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Tacheles | Beitrag vom 26.10.2019

Fitness und PolitikSchlanke Körper für schlanke Unternehmen

Jürgen Martschukat im Gespräch mit Thorsten Jantschek

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Eine Illustration zeigt einen stilisierten Geschäftsmann, der auf einem Dollar-Laufband rennt. (imago images / Ikon Images / Ben Sanders)
Fit sein, um laufend Geld zu verdienen. (imago images / Ikon Images / Ben Sanders)

Mehr als elf Millionen Deutsche schwitzen regelmäßig in Fitness-Studios. Was als die neue Lust am Gesundsein daher kommt, sieht der Historiker Jürgen Martschukat als Trend einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Leistung sich offenbar lohnt.

Die Unternehmen haben sich längst fit gemacht für den flexiblen Kapitalismus. Lean Production ist angesagt. Organisationen werden schlanker, der Sozialstaat auch. Und immer mehr Menschen gehen in Fitness-Studios, stählen ihre Körper. Allein in Deutschland hat die Fitnessindustrie 5,7 Milliarden Euro umgesetzt.

Besteht da ein Zusammenhang? Ja, glaubt der Historiker Jürgen Martschukat. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in deren Zentrum das autonome, sich selbst steuernde Individuum steht. Um in dieser Gesellschaft bestehen und erfolgreich sein zu können, muss man diese Selbstführung ausstrahlen.

Einen fitten Körper zu präsentieren, ist also mehr als auf Gesundheit und Prävention zu achten. "Fitness", so schreibt Jürgen Martschukat in seinem Buch "Das Zeitalter der Fitness", "ist ein regulierendes, normierendes Ideal freiheitlicher, moderner Gesellschaften".

Arbeit am Selbst  

Deutschlandfunk Kultur: Was heißt es genau, im Zeitalter der Fitness zu leben?

Martschukat: Wir leben in einer Gesellschaft oder auch in einer Zeit oder einem Zeitalter, das Individualität und Autonomie so hoch schätzt wie vielleicht noch nie zuvor. Wenn wir in dieser Gesellschaft erfolgreich sein wollen, dann verlangt das Selbstverantwortung, also selbstverantwortliches Handeln, damit wir diesen Anforderungen gerecht werden können. Da sind Fragen der Prävention sehr wichtig und alle möglichen Verhaltensweisen, die vor allem auf den Körper gerichtet sind, weil der auf eine gewisse Art und Weise unser höchstes Gut ist.

Diesen Körper zu pflegen und leistungsfähig zu machen oder auch leistungsfähig zu erhalten, weil Fitness nichts ist, was bleibt. Die ist immer direkt wieder weg, wenn man sich nicht drum kümmert, das ist eine ganz wichtige Anforderung dieser Gesellschaft.

Deutschlandfunk Kultur: Nun könnte man diese sportliche Betätigung auch in Vereinen tun. Die Vereine haben auch noch ordentlich hohe Mitgliederzahlen, aber es ist frappierend, dass das immer weiter individualisiert wird durch den Gang ins Fitness-Studio, wo es dann auch vielleicht gar nicht mehr um Wettbewerb, Tore schießen, Mannschaften, die gegeneinander antreten usw. geht.

Martschukat: Ja, genau. Die Sportvereine waren – das sind sie heute auch nicht mehr – zunächst mal klassischerweise eher für so etwas zuständig, was man tatsächlich "Sport" nennen könnte. Also Sport als eine Form von körperlicher Betätigung, die in Ligen organisiert ist, in denen man gewinnen will, in denen man Punkte bekommt, wo es eine Organisationsstruktur gibt usw. usf.

Das ist bei Fitness nicht so. Das Ziel der Fitness ist weniger unmittelbar einen Wettkampf zu gewinnen, auch wenn die meisten Leute sich verbessern wollen und vielleicht insgesamt in diesem "struggle for existing", im Kampf ums Überleben, besser bestehen können wollen. Aber es geht nicht darum, einen sportlichen Wettkampf zu gewinnen, sondern an sich selbst zu arbeiten und sich leistungsfähiger zu machen.

