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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 13.05.2014

FinanzenWieder auf eigenen Beinen

Irland erholt sich von den Folgen der Wirtschaftskrise

Von Martin Alioth

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Zwei Männer falten bei starkem Wind eine irische Flagge zusammen. (AFP Photo / Sven Nackstrand)
Gegenwind: Die Wirtschaftskrise hat Irland hart getroffen. (AFP Photo / Sven Nackstrand)

2008 musste Irland 64 Milliarden Euro in seine Banken pumpen. Eine Immobilienkrise riss die gesamte Wirtschaft in den Abgrund, 2010 beantragte die Regierung Hilfsgelder von EU und IWF. Seit kurzem steht das Land wieder auf eigenen Füßen, doch die Altlasten bleiben toxisch.

In einer großen Halle der Royal Dublin Society im noblen Dubliner Viertel Ballsbridge sind die Anwesenden in Spendierlaune; virtuelles Geld fliegt wie Konfetti durch den Saal. Die Iren gehen wieder ihrer scheinbar liebsten Beschäftigung nach: sich gegenseitig Immobilien zu verkaufen.

Hammer des Auktionators

Robert Hobam leitet die Auktionsabteilung der Firma Allsop Space, einer britisch-irischen Unternehmung. Heute werden über 200 Immobilien versteigert. Woher kommen diese Häuser, Fabriken, Hotels, Bürotürme?

Da gebe es Liegenschaften aus Privat- oder Firmenbesitz und Konkursverwalter, die im Namen von Banken Investitionsobjekte verkauften. Investitionsobjekte - das ist der vornehme Begriff für Spekulationsruinen, die in den Jahren der Immobilienblase schnelles Geld bringen sollten und ihre zeitweiligen Eigentümer in den Bankrott trieben. Rund 60 Prozent der hier versteigerten Objekte stammen aus Konkursverfahren, stellen also die Trümmer des Wirtschaftswunders dar. Die Firma Allsop Space begann 2011 mit den damals unüblichen Massen-Auktionen.

In den letzten drei Jahren habe sich die Mitarbeiterzahl der Firma von drei auf 40 erhöht. Das Rezept funktioniert offenbar. Heute haben sich über elfhundert Interessenten angemeldet. Ist Allsop die Totengräberin des Keltischen Tigers, wie der irische Boom genannt wurde?

Wohneigentum wird wieder teurer, in Dublin um 14 Prozent

So habe man seine Firma damals beschrieben. Tatsächlich habe Allsop eine Art von Schock-Therapie für den Markt geliefert. In der Tat: 2011 gab es keinen Markt für Häuser, Preise waren fiktiv, weil niemand kaufen wollte. Hoban und seine Kollegen brachten Bewegung in die Ruinen. Inzwischen ist die Talsohle erreicht, Wohneigentum wurde in den letzten 12 Monaten um fast acht Prozent teurer, in der Hauptstadt Dublin gar um 14 Prozent. Manche orakeln schon von einer neuen Blase, doch die absoluten Preise liegen immer noch um rund die Hälfte unter ihrem einstigen Rekordniveau. Die Angst, nichts gelernt zu haben, sitzt aber tief.

Premierminister Enda Kenny versicherte der Bevölkerung im letzten Dezember: Nie wieder werde Irland zur Spekulation und zur Gier zurückkehren.

Niederlage beim Referendum: Irlands Premierminister Enda Kenny (picture alliance / dpa / Bernal Revert)Irlands Premierminister Enda Kenny (picture alliance / dpa / Bernal Revert)

Diese Zeit des verantwortungslosen Übermuts wurde vom damaligen Premierminister Bertie Ahern verkörpert. Sein Irland sei mausetot, spottete Finanzminister Michael Noonan. Nie mehr könnten Häuser in den trendigen Kneipen von Dublin nach Arbeitsschluss verhökert werden – die Blase könne nicht wieder aufgepumpt werden. Statt dessen forderte Finanzminister Noonan damals, unmittelbar nachdem die Troika der internationalen Kreditgeber das Ruder übernommen hatten, ein schlankeres, großzügigeres Irland.

