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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 08.06.2014

Filminterview"Intensiv und auch hart"

Es geht ums Erwachsenwerden: Nora von Waldstätten über Götz Spielmanns Kammerspiel "Oktober November"

Moderation: Patrick Wellinski

Nora von Waldstätten in einer Szene des Films "Oktober November" (picture alliance / dpa)
Nora von Waldstätten in einer Szene des Films "Oktober November". Der Film kommt am 12. Juni 2014 ins Kino. (picture alliance / dpa)

Manches an der Rolle im österreichischen Familiendrama "Oktober November" war der Wienerin Nora von Waldstätten aus ihrem eigenen Leben vertraut. Sie stellt eine Schauspielerin dar und spricht Dialekt. Ihr Ziel sei es gewesen, die Figur ohne Kitsch zu spielen, sagt sie.

Patrick Wellinski: Ich freue mich jetzt, eine der beiden wunderbaren Darstellerinnen des Films "Oktober November" begrüßen zu dürfen. Die eine, gespielt von Ursula Strauß, die andere Schwester gespielt von Nora von Waldstätten – herzlich willkommen beim Radiofeuilleton!

Nora von Waldstätten: Hallo, vielen Dank!

Wellinski: Ich freue mich sehr, dass wir gerade mit Ihnen über diesen tollen Film sprechen können. Dem Götz Spielmann gelingt etwas sehr Abenteuerliches: Er bringt Sie wieder zurück in die Heimat. "Oktober November" ist Ihre erste größere Kinoproduktion – war das vielleicht auch ein Grund, in das Projekt mit einzusteigen?

von Waldstätten: Also, Sie haben recht – ich bin auch Götz da wahnsinnig dankbar für, dass er mich nach Hause gebracht hat, sprich dass ich jetzt endlich zu Hause drehen darf. Ich hab "Revanche" gesehen, damals beim Filmfest in Saarbrücken, und war begeistert und sprachlos. Und als dann einige Zeit später der Anruf kam von einer Casterin, dass doch Götz Spielmann seinen neuen Film besetzt und mich gerne treffen möchte, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Ich finde den einen so bemerkenswerten Filmemacher, und habe erst nach dem Treffen überhaupt das Drehbuch bekommen, und war natürlich auch von dem ganz begeistert. Bin dann zum Casting angetreten und habe natürlich sehr gehofft, dass es klappt, und es war eine wirklich ganz besondere Dreharbeit. Götz ist wirklich ein Schauspieler-Regisseur, der schon im Vorfeld probt, und mit dem man wirklich auch, weil er ja auch der Autor ist, lange reden kann. Und auch wirklich, mit den Kollegen zu arbeiten, das war eine ganz, ganz wunderbare Erfahrung. Und eben endlich zu Hause zu sein und Teil von einem österreichischen Film.

Zweite Teil des Films fast komplett im Dialekt

Wellinski: Aber eine große Umstellung war nicht nötig. Den zweiten Teil des Films bestreiten Sie ja fast komplett im Dialekt.

von Waldstätten: Ja. Das ist richtig!

Wellinski: Den haben Sie drauf – den mussten Sie sich nicht extra antrainieren?

von Waldstätten: Nein. Ich bin ja, um Gottes willen, ich bin ja Österreicherin, und auch das war total schön. Ich wohne ja jetzt über zehn Jahre in Berlin, und hab hier ja auch die Schauspielschule besucht, und da war natürlich ein Punkt, dass es um eine Sprache geht, die erst mal neutral ist, die nicht sofort zu verorten ist, und natürlich sagt man dann irgendwann nicht mehr Sackerl beim Supermarkt, sondern man bittet um eine Tüte, damit es dann doch schneller geht. Insofern war das aber sehr schön, nach Hause zu kommen und auch sprachlich, weil natürlich – wenn ich am Naschmarkt stehe, dann bitte ich ums Fleischlaiberl, also unsere Bulette – und hab dann auch gemerkt, das ist einfach genauso da.

Wellinski: Also für "Oktober November" kehren Sie wirklich sprichwörtlich zurück, aber auch im Film zurück. Denn der Film beginnt ja in Berlin. Sie spielen Sonja, eine bekannte und erfolgreiche Schauspielerin, die in Berlin lebt. War vielleicht dieser Zugang – Sie sind ja eine in Berlin lebende erfolgreiche Schauspielerin – deshalb einfacher, in diese Rolle einzudringen?

von Waldstätten: Ja, also, da musste ich jetzt nicht so viel recherchieren, den Alltag einer Schauspielerin. Und dann wiederum, es war – wir haben hier angefangen zu drehen und gerade der Teil war sehr intensiv und auch hart, weil Sonja dann doch sehr alleine ist und sehr mit sich kämpft. Und für mich ist das auch vor allem ein Film übers – ja, übers Erwachsenwerden.