Das kann durchaus Spaß machen und Freude bereiten. Das kann auch mit einer Form von Zwang, die man dabei empfindet, oder Druck, sagen wir mal lieber, einhergehen.

Deutschlandfunk Kultur: Was folgt daraus? Sie haben es selbst schon angesprochen. Prävention und Gesundheit spielen eine Rolle, weil sie auf den Körper bezogen sind. Aber ist es allein diese neue Lust am Gesundsein?

Martschukat: Na ja, es ist nicht nur eine Lust, sondern es ist gleichzeitig eben auch eine Notwendigkeit, um erfolgreich sein zu können. Es ist auch in hohem Maße moralisiert. Das heißt, es geht damit einher, dass bestimmte Verhaltensweisen als gut bezeichnet und betrachtet werden und andere Verhaltensweisen als schlecht oder gefährlich gebrandmarkt werden. Wer in der Lage ist, sich selbst zu kontrollieren, eben selbstverantwortlich zu agieren, der wird vor allem diese guten Lebensweisen befolgen.

Der Zwang, richtig zu leben

Deutschlandfunk Kultur: Es ist geradezu zu einer Obsession in unserer Gesellschaft geworden, dass man "richtig lebt", also richtig isst, richtig trinkt, richtig schläft, richtig spricht, richtig reist usw. Gehört das in diesen Kontext?

Martschukat: Ja, das wäre mein Argument. Ich habe jetzt nicht alle diese Punkte betrachtet, die Sie gerade angesprochen haben. Aber mein zentrales Argument ist, dass Fitness eben mehr ist als erfolgreich Sport treiben zu können. Und "erfolgreich" kann da alles Mögliche heißen – eine Feierabendrunde joggen zu können oder auch Alpen-Etappen der Tour de France nachfahren zu können oder so was. Fitness ist mehr als das, Fitness bedeutet auch erfolgreich zu sein im Beruf, produktiv zu sein, reproduktiv zu sein, attraktiv zu sein und eben den Anforderungen und Normen entsprechend ein erfolgreiches oder "richtiges" Leben zu führen.

Deutschlandfunk Kultur: Heißt das auch, dass das in der Gesellschaft Folgen nach sich zieht? Nicht jeder kann sein Leben autonom, selbstbestimmt, erfolgreich und kreativ usw. leben. Werden dadurch auch Einschluss- und Ausschlussmechanismen in Gang gesetzt?

Martschukat: Ja, über Fitness und Körper werden Differenzen markiert. Manche Menschen können aufgrund ihrer über den Körper präsentierten Leistungsfähigkeit deutlicher oder besser an Gesellschaft teilhaben als andere. Wir wissen das seit langem aus den verschiedensten Studien, dass Körperform und Aussehen sehr wichtig sind für Erfolg im Bildungssystem, aber auch für beruflichen Erfolg. Verschiedene Betrachtungen von Kollegen aus der Soziologie haben auch gezeigt, dass das im Kindesalter anfängt und sehr stark normierende Kraft ist, die eben manche Menschen mit mehr Chancen, an gesellschaftlichen Ressourcen teilzuhaben, ausstattet als andere.

Politik der Körper

Deutschlandfunk Kultur: Ist insofern der Fitness-Diskurs ein politischer?

Martschukat: Er ist politisch, weil er dazu beiträgt, Gesellschaften zu ordnen und über Ein- und Ausschluss mit zu entscheiden. Ich glaube, das muss man jetzt nicht so sehen, dass das eine dogmatisch-diktatorische Kraft ist, aber das ist schon eine Kraft, die ganz wesentlich dazu beiträgt, das zu regulieren.

Deutschlandfunk Kultur: Sie gebrauchen dafür auch den Begriff der "Bio-Politik". Das ist ein Begriff, der aus dem Kontext von Michel Foucault, dem Philosophen aus Frankreich, in die Welt gekommen ist. Der sagt, dass über die Körper auch regiert wird oder an den Körpern regiert wird, dass Macht ausgeübt wird, und zwar Macht, die sich durchaus auch im Rücken des Subjekts ereignet, also nicht im physischen Rücken, sondern sich im unentdeckten Ausführen von Handlungen und dem Befolgen von Normen zeigt.

