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Weltzeit | Beitrag vom 28.10.2019

Finnland als KI-TestlaborKünstliche Intelligenz für alle!

Von Jenni Roth

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Informatikprofessor Teemu Roos von der Universität Helsinki und Marketingleiter Ville Valtonen entwickelten den erfolgreichen Online-Kurs „Elements of AI“. Hier sind sie im Büro der Beratungsfirma Reaktor. (Jenni Roth)
Informatikprofessor Teemu Roos (links) und Marketingleiter Ville Valtonen entwickelten einen erfolgreichen finnischen KI-Kurs. Bald soll er auch auf Deutsch erscheinen. (Jenni Roth)

Finnlands Regierung macht seine Bürgerinnen fit für die Digitalisierung – und das kleine Land zum KI-Testlabor. Denn Europa dürfe die Zukunft nicht den USA und China überlassen. Kernelement ist ein Online-Kurs, der den Alltag verändert.

Helsinki. Zwei Gehminuten vom Hauptbahnhof besuche ich Topi Manu. Der Fahrstuhl bringt uns ganz nach oben in sein Hochglanz-Büro im achten Stock. Hier sitzt Fourkind, eigentlich ein Beratungsunternehmen für Design und Analyseverfahren, aber neuerdings dreht sich fast alles um KI, künstliche Intelligenz.

"Wir haben ein System entwickelt, das testet, wie gut ein Whiskey-Rezept funktioniert. Dieser Algorithmus hat zwei Teile: Erst entwickelt er neue Rezepte auf Basis der Daten, mit denen wir ihn füttern, und anschließend bewertet er die Rezepte."

Was wie eine lustige Spielerei klingt, führt Topi Manu gleich vor. Der Geschäftsführer schenkt Whiskey in drei Kristallgläser ein.

"Wenn ein Mensch ein neues Rezept entwickelt, muss er es planen, mischen, abschmecken. Das ist viel Aufwand. Ein Computer schafft Millionen Rezepte in der Zeit, in der ein Mensch ein einziges entwickelt."

Topi Manu (rechts) ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Fourkind in Helsinki und zeigt stolz auf dem Sofa seinen Whiskey aus dem KI-Labor. (Jenni Roth)Topi Manu (rechts) ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Fourkind in Helsinki und zeigt stolz seinen Whiskey aus dem KI-Labor. (Jenni Roth)

Der Whiskey – hergestellt mit Hilfe künstlicher Intelligenz – soll erst der Anfang in Finnland sein. Das Land will aufsteigen zu Europas KI-Testlabor. Schon 2017 hat die finnische Regierung eine nationale Strategie für künstliche Intelligenz verkündet. Seither entstehen überall im Land Initiativen, Kompetenzzentren – und viel Geld wird investiert. Neu ist, dass nicht nur die Unternehmen von KI profitieren sollen, sondern die ganze Gesellschaft.

Neue Alphabetisierung für das Digitalzeitalter

Am Anfang stand das Ein-Prozent-Ziel. Ein Prozent der 5,5 Millionen Finnen sollte lernen, was KI überhaupt ist, was sie kann und was nicht. Dafür hat ein Team rund um den Informatikprofessor Teemu Roos von der Universität Helsinki den Online-Kurs "Elements of AI" entwickelt.

"Im Zuge der KI-Strategie wurden wir gefragt, ob wir etwas beisteuern könnten. Ich hatte einen Kurs für Informatikstudenten, aber der war natürlich nicht massentauglich. Also wollten wir den Kurs umformen – und es war ein glücklicher Zufall, dass in dem Moment der richtige Partner dafür auftauchte."

Der Partner heißt Reaktor. Ein Beratungsunternehmen, das den Kurs massentauglich und bekannt machen sollte. Im Büro direkt neben der Uni Helsinki erklärt Marketingleiter Ville Valtonen die Hintergründe:

"Es bringt nichts, wenn man besten Kurs der Welt hat, aber keiner erfährt davon. Das wäre typisch Finnisch. Wir erfinden immer die besten Sachen, die dann keiner kennt. Karelische Piroggen zum Beispiel."

In diesem Fall lief es aber anders. Der Kurs landete 2018 frei verfügbar im Netz – auf Finnisch und Englisch – und nach nicht mal vier Monaten war das Ziel erreicht: Ein Prozent der Finnen – also 55.000 – hatten ihn absolviert. Mittlerweile sind es weltweit mehr als 200.000 Zugriffe. Tendenz steigend.