Musterschülerin der Austerität

Und so verwandelte sich Irland in die Musterschülerin der Austerität. Das war wohl unumgänglich, denn obwohl das Land in den guten Jahren keine Defizite geschrieben hatte, riss die Krise ein tiefes Loch in den staatlichen Haushalt. So wurden Ausgaben gekürzt, Steuern und Abgaben erhöht. Neuerdings gibt es gar eine Vermögensteuer auf Wohneigentum – das wäre früher politischer Selbstmord gewesen. Diese fiskalische Korrektur – wie die Rosskur beschönigend genannt wird – ist in ihrem Ausmaß rekordverdächtig. Das staatliche Defizit wurde schrittweise von über 12 Prozent der Wirtschaftsleistung auf unter fünf Prozent im laufenden Jahr gedrückt. Premierminister Kenny erkannte die damit verbundenen Opfer an:

"Löhne und Dienstleistungen wurden gekürzt, manche Familien mussten Arbeitslosigkeit und Auswanderung hinnehmen. "

 Ein junger Mann trägt in der Einkaufsstraße Grafton Street in Dublin (Irland) ein Plakat mit der Aufschrift Vollzeit-Daueranstellung (picture alliance / dpa / Andreas Engelhardt)Grafton Street in Dublin: Die Arbeitslosigkeit sinkt wieder. (picture alliance / dpa / Andreas Engelhardt)

Straßenmusik in Grafton Street, Dublin

In der eleganten Einkaufsstraße von Dublin, Grafton Street, drängeln sich die Konsumenten wieder. Im Gegensatz zu anderen Sorgenkindern der Euro-Zone wurde die Zugehörigkeit Irlands zur gemeinsamen Währung nie infrage gestellt. Denn das Land ist wirtschaftlich zum amerikanischen Brückenkopf geworden. Die größten Elektronik-, Software-, Internet- und Pharma-Firmen der Welt bedienen den europäischen Markt von hier aus. Auch in den schlechtesten Jahren verdiente die Irland GmbH gutes Geld mit ihren Exporten. Eine De-Globalisierung hätte daher fatale Konsequenzen gehabt. Wenn die Austeritätspolitik irgendwo zu rechtfertigen war, dann vermutlich in Irland. Die internationalen Kapitalmärkte zollten Respekt: Der reale Zinssatz auf irischen Anleihen ist seither von über 14 Prozent auf unter drei gesunken. Deshalb ermahnte Premierminister Kenny zum Durchhalten:

Eigenheiten des irischen Parteiensystems

Jetzt sei nicht der Zeitpunkt für einen Kurswechsel. Ja, die Konkursverwaltung durch die Troika sei beendet, aber die neu gewonnene Disziplin müsse beibehalten werden. Die politische Durchsetzung dieser bitteren Medizin war nur wegen der Eigenheiten der irischen Parteienlandschaft denkbar. Die einstmals größte Partei, Fianna Fáil, wurde im Februar 2011 für ihre Mitschuld an der Krise von den Wählern brutal bestraft. Die ohnehin nie besonders eindrückliche Linke trat als kleinere Koalitionspartnerin in die Regierung ein. Und die Gewerkschaften hatten sich in den guten Zeiten kompromittiert, weil sie munter an den Exzessen teilgenommen hatten. Das schmälert ihren Spielraum heute. Rory O'Farrell ist der Wirtschaftsexperte des Nevin-Instituts in Dublin, einer Denkfabrik, die dem Gewerkschaftsbund nahe steht.

Er sehe die Notwendigkeit eines ausgeglichenen Haushalts ja ein. Seine Kritik an der Sparpolitik ist also nicht fundamental, sondern nuanciert: Die Kürzungen hätten aus Gründen der politischen Opportunität besonders die Infrastruktur stark betroffen. Das sei wirtschaftlich besonders schädlich. Anstelle der Ausgabenkürzungen hätte man die Steuern erhöhen sollen.