Martschukat: Ja, genau. Also, das Argument der Bio-Politik ist hier tatsächlich sehr wichtig. Erstmal ist, glaube ich, wichtig, wenn Sie die Macht ansprechen, dass Macht auch nicht nur so gedacht werden darf, als wenn sie verhindert und einschränkt, sondern Macht ist in diesem Kontext durchaus auch produktiv gedacht. Also, das heißt, es werden – und das sieht man dann vor allem in der Geschichte im Groben und Ganzen seit dem 19. Jahrhundert vermehrt, dass es darum geht, die Produktivität anzureizen, die Produktivität der Menschen und dessen, was man als "Bevölkerung" bezeichnet. Also, die Bevölkerung wird zu einem Objekt, das reguliert werden will.

Das fängt damit an, dass man anfängt, statistisch zu erfassen, Bevölkerungen zu messen, Körper zu messen und damit eben auch Körper zu regulieren in dem Bestreben, deren Fähigkeiten, Produktivität, Reproduktivität, Wehrhaftigkeit zu verbessern und zu optimieren. Diese produktive Form der Macht ist erstens regulierend und ausschließend. Also, es gibt dann diejenigen, die nicht dazu gehören oder die nicht so sehr dazu gehören. Das muss nicht ein hundertprozentiger Ausschluss sein, sondern gerade diese Graduierungen sind wichtig in den Blick zu bekommen. Zweitens ist es eine Macht, die uns auch dazu anhält, unser Leben auf eine bestimmte Art und Weise zu führen.

Fitness vs. Fatness

Deutschlandfunk Kultur: Gehört zu diesem "Normieren" auch, dass man sagt, "also, fit ist die eine Seite, fett ist die andere Seite" und dass Dicksein dadurch auch stigmatisiert wird, weil es nicht normal ist?

Martschukat: Ja, genau, weil es an vermeintlich schlechte Verhaltensweisen und eine angeblich schlechte Lebensführung gekoppelt wird und auch als Zeichen von Versagen in der alltäglichen Lebensführung gebrandmarkt wird. Dieses Miteinander von Fitness und Fatness ist ganz wichtig, auch um gewissermaßen den Anreiz zu Fitness und zur körperlichen Aktivität auch immer wieder zu betonen.

Deutschlandfunk Kultur: Leistungskraft, Eigeninitiative, Selbstführung - das sind Kriterien, die eigentlich in der Arbeitswelt total wichtig sind. Heißt das, dass auch diese Art von Fitness dann für die Arbeit erzeugt wird?

Martschukat: Ja, das ist sehr interessant. Dicksein hat ja lange als ein Zeichen von Erfolg gegolten, auch von beruflichem und finanziellem Erfolg.

Deutschlandfunk Kultur: Es gab mal eine "fat man society".

Martschukat: Genau, die "fat man society" oder der dicke erfolgreiche Unternehmer. Die haben sich dann in diesen Societies und Clubs getroffen. Und das ist durchaus auch ein Bild, was im frühen 20. Jahrhundert das erste Mal kritisiert und hinterfragt wurde, aber vermehrt dann ab den 1970er-Jahren. Der erfolgreiche Unternehmer und Manager heutzutage ist eher der schlanke durchtrainierte Typ, der am besten ein Laufband in seinem Büro hat…

Deutschlandfunk Kultur: … während er die Aktienkurse beguckt.

Martschukat: Genau, während er die Aktienkurse beguckt. Das sieht man nicht nur auf der Top-Management-Ebene, sondern in den 1970er/80er-Jahren beginnt sich durchzusetzen, was man "Corporate Fitness" nennt, also, dass Unternehmen anfangen, Infrastrukturen bereitzustellen, in denen ihre Arbeiter oder Angestellte dann trainieren und an sich selbst arbeiten können.

