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Vollbild | Beitrag vom 11.04.2015

Filmstart der "Dessau Dancers"Die Kreation einer ganz eigenen DDR

Regisseur Jan Martin Scharf im Gespräch mit Moderatorin Susanne Burg

Jan Martin Sacharf, Filmregisseur (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Jan Martin Sacharf, Filmregisseur (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

"Dessau Dancers" erzählt, wie in den 80ern der Breakdance-Virus eine Gruppe Jugendlicher in Dessau erfasst, infiziert durch den Film "Beat Street". Regisseur Jan Martin Scharf nennt sein Werk "einen Tanzfilm mit Geschichte".

Susanne Burg: Im Sommer '85 fing mein Leben an. Das sagt der Erzähler Frank am Anfang des Spielfilms "Dessau Dancers", der am Donnerstag in die Kinos kommt. Und dass er sich so genau an das Jahr erinnern kann, das hängt mit einem Film zusammen, der eben im Sommer '85 in die Kinos der DDR kam: "Beat Street". Jener Film, der den amerikanischen Breakdance in die Welt trug. "Dessau Dancers" erzählt, wie der Breakdance-Virus auch eine Gruppe Jugendlicher in Dessau erfasst. Sie, wie auch viele andere im Land, tanzen auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen, aus Boxen dröhnen HipHop-Beats – sehr zum Unwillen der Regierenden. Die Kommission für Unterhaltungskunst kommt zusammen, auch der Leiter der Sportgemeinschaft ist dabei, Genosse Dietz:

- "Wenn die Jugendlichen bei uns im Sportclub wären, wären sie nicht auf der Straße."
- "Ja, aber die wollen nicht übers Pferd springen, Genosse Dietz, sondern diesen Breakdance ausüben."
- "Ja, aber genau das meine ich. Das könnten sie ja auch bei uns verrichten."
- "Ach so."
- "Wir machen diesen Brehk-Tanz sozialistisch. Wir lassen sie trainieren, unter Aufsicht. Dann können sie meinetwegen sogar auftreten."
- ""Aber nicht auf der Straße, sondern im FDJ-Club."

Burg: Ein Ausschnitt aus dem Film "Dessau Dancers", der erzählt, wie der Breakdance fast sozialistisch wurde. Im Studio in Köln begrüße ich jetzt den Regisseur des Films, Jan Martin Scharf. Guten Tag!

Jan Martin Scharf: Schönen guten Tag!

Burg: Sie selbst sind 1974 in Köln, also in der Bundesrepublik geboren worden. Wollten Sie schon immer mal DDR-Geschichte studieren, oder was hat Sie veranlasst, einen Film über die Breakdance-Szene in der DDR zu drehen?

Scharf: Na, da kamen eigentlich so zwei Dinge in meinem Leben zusammen, als ich von diesem Thema erfahren habe. Zum einen war ich elf, zwölf, als in meiner Wahrnehmung schwarze Musik nach Deutschland kam, und meine Freunde und ich haben uns Arme und Beine ausgerissen, um DJs live zu erleben, um Hiphop-Konzerte zu sehen, um auch an die Platten zu kommen. Und zum anderen gab es dann ganz schnell die Frage in unserer kleinen Hiphop-Kultur, ob man real sei oder sell-out. Und über die Frage, ob man die Fantastischen Vier hören könne oder nicht, haben sich dann damals unsere Teenager-Freundschaften zum Teil massiv überworfen. Später in der Kunsthochschule gab es einen ähnlichen Konflikt, und der hieß dann Kunst gegen Kommerz. Und das war immer so ein bisschen schwierig für mich nachzuvollziehen, weil dahinter steckte die Frage, und die war für mich eigentlich gar nicht schwer nachzuvollziehen, inwieweit man seine Überzeugungen opfert oder inwieweit man seine Kunst anpasst, um möglicherweise kommerziell erfolgreicher zu sein. Daran war natürlich nichts falsch. Trotzdem waren die Grabenkämpfe erheblich, und als ich dann gehört hab, dass es in der DDR dieselbe Subkultur gab, die aber vor dem Hintergrund des SED-Regimes natürlich ganz anderen, existenzielleren Nöten ausgesetzt war, erschien mir diese Frage erzählenswerter.

Burg: Nun blieb ja trotzdem die Herausforderung, sie kamen aus Köln und wussten erst mal relativ wenig wahrscheinlich über die Breakdance-Szene in der DDR. Wie haben Sie denn überhaupt begonnen zu recherchieren?