Rory O'Farrell sorgt sich um die leeren Geldbeutel der Konsumenten. Auch Sozialzuschüsse wurden gekürzt, mit Ausnahme der stattlichen Renten – das erneut mit Rücksicht auf treue Stammwähler. Deshalb bleibe die Binnenwirtschaft fragil. Ob man das nun als stabil oder als stagniert bezeichne, sei Ansichtssache. Dennoch bleibt er optimistisch: Die Exportwirtschaft bleibe das Zugpferd. Irland könne von einer weltweiten Erholung profitieren.

Kein Unmut gegen EU oder Deutschland

Die Offenheit der irischen Volkswirtschaft erstickt also die politische Kritik an der Sparpolitik. Deshalb hat sich der Unmut der Bevölkerung – mit Ausnahme von satirischen Spitzen – nie gegen Deutschland als strenge Schulmeisterin oder gegen die Europäische Union als Ganzes gerichtet.

Die EU habe den irischen Politikern bloß als bequemes Feigenblatt für unpopuläre Maßnahmen gedient – so der gewerkschaftsnahe Ökonom. Anstatt selbst die Verantwortung zu übernehmen, konnte man die EU dafür beschuldigen. Der Zorn der Bevölkerung habe sich aber nicht als dauerhaft erwiesen.
Generell werde Irland unverändert als Nutznießerin der EU betrachtet. Die sichtbare Erholung der Wirtschaft, die Abnahme der Arbeitslosenquote von 15 auf mittlerweile unter 12 Prozent, und die Aussicht auf ein baldiges Ende der Sparmaßnahmen haben die Stimmung verbessert. Aber die Geduld ist selbst in Irland begrenzt, wie auch Finanzminister Michael Noonan unlängst einräumte.

Er zitierte einen Ausspruch des irischen Dichters William Butler Yeats vor 100 Jahren: Wenn das Opfer allzu lange dauert, versteinert das Herz. 

"Do you want soup, love?"

In der Suppenküche am Dubliner Merchants' Quay drängeln sich die Obdachlosen für eine Mahlzeit.

"What would you like, an apple or a banana? – A banana and an apple. – No, just one. – Can I have the apple, please? – Of course, you can."

Äpfel und Bananen werden angeboten, aber nicht beides zugleich. Kieran Allen spricht für die Obdachlosenhilfe Focus Ireland:

30 Familien werden in Dublin obdachlos - pro Monat

Bisher sei Obdachlosigkeit für Familien sehr selten gewesen. Oft bedingt durch psychische Probleme. Doch neuerdings müsse er immer mehr Familien betreuen, die bisher zu Miete gewohnt hatten. Steigende Mieten, stagnierende Zuschüsse und schließlich Hauseigentümer, die ihre Spekulationsobjekte abstoßen wollten – das alles werfe Familien auf die Straße. Vor zwei Jahren waren das noch acht Familien pro Monat in Dublin, nun seien es schon 30. Die Hauseigentümer im Verzug mit ihren Hypotheken seien bisher von der Regierung beschützt worden, doch Allen befürchtet, dass die Banken nun aggressiver würden. Das beschert ihm eine neue Welle von Obdachlosen. Trotzdem nimmt Allen die Regierung in Schutz:

Grundsätzlich habe der irische Staat, wie schon in den 80er-Jahren, den Wohlfahrtsstaat beschützt. – Ist das der Grund, weshalb die Bevölkerung so duldsam blieb?

Es habe nicht an Versuchen gemangelt. Nicht für Krawalle aber politische Proteste: Bloß, es ging niemand hin.

Teils entsprang das einem Fatalismus, teils aber auch einem gewissen Schuldbewusstsein, weil alle zu viel Geld ausgaben. Weshalb sich also beschweren? – Allmählich beginnt sich das Karussell wieder zu drehen, in der Auktionshalle für herrenlose Häuser wird der Grundstein für neuen Übermut gelegt:

Hammer. "...sold at 65..."

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