Die Geschichte wird über um Stimmungen und Landschaften erzählt

Wellinski: Sie kommt dann aus Berlin nach dem Herzanfall ihres Vaters nach Österreich, trifft dort auf die Familie, vor allem auf ihre Schwester, und dieses Verhältnis dieser beiden Schwestern prägt ja letztendlich den ganzen Rhythmus dieses Films. Wie würden Sie denn das Verhältnis der beiden beschreiben?

von Waldstätten: Also einerseits habe ich das Gefühl, dass die sich wahnsinnig lieb haben, aber sich schwer tun mit dem anderen. Also Sonja, die sozusagen so vermeintlich glücklich ist, und die so verwurzelte Schwester Verena. Und wenn man genauer hinblickt, ist dem eben nicht so. Und die beiden beneiden einander, eigentlich um das vermeintliche Glück des anderen. Die eine ist zu Hause geblieben, hat sich um den Vater gekümmert, hat eine Familie gegründet. Die andere ist sozusagen in die Welt hinaus und hat dort ihr Glück gesucht. Und dann sehen sie sich nach Jahren wieder.

Wellinski: Deutschlandradio Kultur – wir sprechen mit Nora von Waldstätten. Ihr Film "Oktober November" läuft diesen Donnerstag in den deutschen Kinos an. Wir haben schon ein bisschen über die Arbeit mit Götz Spielmann gesprochen. Das Drehbuch zu diesem Film, das sieht man, wenn man ihn sieht, den Film, muss sehr fein ziseliert gewesen sein, sehr genau ausgearbeitet sein. Wie ist das eigentlich für eine Schauspielerin, wenn es im Drehbuch nicht so sehr über Dialoge, Plotentwicklung geht, sondern eher auch um Stimmungen und Landschaften, die ja dort quasi die dritte Hauptrolle spielen, wenn man so möchte?

von Waldstätten: Es geht schon mal so los, dass Götz jetzt bei dem Projekt gar nicht ein optisch-klassisches Drehbuch geschrieben hat, sondern er hat das eigentlich geschrieben wie einen Roman. Das heißt, normalerweise hat man die Texte hervorgehoben, und genau das wollte er von Anfang an nicht, dem gesprochenen Wort direkt so viel Gewicht zu verleihen, sondern dass, was passiert, vor dem Satz – was für ein Gedanke, was für eine Geste, was für ein Blick. Und insofern war das ein sehr besonderes Drehbuch schon, wo man auch merkt, er hört sehr genau hin. Und es gab eine Regieanweisung, die ganz oft fiel, und das ist sachlich. Dass man eben nicht verkitscht, dass man nicht emotional ausrutscht, sondern dass man wirklich sachlich bleibt und unsentimental und dadurch wirklich so schneidend bleibt. Das war auch wahnsinnig spannend.

"Man hat nicht mehr die Kraft"

Wellinski: "Oktober November" heißt der Film, also aus dem einen Monat wird dann der nächste. Also, es geht im weitesten Sinne um Übergänge. Und wenn man sich den Film wirklich ganz genau ansieht – vielleicht auch mehrmals, weil der Film gewinnt beim nochmaligen Sehen – merkt man, dass jede Figur sich mit dem Tod auseinandersetzen muss. Das geht ja so weit, dass selbst der kleine fragen muss, was ist das, Jenseits, was ist das, Tod? Hat das vielleicht auch die Atmosphäre dieser Dreharbeiten bestimmt, dass man sich dann selbst als Schauspieler damit auseinandersetzen muss?

von Waldstätten: Auf jeden Fall. Auf jeden Fall. Wir haben diese Sequenz, wo der Vater eben im Sterben liegt – ich glaube, das war ungefähr, ja, war fast eine ganz Woche. Und das war sehr mitnehmend und einnehmend, und ich persönlich hab noch niemanden begleitet beim Sterben und hab mich natürlich durch den Film damit auseinandergesetzt, und das war schon sehr bewegend auch eben zu merken, dieses Festhaltenwollen, aber auch zu merken, man hat nicht mehr die Kraft, und Loslassen. Was das mit allen macht. Und was auch bezeichnend war, dass abends umso intensiver gelebt und gelacht wurde und auch der Ausgleich gesucht wurde beziehungsweise es einfach durch das wirkliche Akzeptieren und Integrieren, dass das Leben endlich ist, erhält es ja noch einmal eine ganz andere Intensität, und das ist natürlich auch etwas, was wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen.

Wellinski: Ist denn diese Erfahrung nach diesen Dreharbeiten jetzt in Ihnen, oder können Sie das von sich wegschieben? Oder, anders gefragt, haben Sie Angst vor dem Tod oder haben Sie den jetzt anders für sich verarbeitet?

von Waldstätten: Ich habe mich auf jeden Fall jetzt schon mal damit angefangen damit auseinanderzusetzen, ja.

Wellinski: Nora von Waldstätten, vielen Dank für das Gespräch und für die Zeit!

von Waldstätten: Danke Ihnen!

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