Breakdancer auf der Erster-Mai-Parade - das hatte durchaus schon einen gewissen Status

Scharf: Nun, ich hab gelesen, was es zu lesen gab. Es gibt zum einen eine ganz hervorragende Doktorarbeit von einem Historiker, 300 Seiten über Hiphop in der DDR. Ich hab Familie in der DDR, das heißt, ich kannte es auch aus Suhl aus eigener Anschauung. Wir sind da einmal im Jahr hin gefahren. Ich habe Zeitzeugen gesprochen und mich da reingefuchst. Ich hab die Musik gehört, ich stand mit der Stadtverordneten der Stadt Dessau an dem Ort, wo sie damals original getanzt haben, und die Dame hatte Tränen noch in den Augen, weil ihr Bruder war einer der Tänzer, und der ist inzwischen verstorben, und sie erinnerte sich daran, was für Rockstars das tatsächlich damals waren. Also Recherche halt, wie man es macht.

Burg: In der Bundesrepublik war ja der Breakdance eine Subkultur. Im Film zeigen Sie ihn aber in der DDR so als kulturelle Größe, die die im SED-Regime als Bedrohung wahrgenommen haben. Wie groß war denn die Szene? War es trotzdem eine Subkultur?

Scharf: Ja, nun, das muss man sagen. Es gibt Dokumentarfilmaufnahmen von der Ersten-Mai-Parade, das ist ganz lustig, da defilieren also die Panzer und Soldaten auf der Karl-Marx-Allee an Honecker vorbei, und ganz am Ende kommt ein Wagen mit Boxen, so Love-Parade-ähnlich, und da roboten dann so Breakdancer so drum herum. Das hatte also durchaus schon so einen gewissen Status, und die Truppen wurden herumgeschickt und tanzten auf, heute würde man sagen, Betriebsfesten oder auch zur Erheiterung der Armee. Und es war halt offiziell anerkannte Unterhaltungskunst und wurde auch als solche eingesetzt.

Burg: Das ist ja im Grunde genommen der Versuch gewesen, die Kultur zu lenken, so zu vereinnahmen, alleine schon durch die Begrifflichkeit "Akrobatischer Schautanz". Wie gut ist der Plan aufgegangen?

Scharf: Das kann ich jetzt nicht hundertprozentig sagen, weil das war natürlich für die Jugendlichen, die waren per se apolitisch und wollten tanzen. Die haben das zunächst mal begriffen auch als Chance, das machen zu dürfen. Es gab da verschiedene Haltungen. Es gab halt die, die haben gesagt, wir können jetzt tanzen, verdienen auch noch Geld dafür, kommen rum und lernen die Welt kennen. Neulich schrieb mir zum Beispiel ein Zeitzeuge von einem Auftritt, den sie auf einem Marinestützpunkt in Peenemünde hatten, und da waren die Oberen dann so begeistert, dass die Breaker am nächsten Tag eingeladen wurden, sich einen U-Boot-Jäger anzugucken, und die ganze Mannschaft stand salutierend Spalier. Das war natürlich ein unglaublicher Clash der Kulturen, einerseits Breakdance-Subkultur, andererseits in Reih und Glied und in Uniform. Und von solchen Widersprüchen und Kontrasten lebte das Land auch.

Burg: Wahnsinn. Aber ein bisschen was davon erzählen Sie ja auch im Film. Auf der einen Seite ist eben die Truppe, die vereinnahmt wurde, die dann da auch in Reihe tanzt und so. Und dann gibt es aber durchaus die Jugendlichen, die eben weiter auf der Straße tanzen, mit allen Konsequenzen. Waren das dann zwei verschiedene Kulturen sozusagen?

Scharf: Ja. Das kann man schon so sagen, wobei die Feindschaften da, glaube ich, nicht so ausgeprägt waren. Man hat halt grundsätzlich schon respektiert, man ist gemeinsam zu inoffiziellen DDR-Meisterschaften gefahren und hat sich gemessen. Das war halt die Auseinandersetzung im Kampf, in der Battle, war halt, ist ja Teil der Kultur. Dass man sich da reibt, gehört natürlich dazu.

Burg: In Ihrem Film gibt es sehr viele Breakdance-Szenen. Ein professioneller B-Boy war auch dabei in dem Team, Sebastian Jäger alias Killer-Sevy, 1987 geboren. Wie haben Sie denn trainiert mit den Jungs, dass die Bewegungen auch in der Zeit verortet sind.