Das heißt in zeitgenössischen Kommentaren, das finde ich dann immer sehr nett: "Die Zeit der Drei-Martini-Lunches", wo man zum Mittagessen gegangen ist und Martinis getrunken hat, in den USA wohl mehr als hierzulande, sei in den 70er, 80er Jahren vorbei.

Workout statt Kantine?

Deutschlandfunk Kultur: An die Stelle ist jetzt das getreten, was im Deutschen "Betriebssport" heißt.

Martschukat: Ja, sollte jetzt trainieren in der Mittagspause, eine Runde laufen gehen, weil, es braucht fitte Körper für fitte Unternehmen. Aber "Betriebssport" ist ein bisschen altbacken. Die Geschichte, die aus dem 19. Jahrhundert dann in Deutschland vor allem im 20. Jahrhundert sich etabliert hat, wo Unternehmen in so einer – sagen wir mal – paternalistischen Art und Weise die Lebensführung ihrer vor allem Arbeiter kontrollieren wollten. Die sollten dann in der Freizeit im Arbeitersportverein sein, statt in die Kneipe zu gehen.

Heute redet man dann eher von "betrieblichem Gesundheitsmanagement". Das setzt stärker auf so was wie die Selbstführung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist sowieso so ein, sagen wir mal, "Trick" an der ganzen Geschichte, dass wir immer selbstmotiviert und aus eigenem Antrieb heraus handeln sollen.

Deutschlandfunk Kultur: Was ein Widerspruch in sich ist. Selbstmotiviert "sollen" geht irgendwie nicht gut zusammen – entweder "selbstmotiviert" oder "sollen", autonom oder heteronom.

Martschukat: Ja, aber das Interessante ist, dass Infrastrukturen bereitgestellt werden oder dass Werte produziert und Normen etabliert werden, die uns dann schon dazu anreizen, selbstmotiviert zu handeln. Es gibt Unternehmen, die bauen Laufbahnen auf ihrem Firmengelände, stellen Swimmingpools zur Verfügung, aber niemand wird gezwungen, da hinzugehen.

Es gibt aber auch solche Unternehmen, die gründen zum Beispiel Fonds. Da können Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beantragen, Geld aus diesen Fonds zu bekommen, um zum Beispiel proaktiv eine Laufgruppe auf den Weg zu bringen. Anreize-Setzen, das ist auch die Art und Weise, wie der Sozialstaat heute mehr und mehr funktioniert, also nicht mehr fürsorgend, sondern Anreize zum selbstmotivierten Handeln zu setzen.

Deutschlandfunk Kultur: Das berühmte "Nudging".

Martschukat: Ja, genau.

Die Angestellten als Problemzone

Deutschlandfunk Kultur: Was ist denn eigentlich passiert in der, Sie haben es angesprochen, diese Art von Betriebssport - oder auch– ich glaube, das nennt sich "industrial recreation" - zielt darauf, dass die Arbeiter nicht in die Kneipe gehen, also nicht faul sind, sondern tatsächlich ihren Körper fit machen, auch für die Arbeitswelt. Da hat sich in den 20er-Jahren eine ganz neue Angestelltenschicht entwickelt, die "white collars". Da gibt es ein anderes Narrativ, nämlich es gilt, die Ermüdung zu bekämpfen, die durch den Büroalltag entsteht. Oder?

Martschukat: Ja, der Angestellte ist das große körperpolitische Problem der Moderne, weil der Angestellte eine Figur ist, die erst im späten 19. Jahrhundert anfängt zu entstehen. Vorher hat es die an sich gar nicht gegeben, weil es diese Funktion in dieser Form und in dieser Häufigkeit im Produktionsprozess gar nicht gegeben hat. Der Angestellte ist dann aber auch einer, der seinen Körper nicht mehr bei seiner Arbeit benutzt und damit auch seinen Körper nicht mehr fit hält.

Gleichzeitig kommen wir aber eben im frühen 20. Jahrhundert in eine historische Phase, in der genau diese körperliche Fitness sehr stark eingefordert wird und in der sehr viele Kräfte die privilegierte Position von weißen Männern infrage stellen. Der Angestellte ist zunächst mal vorzugsweise als "weißer Mann" beschrieben. Das ist auch total interessant. Ganz viele Frauen arbeiteten in den Büros, aber die Figur des Angestellten ist erstmal männlich.

