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Reportage / Archiv | Beitrag vom 19.11.2013

FleischindustrieSchweine zerlegen im Akkord

Ausbeutung osteuropäischer Wanderarbeiter in Deutschlands Schlachthöfen

Von Alexander Budde

Angestellte eines Schlachtbetriebs arbeiten an aufgeschlitzten Schweinen in Rheda-Wiedenbrück (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Lohnarbeiter in Schlachtbetrieben sind Opfer des Wettbewerbs um billiges Fleisch. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

In der fleischverarbeitenden Industrie herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Lohndumping, unterschlagene Sozialleistungen und schreckliche Unfälle – der rumänische Leiharbeiter Emilian erzählt von unhaltbaren Arbeitsbedingungen.

An diesem Sonntag sitzt Emilian auf dem Sofa. Der Rumäne ist Mitte 40. Er hat eine stämmige Statur. Müde Augen blicken aus einem runden Gesicht mit Stoppelbart. In einer Ecke des karg möblierten Wohnzimmers läuft das rumänische Fernsehen. Eine Unterhaltungsshow mit Musikeinlage.

Doch Emilian hat keine Muße für den Virtuosen. Die Wut pocht schwer in seiner Brust. Der stolze Familienvater will erzählen: von einer Branche, in der es nur ums Fressen und Gefressenwerden geht. Und von einem Wettbewerb um billiges Fleisch, in dem sich wehrlose Lohnarbeiter aus Osteuropa ganz unten in der Nahrungskette wiederfinden.

“Ich hatte schon in Rumänien in einem Schlachthof gearbeitet. Nach der Schule habe ich erst ausgeholfen, dann habe ich den Schlachterberuf erlernt. Bei uns ist alles mechanisch, das Band ist immerzu in Bewegung. Du musst das Handwerk beherrschen und unheimlich schnell mit dem Messer sein. Mich schreckt das nicht. Die Arbeit selbst hat mir immer Freude bereitet. Ich habe schon Säue, Bären und Schafe zerlegt. Und ich bin auch heute noch mit Leidenschaft dabei.“

2004 holt ihn ein Landsmann nach Deutschland - mit dem Versprechen auf guten Lohn für gute Arbeit. Doch Emilian schuftet fortan für rumänische Subunternehmer. Die haben Werkverträge mit deutschen Schlachthöfen geschlossen, die billig produzieren wollen. Aufträge wie etwa das Abtrennen Tausender Schweineschinken vergeben die Schlachthöfe zum Festpreis an die Fremdfirmen. Die wiederum hetzen das Personal.

“Sie haben uns gesagt: Wenn ihr diese Plackerei durchhaltet, könnt ihr überall auf der Welt arbeiten! Anfänglich hat es sogar Prämien für besondere Verdienste gegeben: 150 oder 200 Euro. Daraufhin haben sich einige von uns ins Flugzeug gesetzt, um Verwandte zu besuchen. Wir haben uns richtig gefreut, über solche Wertschätzung.“

Von einer prekären Beschäftigung zur nächsten

Aber die Freude hält nicht lange. Emilian zieht wie ein Wanderarbeiter durch Deutschlands Schlachthöfe, weitergereicht von einer prekären Beschäftigung zur nächsten. Es geht von München nach Dortmund, von Dortmund nach Nürnberg, von Nürnberg nach Oldenburg. Emilian zerlegt Schweine im Akkord - vom frühen Nachmittag bis morgens um vier. Für Stundenlöhne von fünf bis zehn Euro anfänglich, bisweilen wird er auch nach Stückzahl entlohnt.

Immer wieder, so Emilian, betrügen ihn seine Bosse um einen Teil seines Lohns. Sie unterschlagen Sozialleistungen und hinterziehen Steuern.

“Das sind Mafiosi! Die betrügen die Menschen um ihren Lohn! Wenn Sie mich fragen: Die fleischverarbeitende Industrie in Deutschland ist völlig ruiniert. Kaum jemand kann noch von seiner Arbeit leben. Die Kunden an der Theke zahlen für das Kilo Hackfleisch 1,99 Euro. Wer bei solchen Preisen noch Profit machen will, muss die Rumänen zu Tausenden vom Feld holen. Diese Billiglohnarbeiter haben keine Krankenversicherung. Aber es passieren die schrecklichsten Unfälle: Die Leute schneiden sich die Hände ab, weil sie keinerlei Erfahrung mit Messern und Maschinen haben.“

Emilian sagt, er sei ein ehrlicher Mensch. Einer, der laut und vernehmlich seine Meinung sagt. Er hat vor Gericht gegen einen früheren Chef ausgesagt, der ihm nach der Insolvenz des Unternehmens gleich mehrere Monatsgehälter schuldig blieb. Er hat sich mit der Bitte um Rat und Tat an die Gewerkschaft gewandt. An die heilenden Kräfte durch Mindestlohn und Tarifvertrag mag er dennoch nicht glauben. In der Fleischindustrie herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf, Lohndumping ist an der an Tagesordnung, sagt Emilian. Er hat nicht den Eindruck gewonnen, dass die deutschen Behörden irgendeine Aufsicht führen.

“Zweimal habe ich das erlebt, dass die Kontrolleure kamen. Über dem Schlachthof schwebten Hubschrauber. „Haut schnell ab!", brüllten da die Vorarbeiter - und rissen sämtliche Türen auf. Dann rannten wir wie die Hasen in sämtliche Himmelsrichtungen davon. Aber am nächsten Morgen waren die Kollegen alle wieder da. Es war eine Stimmung als hätte es auf einem Fest einen schlimmen Regen gegeben.“

Fleisch vom holländischen Wochenmarkt

Warum er all das so lange mitgemacht hat? Emilian kratzt sich am Kopf. Irgendwie musste es ja weitergehen. Es hat ihn zum Luftschnappen in den kleinen Gemeinschaftsgarten im Hinterhof des rot geklinkerten Mietshauses gezogen. Der Familienvater schaut seinem kleinen Sohn zu, der begeistert auf dem Trampolin hüpft. Auch die Tochter ist in Deutschland geboren.

Fleisch, Gemüse und Obst kauft die Familie am liebsten auf dem Wochenmarkt im nahen Enskede in Holland ein. Emilian wundert sich, was bei seinen deutschen Nachbarn auf den Teller kommt.

“Wenn ich in die Metzgerei gehe, achte ich nie auf den Preis. Ich lege Wert auf Qualität. Ich achte auf die Farbe des Produkts. Wenn Schwein und Rind nicht frisch sind, kehre ich noch in der Türe um. Es kann auch vorkommen, dass wir im Supermarkt nicht fündig werden. Oft sage ich zu meiner Frau: Dieses Fleisch hier in der Truhe, das habe ich gestern auch schon hier gesehen!“

Nach 25 Jahren Schufterei als Billiglöhner, hat Emilian gerade einen befristeten Vertrag bei einem Schlachthof unterschrieben, pendelt jeden Morgen zu dem einige Dutzend Kilometer entfernten Betrieb. Als erfahrene Fachkraft bekommt er elf Euro Stundenlohn, er ist sogar krankenversichert.

In Deutschland will er bleiben, nicht zuletzt wegen der Kinder, die am Ort Grundschule und Kindergarten besuchen und mittlerweile verwurzelt sind. Ob sie selbst einmal Schlachter werden wollen, dürfen sie selbst entscheiden.

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