Scharf: Das war eine sehr lange und, ich glaube, auch außergewöhnliche Vorbereitungszeit für einen deutschen Film. Wir hatten den Choreografen Storm, der die Zeit sehr gut kennt. Und als – also ich sag immer, das ist der Franz Beckenbauer des deutschen Breakdance, der hat auch mal die Battle of the Year gewonnen, und das ist sozusagen die Weltmeisterschaft des Breakdance, und der hat sich reingefuchst, und die Moves von damals kombiniert mit dem Besten von heute. Weil, wenn man jetzt das so eins zu eins von 1984 nimmt, würde das den Sehgewohnheiten von heute nicht mehr so entsprechen. Aber wir haben trotzdem versucht, diese Zeit wieder lebendig werden zu lassen und trotzdem einen aktuellen Schauwert mit den neuen Powermoves, wie man sagt, zu zeigen, weil die sind einfach akrobatisch sensationell und ganz toll anzusehen.

Ein Tanzfilm mit Geschichte

Burg: Ist der Film eigentlich auch ein Tanzfilm?

Scharf: Na – ich hatte mir selbst den Anspruch gestellt, dass man einen Tanzfilm mit Geschichte erzählt. Normalerweise sind – im Tanzfilmgenre geht es meistens um die Frage, schaffe ich es auf die Akademie oder ist der Streetdance jetzt besser als das klassische Balett, und man einigt sich dann irgendwie, dass beides geht oder das es zu kombinieren sei, oder dass man auch als Streetdancer auf die Akademie kann oder so. In diesem Fall ging es mir halt darum, um den Wert des persönlichen Ausdrucks und um die Frage, inwieweit man bereit ist, Kompromisse einzugehen, um Erfolg und Privilegien zu haben, oder wann sozusagen Verrat an den eigenen Idealen beginnt. Und insofern habe ich auch eine Geschichte erzählt.

Burg: Und die Geschichte spielt ja auch viel auf der Straße. Es sind viele DDR-Motive der 80er-Jahre im Film zu sehen. Wie schwierig war es eigentlich, diese Zeit zu rekreieren?

Scharf: Sehr schwierig. Es ist eine versunkene Zeit und ein versunkenes Land, und vor allen Dingen im urbanen Bereich, weil die haben ja nicht irgendwo auf dem Dorf getanzt, sondern im Stadtzentrum und wollten gesehen werden. Muss man einfach sagen, dass die Stadtzentren von damals inzwischen natürlich sehr bunt sind und sehr renoviert. Und das war eine sehr aufwändige Recherche an Locations. Wir sind dann schließlich fündig geworden in Halle, und Innenmotive gibt es natürlich noch.

Burg: Und ich habe gelesen, dass die Innenaufnahmen in Köln gedreht wurden ausgerechnet. Warum das?

Scharf: Na ja, man muss sagen, nicht alle, aber auch viele. Das hat mit Förderung zu tun, Filmförderung.

Burg: Ah. Ich hab mich gefragt, ob die DDR-Ästhetik und die der Bundesrepublik aus der Zeit dann doch nicht aus heutiger Sicht so weit auseinander waren?

Scharf: Na, das Holzgetäfelte fand sich natürlich im Westen auch in den 60er-, 50er-Jahren, und – ja, das kann man finden.

Burg: Seit einigen Jahren gibt es immer wieder Filme über die Subkultur in der DDR. 2007 kam der Film "Ost-Punk. Too much Future" raus, 2012 dann "This ain't california" über die Skater-Szene in der DDR. Jetzt gibt es eben Ihren Film über die Breakdance-Szene. Haben Sie eine Erklärung, woher das kommt? Kann man die Repression eines Systems eben so gut durch die Rebellion einer Subkultur erzählen?

Scharf: Das ist sicherlich einer der Gründe. Für mich war es schon auch sehr spannend, einen DDR-Film zu machen, aber ich wollte vor allen Dingen einen Tanzfilm machen. Der Film ist ein Spielfilm, das heißt, er hat jetzt keinen dokumentarischen Anspruch, jetzt die Realität in der DDR möglichst hundertprozentig genau wiederzugeben. Das kann man auch gar nicht. Ich erinnere mich lebhaft an einen Streit zwischen der Ausstatterin, die im Osten groß geworden ist, und dem Oberbeleuchter, der aus derselben Generation, also frühe 70er, auch aus dem Osten stammt, die sich also am Set darüber stritten, ob es diesen oder jenen Einrichtungsgegenstand jetzt in der DDR gegeben habe oder nicht. Und das heißt, in der Rückschau ist die Erinnerung an die DDR immer sehr individuell. Und der Film kreiert da - sicherlich so gewissermaßen einen Meter über dem Boden im Stile eines Tanzfilms - eine eigene DDR.

Burg: Die Geschichte der Breakdance-Szene der DDR erzählt der Film "Dessau-Dancers". Er kommt am Donnerstag in die Kinos. Jan Martin Scharf ist der Regisseur. Vielen Dank, Herr Scharf.

Scharf: Ganz herzlichen Dank!

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