Der benutzt seinen Körper nicht mehr bei seiner Arbeit, schlafft demzufolge ab und droht dann im Gesamtwettbewerb von Individuen, Bevölkerungen, Nationen hintüber zu fallen und dadurch zu einem Problem zu werden. Da entsteht dann tatsächlich so was wie die erste große Fitness- und Trainingswelle in dieser Zeit, die sich vorzugsweise auf die Körper der Angestellten richtet.

Deutschlandfunk Kultur: Die "körperlich widerstandslosen Gehirnkrüppel", wie es in dieser Zeit der Ruderer Richard Nordhausen genannt hat.

Martschukat: Ja, genau.

Neue Helden

Deutschlandfunk Kultur: Es gibt aber noch ein anderes interessantes Motiv, das Sie herausarbeiten. "Wenn es um Fitness geht oder wo Fitness auf dem Spiel steht", schreiben Sie, "da sind Heldenmetapher und Heldenfiguren nicht weit." Wie kann man sich denn das erklären?

Martschukat: Ich bin da zunächst mal von einer gegenwärtigen Beobachtung ausgegangen. Wenn man durch die Stadt geht oder auch auf den diversen Webpages surft, dann wird sehr viel mit dieser Heldenfigur operiert. Das, was man so "Volkslauf" nennt, das sind dann die "Heldenläufe". Die tauchen überall auf.

Deutschlandfunk Kultur: "From Zero to Hero" wirbt ein Fitness-Studio.

Martschukat: Das ist genau die Message. Jeder und jede kann etwas aus sich machen. Das ist die Botschaft. Wir alle können Dinge leisten, von denen wir nicht geglaubt haben, dass wir oder man überhaupt, Mensch überhaupt sie leisten können, wenn wir bereit sind, dafür Opfer zu bringen, dafür hart an uns zu arbeiten, zu trainieren, literweise Schweiß zu vergießen, unser Leben umzustellen.

Unerwartetes und geradezu Übermenschliches leisten zu können und bereit zu sein, dafür Opfer zu bringen, das ist die zentrale Beschreibung des Helden. Jetzt ist man da natürlich ein bisschen irritiert. Wenn man die Debatten in den vergangenen Jahren verfolgt hat, dann heißt es: "Wir leben im postheroischen Zeitalter. Wir brauchen eigentlich gar keine Helden mehr." Also, erstens, es kann sein, dass sich das in den letzten Jahren auch auf der militärischen Ebene wieder verändert hat und zweitens sieht man gerade im Fitness-Bereich diese Heldenfigur überall.

Wenn man das dann historisch zurückverfolgt, kann man sehr weit zurückgehen. Man kann aber auch einen Bruch genau in diesen 70er-, 80er-Jahren sehen, als das Ende des Kriegshelden und das Ende der Heldenfigur überhaupt beschrieben wurde. Aber dann heißt es: "Na ja, man könne dem auch was entgegensetzen und alle die Menschen, die es schaffen, mit den alltäglichen Konflikten und Kämpfen zurechtzukommen und in denen zu überleben, das sind unsere wahren Helden." Da ist man dann wiederum ganz schnell bei dieser Fitness-Metaphorik, die daran anschließt.

Deutschlandfunk Kultur: Das Merkwürdige daran ist: Auf der einen Seite erleidet man Qualen, unterwirft sich einem harten Training, also Unterwerfung – und das Ganze vor dem Hintergrund dieses gestiegenen oder gesteigerten Individualismus auf der anderen Seite, wo Leistungskraft, Eigeninitiative und Selbstführung eine Rolle spielen. Klemmt da nicht etwas begrifflich?

