportkaffee auf riesigen Plantagen ernten, hat sich nicht viel verändert. Das Thema der Landverteilung steht seit vielen Jahren weit oben auf der Agenda des Menschenrechtsbüros der katholischen Kirche in Guatemala. Der Direktor der Institution, Nery Rodenas, arbeitet im Schatten der Kathedrale von Guatemala-Stadt. Den Ausgangspunkt des Großgrundbesitzertums sieht er in der spanischen Invasion vor 500 Jahren:

"Damals haben die Spanier die Urbevölkerung von ihrem Land vertrieben. Die Mayas wurden zu Sklaven der neuen Landbesitzer. Sie wurden ausgegrenzt, ohne Grundversorgung, ohne Beteiligung an den politischen Entscheidungen des Landes. Diese Situation dauert bis heute an."

Ähnlich sieht es der Gemeindesekretär Augustino Vásquez. Er sitzt im Büro der Kirchenverwaltung des Dorfes Santa María de Jesus, von wo aus er durch ein Fenster auf die Hänge des Vulkan del Agua sehen kann. Auch hier ist die Erde fruchtbar und mit ergiebigen Kaffeeplantagen bedeckt. Die Bitterkeit in Augustino Vasquez' Stimme ist nicht zu überhören. Er selbst hat als Kind auf den Feldern der Familie Zelaya Kaffee gepflückt.

"Die Familie Zelaya, für die ich gearbeitet habe, besitzt hier einen Großteil des Landes, wogegen die meisten Menschen nur wenig oder überhaupt kein Land besitzen. Viele Leute sind so arm, dass sie nicht einmal Feuerholz für ihre Küche kaufen können. Aber die Zelayas haben ihr Land eingezäunt. Wen die Wächter beim Feuerholzsammeln schnappen, der wird eingesperrt."

Keine halbe Stunde von Santa María de Jesús entfernt liegt die Finca Urias. Alle zwei Monate kommt der Priester Carlos Maroquín hierher, um einen Gottesdienst zu feiern.

"Das Leben der Erntearbeiter hat sich nie verändert. Ihr Lohn ist schlecht und die Arbeit sehr hart. Viele der Tagelöhner kommen von weither. Sie bringen ihre Kinder mit, damit sie bei der Ernte helfen."

Einer der Wanderarbeiter, Pablo Utuy, trägt eine alte Hose, die ihm runterrutschen würde, hätte er sich den Gürtel nicht besonders eng geschnallt.

"Wir kommen hierher, weil wir den Lohn brauchen. Ich habe ein eigenes Stückchen Land, aber da wächst fast nichts. Bei uns in den Bergen ist der Boden nicht so wie hier. Dort wächst keine Kaffee, nur ein paar Bohnen und ein wenig Mais."

Im Zentrum der Kaffeeplantage steht eine hübsche, gut ausgestattete Kapelle. Pater Carlos ist sich bewusst, dass er an einem Ort extremer sozialer Kontraste predigt.

"Äußerlich ist alles in Ordnung: eine schöne Kapelle, meine Gottesdienste, regelmäßig eine Feier zu Ehren des Ortsheiligen. Aber den Arbeitern wird kein gerechter Lohn gezahlt. Die Menschen werden nicht mit Würde behandelt. Es ist dasselbe Problem, das Jesus bei den Pharisäern kritisiert hat. Auch die haben sich nur um Äußerlichkeiten gekümmert."

Zu der Messe von Pater Carlos sind nur wenige Gläubige gekommen. In der ersten Reihe sitzt der Verwalter der Finca mit seiner Familie. In den Reihen dahinter hocken ein paar Landarbeiter, einzelne in schmutzigen Kleidern. In seiner Predigt ruft der Priester die wohlhabenden Katholiken dazu auf, solidarisch mit den Armen zu sein.

"Die Bibel sagt: 'Seid gerecht!' Diejenigen, die mehr haben, sollen mit den anderen teilen. Das fällt uns oft schwer."

Pater Carlos hat nicht den Eindruck, als würden seine Worte auf fruchtbaren Boden fallen. In Guatemala hat sich seit Generationen nur wenig an der Ausbeutung der Bevölkerungsmehrheit durch die kleine Oberschicht geändert. Aber er traut sich auch nicht, diese Situation mit deutlicheren Worten anzuprangern:

"Du weißt von der Ungerechtigkeit, aber du hast auch Angst. Wer protestiert, wird auch heute noch als subversiv bezeichnet, als Kommunist."

Das kann gefährlich werden in Guatemala, einem Land, in dem politische Morde noch immer an der Tagesordnung sind.

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