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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.10.2015

Florian Werner liest MusikLieber schnell eine alte Platte anhören!

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(picture alliance / dpa / epa Mitchell)
Stephen Patrick Morrissey macht nicht nur Musik, sondern schreibt auch Bücher. (picture alliance / dpa / epa Mitchell)

Stephen Patrick Morrissey ist einer der erfolgreichsten, einflussreichsten und exzentrischsten Popstars der Gegenwart. Nun hat er mit "List of the Lost" seinen ersten Roman veröffentlicht. Florian Werner hat ihn gelesen.

"Stop me if you think you've heard this one before
Stop me, oh stop me, stop me if you think that you've heard this one before ..."

Stop! Bitte sofort aufhören. Wir haben tatsächlich schon alles gehört, was Morrissey uns in seinem ersten Roman "List of the Lost" zu sagen hat. Sämtliche Themen, die in diesem nur 118 Seiten langen, zugleich aber sehr langweiligen Roman verhandelt werden, finden sich bereits in den Songs der Gruppe The Smiths, als deren Sänger und Texter Morrissey Mitte der 80er-Jahre berühmt wurde.

"Cemetary Gates":
"A dreaded sunny day, so I meet you at the cemetery gates
Keats and Yeats are on your side
A dreaded sunny day, so I meet you at the cemetery gates
Keats and Yeats are on your side
While Wilde is on mine"

Da wäre Morrisseys Faszination für Friedhöfe, Vergänglichkeit, Verwesung. "List of the Lost" beschreibt das Schicksal von vier jungen Staffelläufern im Jahr 1975 in Boston. Zuerst töten sie versehentlich einen Obdachlosen. Dann erfahren sie durch einen Geist, dass der Dekan ihrer Universität ein Mörder ist.

Verwirrt und verzweifelt geben sie sich fortan statt des Staffelstabs die Klinke zum Hades in die Hand. Der Protagonist - er heißt bizarrerweise Ezra Pound - stirbt zuletzt. Er wird, wie in einem alten Smiths-Song ersehnt, zusammen mit seiner Geliebten von einem Auto gerammt.

"There is a Light that Never Goes Out":
And if a ten ton truck
Kills the both of us
To die by your side
The pleasure, the privilege is mine ...

Bei den Smiths war das alles in prägnante Pop-Epigramme gefasst und von Johnny Marrs strahlenden Gitarren-Riffs konterkariert. Im Roman klingt es leider nur pathetisch, unplausibel, im wahrsten Sinn des Wortes: peinlich.

Der Schmerz wird noch dadurch verstärkt, das der Erzähler ständig abschweift und sich anlasslos über die immergleichen Themen echauffiert: die korrupte Justiz. Die Torheit der Regierenden. Die bösen, bösen Medien. Und natürlich, ein alter Morrissey-Topos, der Fleischverzehr.

"Meat is murder,
This beautiful creature must die
It's death for no reason and death for no reason is murder"

Zugegeben: Das Thema Tierrechte ist auch 30 Jahre nach Erscheinen des Albums "Meat is Murder" noch brandaktuell. Ziemlich bizarr ist aber, dass sich die amerikanischen College-Studenten in "List of the Lost" über die britische Premierministerin Margaret Thatcher aufregen und dass seitenweise die Rolle von Winston Churchill im Zweiten Weltkrieg debattiert wird. Und als hätten die Amerikaner keine anderen Sorgen, bekommt auch das englische Königshaus sein Fett weg.

"The Queen is Dead,
So I broke into the palace
With a sponge and a rusty spanner
She said: 'I know you, and you cannot sing'
I said: 'That's nothing, you should hear me play piano'"

Auf "The Queen is Dead" atmete Morrisseys Autoritätskritik noch den anarchischen Geist des Punk. Im Roman kippt diese Kritik ins Reaktionäre - ja, bisweilen wird sie sehr unappetitlich, etwa wenn unterstellt wird, dass eine Verschwörung der "großen Geschäftsbanken" den amerikanischen Präsidenten bestimmt. Oder wenn der mörderische Dekan, "Dean Isaac" - er trägt tatsächlich den Namen des jüdischen Erzvaters - mit Hilfe einer "Geheimorganisation" seiner gerechten Strafe entgeht.

"Handsome Devil":
"There's more to life than books, you know
But not much more, but not much more"

Es ist erstaunlich, dass ein so brillanter Songwriter wie Morrissey, der seit 30 Jahren ein Hohelied auf die Literatur singt, einen so erbärmlich schlechten Roman verfasst hat. Das einzige Mittel gegen das eitel-reaktionäre Gequatsche dieses Erzählers besteht darin: schnell das Buch beiseite zu legen - und sich eine alte Platte der Smiths anzuhören.

"Stop me if you think you've heard this one before"

 

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