Martschukat: Ja, das stimmt. Und ich denke auch, wenn man hier von "Unterwerfung" spricht, dann ist eben genau diese Unterwerfung meinetwegen in Anführungszeichen zu setzen, weil sie immer ein freiwilliger, selbst gesteuerter Akt ist. Fitness ist keine Diktatur, die Leute zu irgendwas zwingt, obwohl die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Diktatur befassen, auch schon lange gezeigt haben, dass da das Mitmachen sehr wichtig ist. Aber Fitness operiert über Motivation, über Anreize. Vielleicht ist es gerade deswegen noch viel schwieriger, sich dem zu entziehen oder widerständig zu sein.

Krieger im Sportstudio?

Deutschlandfunk Kultur: Um mal was aus der eigenen Lebenswelt zu plaudern: Ich betreibe so einen Sport, in dem es darum geht, an die Grenzen und darüber hinaus zu gehen, das würde in Ihr Helden-Narrativ passen – ich habe mich da noch nie als Held gefühlt. Und beim Workout of the Day im CrossFit, so heißt es, da kommt man rein und da steht schon das Programm, das man zu absolvieren hat, an der Tafel und wird dann absolviert. Man "unterwirft" sich da. Ich erlebe das - persönlich gesehen – als komplette Freiheit. Ich muss mal für eine Stunde lang gar nichts entscheiden. Das ist das Schöne daran. Man geht hin, macht das und geht wieder.

Martschukat: Diese Ambivalenz oder diese Doppelstruktur ist auch ganz wichtig, um zu verstehen, was da passiert. Nichts desto trotz wäre im Fall von CrossFit, korrigieren Sie mich, wenn ich da nicht ganz richtig liege, vor fünf oder zehn Jahren noch niemand auf die Idee gekommen, bei CrossFit abschalten zu wollen, oder vorher …

Deutschlandfunk Kultur: Das stimmt.

Martschukat: Vor mehr als, sagen wir mal, vor den 70er-Jahren wäre zunächst mal niemand auf die Idee gekommen, eine Runde laufen zu gehen, um abends nochmal runterzukommen. Das war eine geradezu absurde Vorstellung. Und ist aus heutiger Perspektive, also, für so Menschen wie mich als Historiker, ist es auch ein bisschen lustig und interessant, Trainingsratgeber aus den 60er-Jahren zu lesen. Da steht, man solle vielleicht mal ein bisschen Golf spielen gehen, aber eigentlich solle man sehen, dass man nicht ins Schwitzen kommt und zu viel Bewegung ist ja auch nicht attraktiv, bisschen Maßhalten, ja, aber …

Ich will sagen, auch wenn es zutiefst befriedigend sein kann, ist das trotzdem etwas, was gleichzeitig zutiefst historisch ist und innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Diskurse und Anforderungen stattfindet: Auch unsere befriedigenden Erfahrungen finden nicht außerhalb von Geschichte statt.  

Deutschlandfunk Kultur: Diese Geschichte zeigt sich, wo wir gerade über die Helden gesprochen haben, daran, dass – und das blättern Sie sehr schön auf – der Bürger eigentlich nur Held werden konnte im Krieg. Reife, Mut, Tapferkeit und so was zu zeigen, war nur möglich für einen Bürgerlichen in genau diesen Kontexten.

Wenn man jetzt eine Linie zieht, welche Rolle der Körper im Militär gespielt hat, dann kommt man von Preußen, wo das Turnen besondere Ausprägung hatte und bessere Soldaten produziert hat, bis hin zum Nationalsozialismus und dem militärischen, heroischen Körperkult. Also, "Kraft durch Freude", diese Organisation, gab es damals. Da ging es doch um nichts anderes. Steckt etwas von dem, von dieser Geschichte, in meinem Work out of the Day noch drin?

Martschukat: Also, ich …

Deutschlandfunk Kultur: Wäre mir ein bisschen unangenehm.

Survival of the Fittest?

Martschukat: Ja, kann ich nachvollziehen. Ich teile das auch. Ich würde schon sagen, dass das An-sich-Arbeiten und dieses Trainieren, um sich körperlich leistungsfähiger zu machen, auch immer auf eine Art militärisch grundiert ist. Es gibt einen fantastischen Dokumentarfilm. Der ist, glaube ich, schon von 1990 oder so von einem Dokumentarfilmer. Der heißt Bernd Mosblech und der Film heißt "Alte Kameraden". Da sagt der eine alte Radsportler zu dem anderen alten Radsportler: "Ein guter Soldat ist immer auch ein guter Sportler." Oder vielleicht ist es auch andersrum: "Ein guter Sportler ist immer auch ein guter Soldat."

