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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 02.02.2014

Filmsatire"Dilettanten spielen authentischer"

Gerhard Polt über seinen Kinofilm "Und Äktschn!"

Der Kabarettist Gerhard Polt (picture alliance / dpa - Peter Kneffel)
Der Kabarettist Gerhard Polt (picture alliance / dpa - Peter Kneffel)

In seinem Film "Und Äktschn!" spielt der Kabarettist, Autor und Schauspieler Gerhard Polt die Hautrolle. Mit ihm sprechen wir über großes Kino, missglückte Hitler-Filme und Männer am Pinkelbecken.

Liane von Billerbeck: Und über seinen neuen Film "Und Äktschn!" will ich jetzt mit dem Autor und Hauptdarsteller, mit Gerhard Polt reden. Grüß Gott!

Gerhard Polt: Grüß Gott!

von Billerbeck: Nordpol, Anton, Zacharias, Ida – scheinbar muss es in einem deutschen Film, auch in dem, den Ihr Amateurfilmer Hans A. Pospiech in Ihrem Film dreht, immer irgendwie um Nazis gehen. Können die Deutschen gar nicht anders?

Polt: Der macht Werbefilme für die Sparkasse. Der dreht alles, was ihm in die Finger kommt. Das ist ein Mensch, der vor nichts zurückschreckt, das ist es.

von Billerbeck: Nun könnte man ja meinen, dass Ihre Lust auf diesen Film, wo ja, um noch mal auf das Nazi-Thema zu kommen – ich weiß, der dreht da noch andere Filme, der Hans A. Pospiech, aber dass Ihre Lust auf diesen Film oder besser gesagt dieses Thema, was ja dann das Hauptthema des Films ist, möglicherweise beim Gucken von Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang" gekommen ist. Irgendwie sah ich da immer Parallelen. War das so?

Polt: Es ist natürlich eine gewisse Persiflage auf diese Hitler-Filme, natürlich auch. Aber die Grundidee, die da zugrunde liegt, ist die, dass ich mir gedacht habe, mit meinem Partner, dem Frederik Baker – wenn man einen Trick findet, diese Persönlichkeiten dieser Zeit darzustellen, dann möglichst nicht, indem man sie eins zu eins darstellt, sondern indem man sie von einer Laiengruppe machen lässt, von Dilettanten. Und die Dilettanten spielen dann diese Leute so, wie ich mir es auch vorgestellt hab, die kommen denen dann wahrscheinlich authentisch näher, also sie sind authentischer als die sonst Dargestellten.

von Billerbeck: Das ist ja auch irgendwie ein Film über die Amateurfilmszene, also ganz wunderbar, auch, wie der Hans A. Pospiech immer über seine Filme und das Filmen redet. Da ist also ein Satz drin, der heißt: "Mein Vater hat gesagt, Realität ohne Film ist nicht möglich." Da fiel mir natürlich sofort Loriot ein, "ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos." Sind Sie quasi das bayerische Pendant von ihm, ist das da so was, steckt da so was drin?

Filme haben unsere Vorstellung von Geschichte geprägt, meint Polt

Polt: Na, zumindest ist der Satz, glaube ich, wirklich richtig, weil er sagt ja auch - die Figur, die ich spiele, sagt auch, wenn man nicht den Peter Ustinov gesehen hat, wüsste man nicht, dass der Nero Rom angezündet hat. Und das stimmt eben, weil mit Sicherheit die ganze Antike und so weiter oder vieles, was man im Film gesehen hat, hat einen geprägt. Das heißt, die Vorstellung von Rom, von Griechenland und so weiter ist der Erfolg der amerikanischen Filme darüber. Sonst könnte man sich wahrscheinlich wirklich den Nero nicht vorstellen, wenn man nicht den Peter Ustinov gesehen hat.

von Billerbeck: Sind Sie auch davon geprägt, und, wenn ja –

Polt: Mit Sicherheit. Mit Sicherheit. Ich glaube, dass das das Weitgehendste ist. Ich glaube, dass viele historische Vorgänge im Gedächtnis oder im Kopf deshalb eingeprägt sind, weil man diese Filme gesehen hat.

von Billerbeck: Nun sprechen Sie ja ganz langsam und bedächtig, und der Film hat ja einen Titel, der ist ja schon – also der Antipode zu Ihnen. "Und Äktschn!" ist ja eigentlich so ein Ausdruck – ganz lustig, aber Sie wirken ja eher wie ein Typ, der eher beschaulich lebt, der eher ruhig ist, und vermutlich gäbe es viele Menschen, die da bei Ihnen was lernen könnten. Was würden Sie denen raten?

Polt: Na ja, Sie wissen, wir leben in einer Zeit, wo es manche jetzt gibt, die sagen, man sollte bestimmte Dinge entschleunigen. So, wie es Slow Food gibt und so weiter. Und dass man vielleicht ein bisschen zuhört. Ich hab einmal ein sehr schönes Interview gehört mit dem Peter Stein, mit dem Regisseur, der auch gefragt wurde: Wie stellen Sie sich denn vor, das Theater, wie wird das denn, was kommt auf uns zu? Und da hat er gesagt, wissen Sie, ich glaube, alles hängt von der Konzentrationsfähigkeit ab. Weil, wenn Sie ein Theaterstück oder, das gilt natürlich auch für Film oder irgendwas schreiben, dann müssen Sie sich konzentrieren. Und wenn Sie es herstellen, müssen Sie sich konzentrieren. Der Regisseur muss sich konzentrieren, die Schauspieler – Konzentration – und am Ende auch die Zuschauer müssen sich konzentrieren. Und ob diese Konzentrationsfähigkeit, ob die noch da sein wird, davon hängt das Schicksal ab, vom Film wie wahrscheinlich auch vom Theater.

von Billerbeck: Nun gibt es ja bei Ihnen im Film eine ganz wunderbare Szene, als Ihr Hauptdarsteller Pospiech in seine Garage kommt, wo also seine Filme immer gedreht werden, wo er alles lagert, die Hinterlassenschaften seines Vaters – und sein Skype-Partner aus der Schweiz wartet schon auf ihn. Und Sie gucken mit dem Kopf kurz vor den Bildschirm und sagen, "ich mach uns erst mal einen Tee". Gibt es denn etwas, was Sie aus der Ruhe bringen kann?

