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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 18.01.2014

FleischproduktionHormone in der Schweinezucht sind sinnvoll

Antibabypille verursacht mehr Umweltschäden als Schweinehormone

Von Udo Pollmer

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Naturschützer kritisieren, bei der Ferkelzucht würden zu viele Hormone eingesetzt. Udo Pollmer hält dagegen. Kontrollierte Geburten seien sinnvoll und die Umweltschäden durch die Medikamente nur minimal.

Pünktlich zur Grünen Woche hat der BUND Hormone im Schweinestall ausgemacht. "Insbesondere in der industriellen Ferkelzucht werden", so schreibt die Umweltorganisation, "vielfach Hormone verabreicht - mit bösen Folgen für die Tiere, Menschen und die Umwelt." Von Steroid-Hormonen sei sogar bekannt, dass sie erbgutschädigend und krebserregend seien. Noch dazu würden diese Hormone nicht etwa wegen einer Krankheit verabreicht, sondern um die Gewinne zu maximieren.

Es stimmt: Die Hormone werden bei der Ferkelproduktion an Sauen verabreicht, die meistenteils pumperlg‘sund sind. Damit die Ferkelchen etwa zur gleichen Zeit das Licht der Welt erblicken, werden die Sauen in einer Gruppe gleichzeitig besamt. Die erfahreneren Muttertiere sind bereits im Zyklus, aber um junge Sauen in eine bestehende Herde einzugliedern, wird die Ovulation mit dem Hormon Altrenogest reguliert. Dadurch ferkeln alle Sauen gleichzeitig ab - was eine bessere Versorgung der Ferkel erlaubt.

Auch bei Frauen wird mitunter der Entbindungszeitpunkt im Krankenhaus mit Hormonen reguliert, ohne dass sich darüber jemand echauffiert. Doch im Stall geht es nicht so sehr um Bequemlichkeit sondern um das Wohlergehen der Tiere. Muttersauen sollen aus Tierschutzgründen in Gruppen gehalten werden - und das funktioniert mit einer Synchronisation der Brunst am besten. Das nützt den Tieren wie dem Verbraucher.

Der Idealfall ist eine große Ferkelgruppe

Denn dadurch, dass alle Sauen gleichzeitig abferkeln, lässt sich am Ende der Säugeperiode der ganze Stall sauber desinfizieren - das senkt die Zahl der Infekte. Gerade das vom BUND so heftig attackierte Ziel der Ferkelerzeuger, nämlich "möglichst große und einheitliche Gruppen von Mastferkeln", ist die wichtigste Maßnahme zur Verringerung des Antibiotikaeinsatzes in der Mast. Ferkel aus Gruppenhaltung brauchen weniger Medizin als Tiere, die erst aus unterschiedlichen Herkünften passend zusammengestellt werden müssen. Der Idealfall ist eine große Ferkelgruppe, mit der sich ein Maststall komplett belegen lässt und die von Geburt bis zum Mastende beisammen bleiben kann.

Und wie ist das mit der Krebsgefahr durch Steroidhormone? Die mit Abstand wichtigste Quelle von Steroidhormonen beim Menschen ist die Antibabypille - und gegenüber der Dosis, die Frauen täglich mit der Pille schlucken, ist das, was im Ferkelstall passiert, rein mengenmäßig bedeutungslos. Wären die Steroidhormone der Pille oder das Altrenogest tatsächlich erbgutschädigend, dann hätten die Pillenverwenderinnen - und natürlich auch die Schweine im Stall - erbgeschädigten Nachwuchs.

BUND liegt falsch

Die vom BUND beschworenen Umwelt-Folgen gelten für die Antibabypille - aber nicht für das Schweine-hormon. Fische, die in der Nähe von Kläranlagen gefangen werden, sind überwiegend weiblich - auch die Männchen. Ursache der Geschlechtsumwandlungen ist das Ethinylöstradiol aus der Pille, das von der Kläranlage nicht abgebaut wird. Die Mengen an Altrenogest, die in Deutschlands Ferkelbetrieben zur Anwendung kommen, liegen im Jahr bei mageren 90 Kilo.

Die Schweinegülle landet zudem nicht in der Kläranlage, sondern als Düngemittel auf dem Acker. Dort werden die Rückstände an Bodenbestandteile gebunden und im Lauf der Zeit von der Bodenflora angegriffen. Theoretisch können die Pflanzen von den 90 Kilo schon ein paar Spuren aufnehmen - insgesamt vielleicht ein paar Gramm - und ein paar weitere Gramm in Wassergräben gelangen. Doch die gehen den Fischen kalt am Schwanz vorbei.

Was also war das Ziel dieser BUND-Kampagne? Inzwischen ist die Katze aus dem Sack: "Hormonfreies Schweinefleisch nur mit Biosiegel", schreiben die Zeitungen. Das ist doppelt gelogen. Erstens produzieren alle Lebewesen in ihrem Körper Hormone. Zweitens bekommen Mastschweine prinzipiell keine Hormone verabreicht - egal ob bio oder konventionell. Mahlzeit!

Literatur:

Hörning B (im Auftrag des BUND): Zum Einsatz von Hormonen in der intensiven Sauenhaltung. 7. Jan. 2014

Wefers H: Mögliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit durch Eintrage von Hormonen in die Umwelt. Jan. 2014

BUND: Fragen und Antworten zum Hormoneinsatz in der Schweinezucht in Deutschland. 6. Jan. 2014

Jobard A: Neue Verwendung von Altrenogest. DE 4334 728, 14. Apr. 1994

Besse JP: Progestagens for human use, exposure and hazard assessment for the aquatic environment. Environmental Pollution 2009; 157: 3485-3494

European Medicines Agency: Altrenogest (equidae and porcine species) European Public MRL Assessment Report (EPMAR) 14. Feb. 2012 EMA/CVMP/487477/2011

Whaley SL: Regu-Mate for swine. Environmental impact assessment. Dok-Nr: R219/F/02; FDA 28. Jan. 2002

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