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Zeitfragen | Beitrag vom 22.02.2021

Fixerstuben in HamburgSüchtige leben seit Corona gefährlicher

Von Axel Schröder

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Saubere Utensilien für den Konsum von Drogen liegen 2017 im Drogenkonsumraum der Kontakt- und Beratungsstelle Drob Inn des Trägervereins Jugendhilfe e.V. in Hamburg. (picture alliance/dpa/Christophe Gateau)
In der Beratungsstelle Drob Inn in Hamburg bekommen die Menschen diese sauberen Utensilien für den Drogenkonsum. (picture alliance/dpa/Christophe Gateau)

In sogenannten Fixerstuben können drogenabhängige Menschen in einem geschützten Raum Drogen konsumieren. Wegen Corona können dort weniger Menschen betreut werden und ihr Alltag ist noch härter geworden, so die Erfahrung in Hamburg.

Wenn Björn Reitschuster sich hochreines, synthetisch hergestelltes Heroin spritzen will, muss er nüchtern sein. Das sogenannte Diamorphin bekommen die Kundinnen und Kunden der Drogenambulanz in der Hamburger Holstenstraße erst nach einem Alkoholtest. 

"Am Anfang Alkoholpusten. Jeden Tag, vor jeder Vergabe. Wenn man 0,0 gepustet hat, nur dann kriegt man die Wartemarke, damit man reinkommt." 

Björn heißt eigentlich anders, weiß aber um die Vorurteile, mit denen drogenkranken Menschen immer noch zu tun haben. Björn kommt einmal morgens und einmal am frühen Abend, um sich seine Dosis zu spritzen. Er hält seine Wartemarke in der Hand, schaut hoch zur Anzeige. Noch fünf Minuten. Geleitet wird die Drogenambulanz von Annina Carstens. Ihr Team hatte, vor allem im ersten Lockdown, alle Hände voll zu tun, um den Betrieb, sieben Tage die Woche, weiterlaufen zu lassen. 

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"Es gab keine Schutzausrüstung und so weiter und so fort. Deshalb haben wir relativ rasch schon Ende März reagiert und konnten hier in allen Berufsgruppen das Team in zwei unterschiedliche Gruppen teilen, sodass immer ein Team eine Woche, 77 Stunden, durchgearbeitet hat und dann in der Folgewoche im Wechsel das komplette andere Team ohne Kontakt untereinander gestartet ist. Bis Ende Mai, Anfang Juni haben wir das so fortgeführt."

Mehr Süchtige in der Drogenambulanz

Seit dem Ausbruch der Pandemie vor einem Jahr kommen deutlich mehr Süchtige in die Drogenambulanz.

Neben dem künstlichen, hochreinen Heroinersatz Diamorphin bekommen Suchtkranke in der Drogenambulanz auch andere Medikamente. Zum Beispiel Methadon, Subutex, Substituol oder Polamydon. Viele Patientinnen und Patienten können mit diesen Arzneien wieder ihren Alltag meistern, gehen gleich nach ihrem morgendlichen Besuch in der Ambulanz zur Arbeit, kommen nach Feierabend für die zweite Dosis vorbei. So macht es auch Björn mit seinem Hausmeister-Job.

Im Laufe des Jahres werde die Ambulanz noch besser unter Pandemiebedingungen arbeiten können, sagt Leiterin Annina Carstens. 

"Wir haben natürlich für die Mitarbeiter jetzt Schnelltests, seit Ende 2020 ungefähr. Das wir die regelmäßig machen können und auf jeden Fall zwei Mal die Woche alle abstreichen können. Bei Bedarf natürlich auch öfter." 

Vorn im Warteraum steht Björn mit seiner Wartemarke, gleich ist er dran. 

"Siehste, jetzt sind wir dran. Na, dann komm." 

Die Utensilien gibt es auf einem kleinen Tablett

In Pandemiezeiten dürfen immer nur vier Personen den so genannten Applikationsraum nutzen. Die Tische stehen weit auseinander, hinter einer Plexiglasscheibe hat ein Mitarbeiter schon alle Utensilien für Björn auf ein kleines Tablett gelegt und schiebt es durch den schmalen Spalt über den Tresen. 

"In dem Schälchen sind jetzt drin: Abbinder, Trockentupfer, Pflaster, mein Medikament und eine Kanüle oder ein Butterfly – je nachdem, was man benutzt. Dann steht hier auf dem Tisch immer Desinfektion. – Einsprühen, Sauberwischen, Binder benutzen. Und dann einfach ansetzen und dann läuft das Blut."