Als ich mir den Kurs angucke, bin ich überrascht vom Umfang – mehrere Wochen sollen die Nutzer eintauchen in die Materie, um zum Beispiel zu lernen, was künstliche neuronale Netze sind und warum sie in der Bild- und Spracherkennung eine kleine Revolution ausgelöst haben, die inzwischen einige im Wohnzimmer stehen haben: "Hallo Alexa."

Auch mit Deep Learning, Big Data, der linearen Regression und der Bayes-Formel befassen sich die Kursteilnehmer sehr intensiv, viele in ihrer Freizeit. Andere bekamen Anreize: Rund 250 finnische Konzerne haben ihre Mitarbeiter motiviert, an dem Kurs teilzunehmen: darunter Größen wie der Telekomanbieter Elisa oder der Papierkonzern Stora Enso. Und auch die finnische Regierung schulte ihre Mitarbeiter auf diese Weise. Das Wirtschaftsministerium hält KI für entscheidend im internationalen Wettbewerb – vor allem mit den USA und China.

"Finnland und Europa müssen die Regeln für KI festlegen. Da haben wir eine Verantwortung. In China ist das alles nicht demokratisch und in den USA wiederum sehr profitorientiert, gesteuert von großen Unternehmen."

Ein europäischer Weg müsse her, sagt Informatikprofessor Teemu Roos, in der Demokratie mitgedacht werde.

Die Nutzer und der Nutzen

Marjut Uusmäe ist 36 und eine derjenigen, die über die sozialen Medien und die Nachrichten vom Kurs erfahren haben. Sie ist Immobilienmaklerin für Luxuswohnungen. Aus ihrem Bürofenster blickt sie auf den Hafen. Auf dem Tisch: nichts außer ihrem iPad.

"In der Immobilienbranche kommt man um die Digitalisierung nicht herum. Sie ist überall wichtig, bei Kreditvergaben, Kalkulationen oder beim Kundenservice.

Also macht auch Marjut den "Tekoäly"-Kurs, so heißt KI auf Finnisch. Am Anfang steht die Frage: Was ist ein Roboter und was künstliche Intelligenz? Gar nicht so einfach, weil auch die Wissenschaft noch keine klare KI-Definition hat. In relativ simplen Texten gibt es dazu anschauliche Beispiele und ansprechende Illustrationen. Das zu verstehen, erfordert aber viel Energie.

"Einen Teil habe ich zu spät abends gemacht. Ich dachte, ach, ist ja nur ein Onlinekurs. Ich habe das unterschätzt und war abends viel zu müde. Am Ende hatte ich lauter Fehler. Das hat mich schon frustriert – aber auch motiviert, mich mehr anzustrengen."

Tatsächlich ist der finnische KI-Kurs kein läppisches Dreiminutenquiz. Es gibt sechs Teile, eine Mischung aus Theorie und praktischen Übungen, von maschinellem Lernen bis zu den Grundlagen des Programmierens. Und insgesamt sollte man dafür 60 bis 90 Stunden einplanen. Für ein Abschlusszertifikat muss man wenigstens 90 Prozent des Kurses absolviert und die Hälfte richtig gelöst haben, sagt Entwickler Teemu Roos.

"Wir mussten uns ja abheben von anderen Angeboten. Es gibt so viele Kurse mit Erklärvideos. Ich finde, die ideale Art zu lernen geht anders."

Dabei geht es Roos nicht darum, dass die Teilenehmer programmieren lernen, sondern dass sie verstehen, wo KI schon jetzt im Leben eine Rolle spielt. Auch Immobilienmaklerin Marjut sieht die Welt nun anders:

"Ich habe im Stadtteil Vuosaari Wohnungen verkauft. Dort wurden diesen Sommer selbstfahrende Busse getestet. Und jetzt, wo ich den Kurs mache, verstehe ich das auch technisch, in der Theorie. Das ist wichtig, weil es einem die Angst nimmt. Die Menschen fürchten oft das Neue: Chatbots im Internet, Telefonroboter oder eben einen selbstfahrenden Bus."

Auch Gefängnisinsassen absolvieren den KI-Kurs

Das sind nur wenige Beispiele für künstliche Intelligenz, die möglichst alle Finnen besser verstehen sollen. Dazu gehören mittlerweile auch Gefangene.