Polt: Mit Sicherheit, ich glaube schon.

von Billerbeck: Was ist das?

Polt: Das ist je nachdem, das sind einschneidende Ereignisse, die einem Menschen, wenn sie ihn treffen, theoretisch – wenn Sie Freunde verlieren, wenn Sie Ängste haben – natürlich ist das einschneidend und bringt die Ruhe weg von den Menschen. Also, es gibt viele Dinge, die auch mich natürlich erschüttern können. Gott sei Dank – sonst wäre ich ja unheimlich!

Der ganz normale deutsche Wahnsinn

von Billerbeck: In Ihrem Film ist es ja wieder der ganz normale deutsche Wahnsinn, der fröhliche Urständ feiert. Also, wir kennen ja das Müllsortieren – bei Ihnen im Film, da stehen zwei Männer am Pinkelbecken und pinkeln quasi sortiert in Becken. Über dem einen steht "Bier", über dem nächsten "Wein", über dem dritten "Kaffee". Das ist ja so ein typischer Polt, oder?

Polt: Sie haben vollkommen recht, es wird alles geordnet.

von Billerbeck: Wieso ist es eigentlich so, dass man gerade bei bayerischen Künstlern immer so ein anarchisches Moment findet. Sind das noch so die Überbleibsel von der Münchener Räterepublik?

Polt: Kann sein – Sie haben recht. Vielleicht ist das so. Das hat einmal der Achternbusch, glaube ich, gesagt, "In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten, und die sind alle bei der CSU".

von Billerbeck: Nun arbeiten Sie ja schon lange, auch in diesem Film wieder mit ein paar Schauspielern zusammen, und eine darunter ganz besonders – das ist Gisela Schneeberger. Die ist ganz wunderbar auch in diesem Film. Und die hat in einem Interview mal gesagt, warum das so gut funktioniert: "Wir waren nie erotisch verwickelt." Warum funktioniert Ihre Zusammenarbeit so gut, aus Ihrer Sicht?

Polt: Ja, weil die Gisela eine Person ist, die unglaublich gut beobachtet, und sie sieht Dinge, die anderen Menschen oft verborgen bleiben, und sie bringt es ans Licht, und sie zeigt's und sie verkörpert's dann und sie kann es – sie holt es scheinbar aus dem Nichts. Kleinigkeiten, verstehen Sie, also Dinge, die eigentlich wirklich, ja, wie das berühmte Kind, was des Kaisers neue Kleider entdeckt. Sie sieht es, aber die Mehrheit scheint das nicht gesehen zu haben oder hat es nicht entdeckt. Und sie ist eine große Entdeckerin, von Macken, von Halbwahrheiten, von merkwürdigen, nicht zusammenhängenden, aber trotzdem behaupteten Geschehen oder Aussagen. Und das kann sie sehr gut, und das bewundere ich zum Beispiel an ihr.

Polt: Habe vor guten Schauspielern großen Respekt

von Billerbeck: "Der Mensch stirbt, der Film bleibt", das ist auch so ein Satz aus Ihrem Film. Gehen Sie eigentlich selber noch ins Kino und gucken sich Filme an, und wenn ja, welche?

Polt: Ich gehe natürlich auch ins Kino. Ich bin jetzt nicht ein, wo man sagen würde, der totale Kinofreak, aber ich gehe natürlich schon auch ins Kino, weil die Welt des Kinos und das Herstellen von Film und auch bestimmte Filme zu sehen, macht mir Spaß, ist natürlich interessant. Ich sehe schon gerne gute Schauspielleistungen, und ich sehe das schon und hab eine Masse Respekt davor. Also, mir gefällt das.

von Billerbeck: Was sind denn so Ihre Lieblingsschauspieler?

Polt: Ach, das kann ich – so aus dem Hut will ich das gar nicht sagen. Es gibt einfach eine Menge, eine Fülle von Leuten, die wirklich sehr gut sind. Und es gibt übrigens auch, muss ich dazu sagen, Filme, die wir alle gar nicht zu sehen kriegen in Deutschland. Schauen Sie, die Italiener produzieren viele Filme, die leider nicht zu uns kommen. Die werden natürlich nicht synchronisiert. Mir kommt es so vor, dass man in den 60er- und 70er-Jahren viel mehr französische und italienische Kinoproduktionen bei uns gesehen hat. Es gibt auch in Österreich sehr viele Filme, die leider Gottes auch nicht oder kaum bei uns zu sehen sind. Und die Österreicher haben auch wunderbare Schauspielerinnen und Schauspieler.

von Billerbeck: Und das ist eine deutsch-österreichische Koproduktion, dieser Film, den Gerhard Polt jetzt gemacht hat, als Autor und Hauptdarsteller. Und dieser neue Film, "Und Äktschn!", der kommt am Donnerstag in die Kinos. Herr Polt, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Polt: Ich dank' Ihnen! Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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