Durch den dünnen Plastikschlauch an der Kanüle fließt Björns Blut in Richtung Einstich. Langsam drückt er es zusammen mit dem Diamorphin zurück in die Vene. Eine Viertelstunde muss er danach noch warten, bleibt unter Aufsicht des medizinischen Personals. Niemand soll benommen die Ambulanz verlassen. 

Die täglichen Abläufe umkrempeln musste auch das Team des "Drob Inn", ganz in Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. Diamorphin wird dort nicht ausgegeben, sondern nur Methadon, ein flüssiges Drogensubstitut, das vor Ort eingenommen wird. Alle Süchtigen müssen sich vorher registrieren lassen, erzählt der Leiter des Drob Inn Peter Möller. 

"Pro Tag kommen circa 100 Menschen hierher, um sich ihr Methadon abzuholen. Per elektronischem Fingerabdruck sieht man gleich: ‚Hans-Dieter kriegt fünf Milligramm.‘ Und dann wird das verabreicht, dann wird noch miteinander gesprochen. Und dann kommt wieder der Nächste."

Pro Tag kommen 400 Drogenabhängige 

Anders als in Drogenambulanz in der Holstenstraße kommen nicht mehr Menschen als vor Ausbruch der Pandemie ins Drob Inn. Insgesamt nutzen jeden Tag 400 Süchtige die Einrichtung. Weil aber viel weniger Menschen reindürfen, stehen zwei große, weiße Plastikzelte auf der Wiese vor dem Drob Inn. Dicht an dicht stehen die Drogenabhängigen, das behördlich verordnete Abstandsgebot gilt hier ausdrücklich nicht. Kontrollieren ließe es sich ohnehin nicht. Im "Drob Inn" gibt es Drogenkonsumräume, in denen sich die Süchtigen selbst mitgebrachte Drogen spritzen können. Und neben einer Kleiderklammer, einer Sprechstunde und dem Café-Bereich gibt es auch die Möglichkeit, benutzte gegen saubere Spritzen zu tauschen. Dieses Angebot werde viel stärker angenommen als vor der Pandemie, erzählt Christine Tügel. Sie gehört zum Vorstand des "Jugendhilfe e.V." dem Trägerverein des "Drob Inn". 

"Es ist proportional gestiegen zu dem, was im Konsumraum weniger stattfinden kann durch die Platzbegrenzung. Und das ist sozusagen noch mal der Beweis dafür, wie wichtig diese Drogenkonsumräume sind, weil man eins zu eins sehen kann, was passiert, wenn man diese Angebote reduziert."

Das Team des "Drob Inn" müsse nun öfter als früher mit dem Notfallkoffer nach draußen, müsse schnelle Hilfe leisten, wenn Menschen sich vor der Einrichtung zum Beispiel eine Überdosis spritzen. 

"Das machen sie auch, wenn keine Pandemie ist. Das kommt auch vor. Aber es führt natürlich dazu, dass mehr außerhalb des Drogenkonsumraumes stattfindet. Und dann natürlich unter den unhygienischen Bedingungen, so wie sie sind: im Staub, auf der Wiese, mit nicht sauberem Wasser und den ganzen Begleiterscheinungen."

Für drogenabhängige Prostituierte ist die Lage schwieriger geworden

Der Schwarzmarkt für Drogen, sagt Christine Tügel, funktioniere längst wieder. Nur die Möglichkeiten, sich durch Betteln oder Ladendiebstähle Geld für den Stoff zu besorgen, seien in Pandemiezeiten kaum noch gegeben. Auch für drogenabhängige Prostituierte sei die Lage schwieriger geworden, die Preise, für die sie ihre Körper verkauften, seien gesunken.

Also fahren jeden Tag die Freier vor dem "Drob Inn" vor, nutzen die Situation aus. Die Zahl von Vergewaltigungen, von Körperverletzungen durch diese Männer, sagt Christine Tügel, sei seit Beginn der Pandemie gestiegen.

Tügel beobachtet, dass die Verelendung der "Drob Inn"-Kundschaft in der Pandemie zugenommen hat. Eben, weil die Einrichtung längst nicht so viele Menschen wie früher reinlassen darf, auch nicht in den Café-Bereich. 

"Wenn man obdachlos und drogenabhängig ist, dann ist der Aufenthalt im Café unter anderem auch dazu gedacht, sich auszuruhen, und vielleicht auch mal im Sitzen zu schlafen. Und die Erschöpfungszustände der Menschen – ich finde schon, dass das sichtbar ist, dass wir mehr Menschen haben, die eben gesundheitlich sehr angeschlagen sind."

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