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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.05.2013

"Flächendeckender Angriff" auf die Kultur Sachsen-Anhalts

Bühnenverein-Ost-Geschäftsführer über den Aktionstag "5 vor 12"

Ulrich Katzer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Der Aktionstag "5 vor 12" soll auf drohende Schließungen aufmerksam machen, so Katzer. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Der Aktionstag "5 vor 12" soll auf drohende Schließungen aufmerksam machen, so Katzer. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Es gehe um die Erhaltung der Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt, sagte Ulrich Katzer zum Aktionstag gegen drohende Kürzungen. Um das an UNESCO-Welterbestätten besonders reiche Bundesland zu unterstützen, müsse auch der Bund einspringen, so der Geschäftsführer des Bühnenvereins Ost.

Liane von Billerbeck: In Sachsen-Anhalt plant die Große Koalition unter CDU-Ministerpräsident Rainer Haseloff einen harten Sparkurs. Bis zum Jahr 2020 will das Land schuldenfrei sein, deshalb werden die Landesausgaben massiv gekürzt: bei der Polizei, an den Schulen und Hochschulen, aber auch im Kulturbereich. Anlass für einen Aktionstag im Land unter dem Schlagwort "Kulturgut stärken", an dem dagegen protestiert wird, dass die gesamte Kultur in ihrer Substanz bedroht ist. Bevor wir darüber mit Ulrich Katzer sprechen, dem Geschäftsführer des Landesverbandes Ost des Deutschen Bühnenvereins, liefert unser Magdeburger Korrespondent Christoph Richter einen Lagebericht.

Und darüber will ich jetzt mit Ulrich Katzer sprechen, er ist der Geschäftsführer des Landesverbandes Ost des Deutschen Bühnenvereins, und aus Halle-Saale zugeschaltet. Herr Katzer, ich grüße Sie!

Ulrich Katzer: Ich grüße auch!

von Billerbeck: Ein Kulturkonvent, eingesetzt von der Landesregierung, hatte eine Aufstockung des Kulturetats Sachsen-Anhalts gefordert, von inzwischen 85 Millionen auf 100 Millionen Euro - nun geht es andersherum um Kürzungen. War der Kulturkonvent also eine reine Alibiveranstaltung?

Katzer: Nun ja, diesen Verdacht, eine Alibiveranstaltung zu sein, umwehte den Konvent auch schon bei seiner Gründung im Herbst 2011. Und wir haben das auch im Kulturkonvent diskutiert und haben gesagt, unabhängig von irgendwelchen bösartig unterstellten Motiven: Wir nehmen diese Aufgabe auf jeden Fall ernst, und wir haben deshalb in den knapp anderthalb Jahren auch einen ernsthaften und seriösen Abschlussbericht vorgelegt.

Und jetzt taucht der Verdacht natürlich wieder auf, ob wir eine Alibiveranstaltung sind, angesichts dieser in den Raum gestellten Kürzungsszenarien, und deshalb auch dieser Aktionstag heute: Wir sagen, wir sind keine Alibi-Konventsmitglieder gewesen, wir haben keinen Alibi-Konvent geleistet, sondern wir haben seriös gearbeitet, und ein Missbrauchsfall sind wir auf jeden Fall nicht, weil wir lassen uns nicht missbrauchen.

von Billerbeck: Nun ist das Problem ja aber nur, dass die Haushaltslage Sachsen-Anhalts dramatisch ist. Es gibt ein Gutachten des ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzministers Ingo Deubel, der sieht, wenn nicht gespart wird, und auch ganz drastisch, die Existenz des Landes Sachsen-Anhalt auf der Kippe. Und er Kulturkonvent-Moderator Olaf Zimmermann hat selbst gesagt, der Kulturetat Sachsen-Anhalts sei an der Einwohnerzahl gemessen hoch, nur noch Sachsen liege darüber. Muss also nicht auch die Kultur ihren Teil zur Rettung des Landes beitragen?

Katzer: Na ja, ob wir jetzt wirklich vor dem kompletten Aus stehen, ist die eine Frage, die andere Frage ist letzten Endes, niemand hat etwas gegen Sparen. Natürlich muss in diesem Land gespart werden, wie überall auch gespart werden muss.

von Billerbeck: Aber nicht bei uns!

Katzer: So weit würde ich auch nicht gehen, man muss natürlich schon mal schauen, was ist denn in den vergangenen 20 Jahren tatsächlich gespart worden. Der Kulturetat war schon mal deutlich über 100 Millionen Euro. Wir sind schon vor der Spardebatte, die ja in Wirklichkeit nur eine Kürzungsdebatte ist, weil was will man denn sparen. Hier wird gekürzt. Und in der Kultur wird schon seit einem guten Jahrzehnt ständig gekürzt, und das soll immer so weitergehen. Und wir haben natürlich das Ende der Fahnenstange jetzt erreicht. Wir klettern schon ein bisschen über das Ende hinaus, und wir müssen uns jetzt ganz ernsthaft, sollte sich die Landesregierung und der Landtag nachher letzten Endes dazu durchringen zu diesen Kürzungen, müssen wir uns über Schließungen von Einrichtungen unterhalten.

von Billerbeck: Was würden denn diese Kürzungen ganz konkret bedeuten?

