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Fazit | Beitrag vom 14.04.2018

FIND-Theaterfestival in BerlinGegen die permanente Ironie in der Kunst

Von Eberhard Spreng

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Wajdi Mouawad in "Inflammation du verbe vivre". Regie: Wajdi Mouawad (Pascal GELY)
Wajdi Mouawad in "Inflammation du verbe vivre". Regie: Wajdi Mouawad (Pascal GELY)

Beim "Festival Internationale Neue Dramatik" in der Berliner Schaubühne geht es in diesem Jahr darum, das Verdrängte, das Ausgeschlossene zurück ins Bewusstsein und in die Debatten zu holen. Theater wird hier zum Schauplatz der Erinnerung.

Philoktet ist völlig allein auf der einsamen Insel Lemnos. Seine stinkende Wunde und seine Schmerzenschreie hatten die Moral der Truppe unterminiert und Odysseus hatte beschlossen, dass man ihn einfach zurücklässt.

Wajdi Mouawads Solo "L'inflammation du verbe vivre" liefert die emblematische Begründung für ein Festival, das sich in diesem Jahr immer wieder mit der Geschichte der Ausgeschlossenen beschäftigt, mit Ausgrenzung und mit der Tilgung von Bevölkerungsgruppen und historischen Ereignissen aus der kollektiven Erinnerung. Der "Kunst des Vergessens", wie FIND in diesem Jahr im Untertitel heißt, will das Theater Aufarbeitung, das Freilegen von Widersprüchen entgegensetzen.

Autobiografische Verarbeitung einer künstlerischen Krise

Mit seinem assoziationsreichen, frei zwischen Film- und Theaterauftritt changierenden Solo "Die Entzündung des Verbs Leben" legt dabei der libanesisch-stämmige Autor und Regisseur Wajdi Mouawad, heute Chef des Théâtre National de la Colline in Paris,  seine bislang persönlichste und riskanteste Arbeit vor: Es ist die autobiografische Verarbeitung einer künstlerischen Krise. Der Autor reiste mit der Filmkamera nach Lemnos, auf den Spuren des Philoktet, und auf der Suche nach den tieferen Begründungen seiner Kunst.

"Théâtre, grimasse des temps passés…"

Das Solo ist in seinem großen Pathos nah an der Lächerlichkeit, fast frei von schützender Ironie und deshalb heute künstlerisch hoch riskant. Aber Mouawad nimmt einen für Momente wirklich mit ins Herz der Mythologien.

"In der 'Ilias' oder der 'Odyssee' zweifelt keine Figur jemals daran, dass die Welt beseelt ist, in der jedes Detail ein Symbol für etwas Unsichtbares ist. Das berührt mich sehr und lässt mich an die aktuelle Politik denken, diese neoliberale Epoche, in der wir zu Nostalgikern einer untergegangenen Welt werden, für die wir schon gar keine Worte mehr haben. Das schafft diesen Relativismus, der sich in der Kunst als permanente Ironie äußert: Wir sind abgeschnitten von den fragilen, sensiblen Teilen unseres Selbst."

Pornografischer Zerrspiegel für eine gewalttätige Epoche

Fast ohne Budget und ohne die Anbindung eines großen Theaters entstand die Autofiktion, eine der großen Höhepunkte einer starken Festivalausgabe, die mit einer gewaltigen Schock-Orgie begann, in der die katalanische Regisseurin und Performerin Angelica Lidell einer gewalttätigen Epoche einen pornografischen Zerrspiegel vorhielt und Rodrigo Garcia mit buntem und grellem Scherztheater die Parodie populärer Figuren und Bilder entwarf.

Stiller und nachdenklicher war da, aus dem Repertoire der Schaubühne beigesteuert, die Bearbeitung des autobiografisch-soziologischen Romans "Rückkehr nach Reims", in dem Didier Eribon seine Ursprünge in der Arbeiterklasse der französischen Provinz reflektierte.

Eine regelrecht melodramatische Farbe bringt die vietnamesisch-französische Regisseurin Caroline Guiela Ngyuen mit "Saigon" nach Berlin, eine Chronik aus dem Leben der nach Frankreich ausgewanderten Exil-Vietnamesen, der so genannten Viet Kieu.

Szene aus "Saigon" von Caroline Guiela Nguyen. Foto: Jean Louis Fernandez (Jean-Louis Fernandez)Szene aus "Saigon" von Caroline Guiela Nguyen. (Jean-Louis Fernandez)

"Notre histoire commence 1996 à Paris, au 18 rue du Fb. Saint-Antoine…"

Dramatisch scheiternde Hochzeiten, tränenreiche Abschiede und Wiedersehen, all das in einem vietnamesischen Restaurant, in dem sich gleichermaßen, mit dem Jahr 1956 der Abschied der französischen Soldaten nach der Niederlage im Indochinakrieg abbildet, als auch das Jahr 1996 im Pariser 12. Arrondissement, als Vietnam seine Exilanten einlud, nach Vietnam zurück zu kehren. Historisches Theater, das die Regisseurin aber nicht als Dokumentation verstanden wissen will.

"Mir ist wichtig festzuhalten, dass das Stück 'Saigon' keine Dokumentation ist, sondern eine fiktive Geschichte. Aber es ist eine Fiktion, die im Realen fußt. Und 'Saigon' ist auch kein Stück über das Exil der Viet Kieu, sondern ein Stück über die Geschichte Frankreichs, über unsere gemeinsame Geschichte."

Das Verdrängte zurück ins Bewusstsein bringen

Das mental Abgetrennte, das Verdrängte, das Ausgeschlossene zurück ins Bewusstsein und zurück in die Debatten zu bringen, ist FINDs Ziel in diesem Jahr. Der Kunst des Vergessens kann aber dann nichts mehr entgegengesetzt werden, wenn Alzheimer die Gehirne außer Stande setzt, sich überhaupt an verdrängte Traumata oder Schandtaten zu erinnern.

So ergeht es einigen glücklichen Ex-Militärs und Folterknechten der chilenischen Pinochet-Diktatur in einem Altersheim. Aber "El Hotel" vom Teatro La Maria aus Santiago de Chile ist so sehr krachledernes Rüpeltheater, dass hier nicht ein künstlerischer Grund, sondern wohl eher der passgenaue inhaltliche Zuschnitt für die Einladung an die Schaubühne den Ausschlag gegeben haben dürfte.

Freuen darf sich Berlin aber auf Simon Stones Familiensaga "Ibsen Huis", wo einige Motive aus diversen Ibsen-Dramen in einem gläsernen Ferienhaus von heutigen Figuren und im gesellschaftlichen Umfeld der vergangenen Jahrzehnte nachgelebt und nachgelitten werden.

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