Es sind schon Anforderungen, die gestellt werden sowohl im Fitness-Sport, ob das jetzt CrossFit oder Radsport ist, die militärischen oder körperlichen Voraussetzungen von militärischem Erfolg nicht unähnlich sind. Das heißt nicht, dass jeder Sportler ein Militarist ist. Zum Beispiel ist die Laufbewegung, mit der ich mich ein bisschen mehr befasst habe, der 1970er-Jahre stark aus der Gegenkultur heraus entstanden. Trotzdem würde ich sagen, dass hier Mechanismen am Werk sind, die ganz ähnlich funktionieren.

Deutschlandfunk Kultur: Hing das damit zusammen, dass dieser Begriff der Fitness letztendlich aus der Biologie in unsere Gesellschaft geschwappt ist, also Darwins "Survival of the Fittest"?

Martschukat: Das hängt damit schon zusammen, dass Fitness mit Kampf und – heute würde man sagen – Wettbewerb verbunden ist. Das ist auch schon ein wichtiger Faktor dafür, dass es so ähnliche Strukturen und Konnotationen oder immer auch eine militärische Grundierung bei Fitness oder im Sport gibt.

Darwin ist historisch natürlich eine sehr wichtige Figur für die Geschichte der Fitness. Darwin hat die Idee des Wettbewerbs nicht erfunden, aber was Darwin in seinen Schriften über "The Origens of Species" …

Deutschlandfunk Kultur: … "Die Entstehung der Arten" …

Martschukat: … was Darwin da gemacht hat, ist, dass er den Wettbewerb als eine Art Naturnotwendigkeit beschrieben hat, der das Leben reguliert. Das ist sehr schnell von der damals entstehenden Soziologie in der zweiten oder im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgegriffen worden…

Deutschlandfunk Kultur: Von Herbert Spencer.

Martschukat: Spencer und andere auf ganz breiter Ebene. Das ist immens eingeschlagen, um das Funktionieren von Gesellschaften zu verstehen.

Was jetzt für das Fitness-Konzept sehr interessant ist: Wenn man sich Darwin etwas genauer anguckt, dann hat Darwin nur noch einen sehr statischen Fitness-Begriff. Es geht um Organismen oder Lebensformen, die am ehesten in eine bestimmte Umwelt passen, aber weniger um solche, die sich proaktiv, autonom, selbständig durch Arbeit an sich selbst passend machen. Das ist aber etwas, was sich dann genau im Anschluss an Darwin und auch in der Rezeption seiner Arbeit entwickelt.

Deutschlandfunk Kultur: Ich habe ein Zitat gefunden von einem Fitness-Guru, der 1899 die Zeitschrift "Physical Culture" gegründet hat. Der hat geschrieben: "Schwäche ist ein Verbrechen". Das ist einfach so ein wahnsinnsnormativer Satz, dass man sagen kann, man muss an sich selbst arbeiten.

Martschukat: Ja, auf jeden Fall. Also, das ist dann von Bernarr Macfadden, diesem Fitness-Guru. Und das ist aber dann halt auch einer der Typen, der das eben am radikalsten vertreten hat. Und interessant ist die Figur auch deshalb, weil er ein großes Imperium gegründet hat, ein Medienimperium, also, das heißt, dass er auch durchaus ein ökonomisches Interesse daran hatte, diese Botschaft zu verkaufen.

Widerstand gegen die Fitnessnormen

Deutschlandfunk Kultur: Kann man aber dann nicht sagen: "Auf der Rückseite von Selbstführung und Eigeninitiative steht Schwachsein und individuelles Scheitern an der eigenen Fitness." Wir haben diesen ganzen Fitness-Boom der 80er- und 90er-Jahre, Jane Fonda und die Aerobic usw. Gibt es da jetzt auch schon eine Gegenbewegung, also dass Nicht-Fitness als gesellschaftliches Ausschlusskriterium politisch markiert wird?