Katzer: Sie würden ganz konkret bedeuten, dass das Land Sachsen-Anhalt 25 Prozent unter seinem Bedarf ausgibt. Und 25 Prozent, das sind 25 Prozent, das ist ein Viertel – das heißt, man muss sich darüber im Klaren sein, dass über weite Strecken Schließungen ...

von Billerbeck: ... nicht mehr auszuschließen sind?

Katzer: ... nicht mehr auszuschließen sind im wahrsten Sinne des Wortes, und dass das nicht nur den einen oder anderen Standort, das eine oder andere Theater oder Museum oder Musikschule betrifft, sondern dass das ein flächendeckender Angriff ist, und das ist für das Land natürlich sehr problematisch.

von Billerbeck: Könnten dann diese Kürzungen - Sachsen-Anhalt ist ja berühmt für viele Welterbe-Kulturstätten -, könnten dann diese Kürzungen vom Bund aufgefangen werden, den ja der Kulturkonvent auch in die Pflicht zu nehmen empfahl?

Katzer: Das ist sicherlich eine denkbare Möglichkeit. Wir hatten das in diesen Kulturkonvent-Empfehlungen drin, dazu muss sich natürlich auch der Bund äußern. Das können wir nicht entscheiden, wir können das empfehlen. Klar, würde der Bund da einsteigen, gäbe es natürlich Luft an anderer Stelle.

von Billerbeck: Sie machen ja schon länger gegen Kulturkürzungen im Land Sachsen-Anhalt mobil. Es gab eine Resolution im November, die Aktion fünf vor zwölf, und nun den heutigen Aktionstag Kulturgut stärken. Was fordern Sie konkret, und wie zeigen Sie den Protest?

Katzer: Wir fordern konkret, dass die Empfehlungen des Kulturkonvents in den Überlegungen, in den Haushaltsüberlegungen des Landes ihren Niederschlag finden. Und das hängt natürlich auch mit Geld zusammen, ganz klar, und es geht um die Kultur, um die Erhaltung unserer Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt, und wir tun das eben auf drei Ebenen: Wir haben eine Internetseite "5 vor 12" eingerichtet, in der es eine Online-Unterschriftenaktion gibt. Dann gibt es eine Fotoaktion, in der Bürger einfach sich selbst fotografieren mit einer "5 vor 12"-Karte in der Hand, um diesem Kulturabbau die Rote Karte zu zeigen. Und dann gibt es heute die Demonstrationen, die landesweit stattfinden: in Magdeburg, Naumburg, Halberstadt, Eisleben, überall. Und eben auch mit einer Abschlusskundgebung heute ab halb drei in Halle.

von Billerbeck: Also genau an den Orten auch, wo Weltkulturerbestätten sind, also in Orten, die man auch bundesweit und weltweit kennt.

Katzer: Ja, natürlich, Weltkulturerbestätten und künftige, möglicherweise. Das Land möchte ja zum Beispiel auch, dass die frankischen Stiftungen, die hier in Halle ihren Sitz haben, Weltkulturerbe werden. Das heißt also, das ganze Paket wird noch größer, das es zu bedienen gilt künftig.

von Billerbeck: Wie sehen Sie die Chancen, es tatsächlich nicht zu dieser Kürzung im Kulturbereich kommt, der ja, wie ich heute einer Stellungnahme von Olaf Zimmermann, der diesen Kulturkonvent moderiert hat und gleichzeitig der Geschäftsführer des deutschen Kulturrates ist, gelesen habe, ja nur ein Prozent des Haushaltes des Landes ausmacht?

Katzer: Ja, gut, wie die Chancen sind, das ergibt sich schon aus dem Namen unserer Aktion, fünf vor zwölf – es ist fünf vor zwölf, und da wir natürlich ... Kulturschaffende sind von Natur aus Optimisten, anders könnten wir das ja gar nicht betreiben. Und das heißt, wir glauben natürlich an die Einsichtsfähigkeit derer, die darüber zu entscheiden haben.

von Billerbeck: Das sagt Ulrich Katzer, Geschäftsführer des Landesverbandes Ost des deutschen Bühnenvereins über die Lage der Kultureinrichtungen in Sachsen-Anhalt, wo heute ein Aktionstag gegen die drohenden Kürzungen stattfindet. Herr Katzer, herzlichen Dank!

Katzer: Ich bedanke mich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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