Esko heißt eigentlich anders. Nur soviel: Er ist 30 Jahre alt, sitzt seit sechs Jahren im Gefängnis und sieben hat er noch vor sich. Aus der Gefängnisbibliothek kann er sich ins Intranet einloggen, auf abgesicherten Seiten surfen – und per Skype telefonieren:

"Künstliche Intelligenz wird immer mehr Teil unseres Alltags. Und wenn man nach langen Jahren aus dem Knast kommt, wenn man die ganze Zeit kein Smartphone in der Hand hat und auf dem Laufenden bleibt, ist man hinterher ganz schön aufgeschmissen."

Zumindest bisher. Nun hat das finnische Justizministerium das "Smart prison"-Programm aufgelegt. Esko war der zweite Gefangene, der den Kurs erfolgreich bestanden hat und das Zertifikat erhielt. Aber damit nicht genug: In Hämeenlinna in der Nähe von Helsinki entsteht gerade ein neues, modernes Frauengefängnis, in dem es in jeder Zelle eigene Tablets geben wird. Das hat auch mit einem neuen Gesetz zu tun, nach dem Häftlinge ein Recht auf Internet und E-Mails haben. Und eben auf den KI-Kurs, der auch in den Gefängnissen gut angenommen wird.

Und den vielen Kommentaren im Kurs-Forum nach zu schließen, sind die Leute auch sonst voll bei der Sache. Die Immobilienmaklerin Marjut sowieso.

"Ich wusste vorher nichts vom Satz von Bayes, von Priori- oder Posteriori-Koeffizienten. Aber wenn man den Teil mit dem Maschinenlernen macht, versteht man schon mehr. Alles baut aufeinander auf, und man versteht sogar die Wahrscheinlichkeiten."

Wahrscheinlichkeitsrechnung ist laut Kurs ein Schlüsselelement der künstlichen Intelligenz: Fast alle aktuellen KI-Anwendungen basieren zumindest teilweise auf Wahrscheinlichkeiten. Dabei geht es nicht um das Berechnen der Gewinnzahlen im Lotto, sondern um das Einschätzen von Alltagsrisiken, erklärt Kursmacher Ville Valtonen.

"KI hilft, mit Unsicherheiten umzugehen, zum Beispiel bei der Impfgegner-Debatte. Die Menschen haben Angst, weil sie nicht wissen, welche Nebenwirkungen eine Impfung hat. Also schlussfolgern sie, dass sie gefährlich ist – und wollen ihr Kind nicht impfen lassen."

Im Onlinekurs gibt es passend dazu Rechenaufgaben zu medizinischer Diagnostik. Auch Wettervorhersagen werden thematisiert. Wer bei allen Übungen mitkommt, ist in seinem Technikverständnis weltweit wohl vorn dabei. Für Finnland keine neue Erfahrung.

Nokias Erbe und die Zukunft

Ein Roboter huscht durch die Regale und sucht das passende Buch heraus. In Helsinkis neuer Bibliothek Oodi ist das ganz normal. Der gesamte Buchbestand wird mittels künstlicher Intelligenz vollautomatisch organisiert – ganz nach Nachfrage der Kunden. Hier treffe ich Jouni Miikki. Der junge Mann lehnt freudig in einem Schaukelstuhl. Er ist Unternehmer, Projektmanager, Data Manager, kann programmieren und kennt sich einfach aus. Trotzdem hat er den Online-Kurs "Elements of AI" absolviert.

"Es gibt immer Neues! Ich frage mich immer: Hab ich was verpasst? Hab ich was falsch verstanden? Es ist so wie einen Film nochmal gucken, wo dann Aha-Erlebnisse kommen, weil man mehr Hintergrundwissen hat. Und es war toll zu sehen, was die anderen so posten und schreiben. Die Aufgabe zur Definition von KI, da habe ich gar nicht mehr aufhören können zu schreiben. Ich würde ja sagen: KI ist für unsere Gesellschaft die Rettung."

Finnland also als Weltretter? Zumindest sind die Finnen europäischer Vorreiter in der KI-Szene findet Kursteilnehmerin Marjut Uusmäe und erklärt, warum:

"Finnland hat eine lange Geschichte mit IT-Unternehmen, mit Nokia. Es gibt eine lange Tradition der Ingenieurskunst. Und: In kleineren Staaten sind Pilotprojekte leichter umsetzbar. Die Leute sind offener, die Bürokratie ist kleiner, Staat und Privatsektor arbeiten zusammen, das beschleunigt die Entwicklung und macht sie effizient."