Martschukat: Ja, bevor ich dazu komme, vielleicht noch: Ganz wichtig ist mir noch zu betonen, und das ist etwas, worüber wir eben auch schon gesprochen haben, dass es auch sicher Menschen und vielleicht sogar viele Menschen gibt, die möglicherweise davon gar nicht oder nicht wirklich oder nicht so sehr berührt sind, nicht so affiziert sind. Man kann auch einfach mal auf dem Sofa liegen, genauso wie man eine Runde drehen kann oder ins Studio gehen kann, ohne dabei diese Zwanghaftigkeit zu spüren. Das ist, glaube ich, erstmal ganz wichtig festzuhalten.

Dann gibt es auch die Leute, die bewusst und dezidiert dagegen angehen. Im Amerikanischen sind das die sogenannten Fat Activists, also die Fett-Aktivisten und Aktivistinnen, die sich in den 70er-Jahren schon gegen die diskriminierenden Auswirkungen des Körper-Hypes und des Fitness- und Leistungs-Hypes und der damit einhergehenden Gleichsetzung von Dicksein = Unproduktivsein zur Wehr setzen. Die setzen das ganz bewusst in einen politischen Kontext schon in der Zeit und das auch bis heute, indem sie sich als eine Organisation verstehen, die Teil der Bürgerrechtsbewegung und der sozialen Bewegungen dieser Zeit ist. Was ja heute sehr sichtbar ist, ist die Body-Positivity-Bewegung.

Deutschlandfunk Kultur: Der Hashtag "#bodypositive" in den sozialen Medien etwa.

Martschukat: Die eben ein positives Verhältnis zum eigenen Körper befördern will und will, dass eben nicht jede Form unseres eigenen Tuns und nicht jeder Winkel des eigenen Körpers auf das Fett bezogen wird. Interessant finde ich auch zu beobachten: Wenn man in medizinische Fachzeitschriften guckt, was ich ab und an mal gemacht habe, um diese Auseinandersetzungen über die Bedeutung von Körperfett besser verstehen zu können, dass auch da mittlerweile Kontroversen geführt werden über die Krankhaftigkeit von Körperfett, dass das alles nicht mehr so eindeutig beurteilt wird und da durchaus auch Konfliktpotenzial drin ist.

Deutschlandfunk Kultur: Das heißt, Wissenschaft und politischer Aktivismus gehen da Hand in Hand. Ist das schon der Beginn des Endes der Fitness-Gesellschaft?

Martschukat: Also, "Hand in Hand" ist vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber es gibt Stimmen in der Medizin, die zum Beispiel auch darauf hinweisen. Das ist ein Argument, was die Fat-Activists machen und die Anhänger der Body-Positivity-Bewegung, dass auch dieses andauernde Diäthalten der Gesundheit überhaupt nicht zuträglich ist und dass es meist der Gesundheit zuträglicher ist, ein positives Verhältnis zum einen Körper zu haben. Das sind Argumente, die auch in Bereichen der medizinischen Forschung gerade ankommen.

Ob wir am Ende des Zeitalters der Fitness sind, das ist schwer zu beurteilen. Dann wäre mein Buch jedenfalls genau zum richtigen Zeitpunkt rausgekommen. Aber was man schon beobachten kann, ist, dass kritische Töne zunehmen, dass Widerstände zunehmen. Aber ich versuche Fitness als ein gesellschaftliches Phänomen zu verstehen, das als ein ganz zentraler Bestandteil unserer sehr auf Markt und Wettbewerb und Durchsetzungsfähigkeit ausgerichteten Gesellschaft zu betrachten ist. Ich glaube, dass wir vielleicht das Ende des Zeitalters der Fitness beobachten können, wenn sich auch in der gesamten Gesellschaft diese Formation etwas verändert.

Buchtipp: Jürgen Martschukat "Das Zeitalter der Fitness", S. Fischer Verlag, 346 Seiten, 25 Euro

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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