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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.02.2012

Finanzbeamter auf der Straße

Marc Augé: Tagebuch eines Obdachlosen. Ethnofiktion, C.H. Beck, München 2012

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Der fiktive Obdachlose in Marc Augés "Tagebuch" kappt am Ende alle Beziehungen. (AP)
Der fiktive Obdachlose in Marc Augés "Tagebuch" kappt am Ende alle Beziehungen. (AP)

Kein Selbstversuch, keine Sozialreportage stecken hinter dem "Tagebuch", sondern Fiktion. Ein pensionierter Beamter gibt seine Wohnung aus Geldgründen auf und lebt im Auto unter Luxusbedingungen. Das Buch schärft die Sensibilität für Orte und soziale Unzugehörigkeit.

Das "Tagebuch eines Obdachlosen" ist kein Roman und keine Sozialreportage. Es ist keine dokumentarische und auch keine wissenschaftlich-statistische Arbeit. Angestrebt wird nicht die "Identifikation mit dem Helden", Ziel ist stattdessen, etwas über die eigene Gesellschaft zu erfahren. Nun nennt der Pariser Ethnologe und Anthropologe Marc Augé sein Verfahren "Ethnofiktion" und spricht von einer "Erzählung, die eine soziale Tatsache aus der Perspektive einer einzelnen Person darstellt". Also doch so etwas wie Literatur?

Augé, langjähriger Direktor der Pariser Universität für Sozialwissenschaften (EHESS), wurde hierzulande vor allem mit seiner Theorie der "Nicht-Orte" bekannt. So bezeichnet er Shopping Malls, Flughäfen und andere Errungenschaften der modernen Stadt, die lediglich als Transiträume dienen, sich aber nicht als Orte sozialer Begegnungen eignen. Eine Art Unwirtlichkeitsprüfung ist auch das "Tagebuch eines Obdachlosen", denn erst ein Mensch ohne eigenen Rückzugsraum ist auf die soziale Stadt wirklich angewiesen.

Der Titel führt ein wenig in die Irre, denn bei der erfundenen Figur handelt es sich nicht um einen klassischen Clochard, sondern um einen pensionierten Finanzbeamten, der nach der zweiten Ehescheidung die Wohnung nicht mehr bezahlen kann und deshalb beschließt, ab sofort in seinem Auto zu übernachten. Finanziell geht es ihm dadurch besser als zuvor. Er lebt auf der Straße, aber unter Luxus-Bedingungen. Bei Bedarf gönnt er sich ein Hotel, er kann sich Cafés und Restaurants leisten, hat einen Laptop und führt ein Tagebuch.

Über fünf Monate zwischen März und August 2008 lässt Augé ihn seine Erfahrungen mit der Obdachlosigkeit machen. Er schildert, wie ein Antiquar die Wohnung leerräumt, beschreibt den Übergang zur Heimatlosigkeit, das allmähliche Abschied- und Abstandnehmen von allem Gewohnten. Zunächst intensiviert sich das Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen Arrondissement; Bäckersfrau, Metzger, Kellnerin werden zu wichtigen Bezugspersonen, und selbst die Gebäude offenbare neue Ansichten und Qualitäten. Doch am Ende kappt der Mann auch diese Beziehungen. Augé diagnostiziert ein so befreiendes wie bedrohliches "Gefühl der Abwesenheit". Mit dem eigenen Ort gehen auch Identität und soziale Rolle verloren.

Quod erat demonstrandum: Die Lektüre schärft die Sensibilität für Orte und Nicht-Orte und soziale Unzugehörigkeit. Da eine Figur auf dem Papier aber keine anderen Erfahrungen machen kann als die, die der Autor ihr zur Verfügung stellt, kann bei dieser Versuchsanordnung am Ende nur das herauskommen, was von Anfang an hineingelegt worden ist. Der Zustand der Obdachlosigkeit erscheint in der Vorstellungskraft eines Soziologieprofessors in recht mildem Licht. Augé erhebt keinen literarischen Anspruch, und doch lässt sich dieses Tagebuch nur in literarischen Kategorien beurteilen. Eine reale Figur, glaubhafte Rollenprosa, Charakterzeichnung oder Spannungsbogen gelingen ihm nicht. Aber doch eine Sprechweise, die überraschende Perspektiven auf die Gesellschaft erlaubt.

Besprochen von Jörg Magenau

Marc Augé: Tagebuch eines Obdachlosen. Ethnofiktion
Aus dem Französischen von Michael Bischoff
C.H. Beck, München 2012
104 Seiten, 10,95 Euro

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