Nokia war einst Weltmarktführer bei Handys. Verantwortlich für ein Viertel der Wirtschaftsleistung von ganz Finnland. Nach dem Niedergang hat Nokia jetzt immerhin noch 100.000 Beschäftigte. Viel wichtiger ist aber das gesellschaftliche Erbe: Die Finnen sind technologieaffin, haben eine hohe Digitalkompetenz und stehen neuen Entwicklungen offen gegenüber. Das sei in Deutschland anders, höre ich von meinen Gesprächspartnern immer wieder. Und Finnland habe den Vorteil eines Wirtschaftssystems mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen, mit flachen Hierarchien und flexiblen Strukturen, so Marketing-Experte Ville Valtonen:

"Wir sind ein großes Land mit wenig Menschen. Wir haben nur die Natur, kaum Rohstoffe – und mit Holz allein kommen wir nicht weit. Wir haben auch keine Fußballer wie Brasilien. Dafür aber viele gut gebildete Leute, auf die man bauen kann, und die offen sind für KI, sich dafür interessieren. Und daraus müssen wir etwas Neues erschaffen, eine neue Spitzenposition erarbeiten." 

Algorithmen steuern künftig Flughäfen

Und die Finnen sind mittendrin. Während etwa in einem Einkaufszentrum in der Satellitenstadt Espoo selbstfahrende Roboter Informationen zu Regalen sammeln, die nachgefüllt werden müssen, ist künstliche Intelligenz auch am Flughafen Helsinki im Einsatz.

Maria Pusa und Henri Lehtonen sind Data-Science-Berater bei Finavia – der größte Flughafenbetreiber Finnlands. Marias Job ist es, mit Algorithmen den Betrieb zu optimieren. Gerade sitzt sie an ihrem großen Bildschirm und zeigt mir Tabellen, die verdeutlichen sollen, wie KI künftig unsere Flughäfen steuern könnte.

"Das links sind Flüge, die einen Bustransfer zum Terminal brauchen."

"Und das hier ist ein witziges Bild, das war 2017, so sah das damals aus."

Maria deutet auf ein eingescanntes Stück Papier: Dort sind Uhrzeiten und Flugnummern per Hand umkringelt, durchgestrichen und mit Farben markiert. So war das vor zwei Jahren.

Maria Pusa arbeitet als Data-Science-Beraterin bei Finavia – dem größten Flughafenbetreiber Finnlands - sitzt in ihrem Büro am Computer und erklärt, wie früher mit Stift und Zettel der Flugbetrieb organisiert wurde. (Jenni Roth)Maria Pusa arbeitet als Data-Science-Beraterin bei Finavia – dem größten Flughafenbetreiber Finnlands - und will weg von Stift und Zetteln und hin zu Algorithmen. (Jenni Roth)

Die meisten Flughäfen auf der Welt werden so noch heute per Hand organisiert: Welcher Flieger kommt wann wo an, parkt wo, wie kommen die Passagiere zum Terminal? Wie kann man einen Schneeballeffekt vermeiden, wenn ein Flieger Verspätung hat? Finavia will diese Arbeit an künstliche Intelligenz abgeben und sucht Wege, wie Flughafen am effizientesten funktionieren können: bei Stoßzeiten, beschränkten Ressourcen oder unvorhersehbarem Wetter?

Getestet wird das Optimierungskonzept noch nicht in Helsinki, sondern im kleineren Ort Kittilä in Lappland. Besonders im Winter kann es beim großen Touristenansturm zu Problemen kommen:

"Die Crew in Kittilä hat das früher mit Stift und Papier gemacht, die hatten eine Excel-Tabelle, da haben sie eingetragen, wo die Flieger hin sollen. Wenn es dann Verzögerungen im Flugplan gab, musste man alles neu zeichnen. Gerade in der Hochsaison ist das eine Herausforderung."

"Hier ist das Ergebnis visualisiert: Warte kurz, fertig. So schnell berechnet der Computer den ganzen Tag. Ein Mensch hätte dafür jetzt acht Stunden gebraucht. Und ein Mensch kann nicht alle Alternativen berücksichtigen. Da braucht man schon einen mathematischen Algorithmus."

Künstliche Intelligenz will Finavia bald auch auf größeren Flughäfen einsetzen. Beraten wird das Unternehmen übrigens von Fourkind, der Firma, die auch den KI-Whiskey mitentwickelt. Und dafür gibt es in Finnland Förderung direkt vom Staat: Die öffentliche Agentur "Business Finland" unterstützt mit 200 Millionen Euro pro Jahr gezielt Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die KI-Lösungen entwickeln und testen.

