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Interview | Beitrag vom 24.09.2020

Fleischindustrie in Deutschland"Wir sind der Schlachthof der ganzen Welt"

Franz Voll im Gespräch mit Ute Welty

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Schweine hängen in einem Schlachthof. (Getty Images / Glowimages)
Deutschland exportiert Schweine in die ganze Welt, weil das Fleisch wegen der schieren Masse so billig ist, kritisiert Franz Voll. (Getty Images / Glowimages)

Illegale Leiharbeit, Tierleid und nun die Afrikanische Schweinepest: Deutschlands Fleischindustrie sorgt weiter für Negativschlagzeilen. Der frühere Metzger Franz Voll sieht vor allem zwei Übel: endloses Wachstumsstreben und fehlende Gesetze.

Die Missstände in der deutschen Fleischindustrie beobachtet der frühere Metzger und Lebensmittelkontrolleur Franz Voll seit Jahren. Es ändere sich nichts, sagt er, "weil damit so schön viel Geld verdient werden kann". Vor allem die Schweinehaltung kritisiert er als "unterirdisch und schrecklich". Auch Appelle der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) würden nichts bringen. Denn alle Dinge, die dabei sinnvoll seien, seien freiwillig, wie zum Beispiel das Tierwohllabel oder größere Ställe. "Wir brauchen hier klare gesetzliche Regelungen", fordert Voll. 

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Die Afrikanische Schweinepest sorgt aktuell für Exportbeschränkungen, ein Thema, über das Klöckner mit den Agrarministerinnen und -ministern an diesem Donnerstag und Freitag berät. Doch warum ist die deutsche Schweineindustrie überhaupt so exportabhängig? Man habe auf grenzenloses Wachstum gesetzt, kritisiert Voll: "Wir waren ja mal der Schlachthof Europas, mittlerweile sind wir der Schlachthof der ganzen Welt." Aufgrund der schieren Masse sei das Fleisch so billig. 

Ein Kilogramm Kotelett für 70 Euro

Jetzt müssten die Tiere in den Ställen bleiben. Das sei "der nächste Schock", wie Voll es nennt, denn der aktuelle Tagespreis für Schweinefleisch im Einkauf liege bei 1,27 Euro für das Kilo. Davon könne ein Bauer nicht leben. Das wiederum werde die Haltung "extrem beeinträchtigen", denn Bauern müssten nun sparen, würden seltener den Veterinär bestellen, Stunden und Personal abbauen: "Jetzt geht die Spirale richtig nach unten."

Voll sieht aber auch bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern die Notwendigkeit für ein Umdenken. Wer sich an der Kasse über den ohnehin niedrigen Preis für ein Kotelett beschwere und dann auf sein 800 Euro teures Handy schaue, setze falsche Prioritäten. Voll hat den eigentlichen Preis für Fleisch einmal ausrechnen lassen, wie er sagt: "Wenn der Fleischpreis so gestiegen wäre wie alles andere um uns herum, dann würde ein Kilo Kotelett 70 Euro kosten."

(bth)

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