Davon profitiert zum Beispiel auch die erste autonome Fähre der Welt – namens Falco – die 2018 erstmals vor Finnlands Küste zu einer Testfahrt unterwegs war. Oder das Start-up Utopia Analytics, das Demokratie zurück in die sozialen Medien bringen will, mit einem Echtzeit-Moderator, der alle Sprachen weltweit analysieren kann und auf künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen basiert.

Demokratie und Weltherrschaft

Im letzten Kapitel des finnischen Online-Kurses geht es um die gesellschaftspolitische Bedeutung von künstliche Intelligenz: Informatikprofessor Teemu Roos und Marketing-Leiter Ville Valtonen sehen in ihrem Kurs auch ein Demokratisierungsprojekt:

"Wie soll Demokratie funktionieren, wenn irgendjemand da oben die Regeln festsetzt und die Bevölkerung nicht weiß, wovon die Rede ist? Damit die Leute auch von der Entwicklung profitieren können, müssen sie Bescheid wissen – und zwar auch ohne Abitur."

"Es ist gefährlich, wenn nur Forscher und Politiker die KI beherrschen. Handwerker sollten genauso wie Ärzte Bescheid wissen, was KI kann und wo sie hilfreich sein kann."

Am Ende – so hoffen die Kursmacher – können die Teilnehmer das, was sie über KI hören, lesen oder sehen, kritisch bewerten und einordnen. KI soll keine so große Unbekannte mehr sein. Eher etwas, das man besser kennenlernen will – auch im Bewusstsein der Grenzen.

"Hier ein klassisches Beispiel: Nehmen wir die Zahl Vier. Wenn ich die mit der Hand schreibe, erkennt sie die Maschine auch bei unterschiedlichen Schreibweisen. Was der Rechner nicht kann: Wenn ich zum Beispiel römische Ziffern verwende. Dann identifiziert der Algorithmus das falsch, weil er nie mit Infos zu römischen Zahlen gefüttert wurde. Der Mensch ist da viel flexibler, er kann eine 'Out of the box'-Perspektive einnehmen."

Für künstliche Intelligenz sind oft Dinge leicht, die für uns schwer sind, und umgekehrt. Beim Schach Dutzende von Zügen abwägen – kein Problem. Den Läufer greifen und über das Spielfeld bewegen – hochkompliziert.

"Wenn die Leute verstehen, wie dumm KI ist, wenn was schiefgeht oder überraschend ist, dann gibt es vielleicht auch keine wilden Visionen mehr von einer Welt, in der irgendwelche Roboter die Weltherrschaft an sich reißen."

Tatsächlich prägen Science-Fiction-Filme wie Terminator, iRobot oder Matrix unsere westliche Kultur – in denen intelligente Maschinen die Weltherrschaft übernehmen. Nur in "Wall-e" ist ein Roboter den Menschen freundlich gesinnt: Er räumt die Erde auf, nachdem die Menschen sie zerstört haben.

KI soll kreative Arbeit des Menschen unterstützen

Beim Start-up Fourkind freut man sich dagegen auf noch mehr Roboter, auf noch mehr KI. Der Whiskey soll nur der Anfang sein, so Geschäftsführer Topi Manu. Es gehe um ein produktives Miteinander, bei dem mehr möglich sei als heute:

"Ziel ist, die Kreativität dauerhaft in die Computerarbeit einzubringen. Wir wollen zeigen, dass das realistisch, sinnvoll, und natürlich ist, dass es die kreative Arbeit des Menschen nur unterstützt, dass es kein Entweder-Oder gibt. Und es gäbe so viele Anwendungsgebiete. Schokolade zum Beispiel: In bestimmten Landesteilen mögen die Finnen einen bestimmten Geschmack, auf der schwedischen Seite einen ganz anderen. KI könnte den kreativen Prozess für diese Mikromärkte beschleunigen, ohne dass Menschen Rezepte für verschiedene Regionen entwickeln müssen. Der Mensch könnte also dem Rechner die Grobarbeit überlassen, und selbst Kurator, Trainer und Ermöglicher kreativer Prozesse sein."

Solche Themen könnten im zweiten Teil des finnischen KI-Kurses auftauchen, der demnächst starten soll. Teil eins war übrigens so erfolgreich, dass er auch in andere Sprachen übersetzt wird und bald auch auf Deutsch im Internet erscheint.

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