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Vollbild | Beitrag vom 23.04.2016

Filmfestival GoEast in WiesbadenBlick nach Osteuropa

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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MOSCOW, RUSSIA. DECEMBER 26, 2014. Ukrainian film director Oleg Sentsov, detained in Crimea on charges of terrorism, seen in a cage during a hearing into the investigator's request to extend his arrest at Moscow's Lefortovo District Court. Mikhail Pochuyev/TASS (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev/TASS)
Der inhaftierte ukrainische Filmregisseur Oleg Sentsov: Beim GoEast wird auf sein Schicksal aufmerksam gemacht. (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev/TASS)

Das GoEast in Wiesbaden hat begonnen: Zehn Spiel- und sechs Dokumentarfilme aus Osteuropa laufen im Wettbewerb. Eine Veranstaltung war dem Filmemacher Oleg Sentsov gewidmet, der in Russland im Gefängnis sitzt: Das Festival fordert die sofortige Freilassung des Ukrainers.

"Svetlana Sidorkina please tell us, where is Oleg Sentsov now…"

Er sei weit weg von seiner ukrainischen Heimat im ostrussischen Jakutsk in eine Strafkolonie gebracht worden, erklärt die russische Menschenrechtsanwältin Svetlana Sidorkina. Sie ist nach Wiesbaden gekommen und berichtet hier über die Haftbedingungen des ukrainischen Filmemacher Oleg Sentsov. 2014 war er auf der Krim verhaftet und im Februar 2016 in Moskau zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden, ihm wurde die Planung terroristischer Aktionen vorgeworfen. "Free Oleg Sentsov" heißt die Veranstaltung und das Festival fordert die unverzügliche Freilassung des Filmemachers. In den letzten Jahren sei GoEast insgesamt politischer geworden, sagt Festivalleiterin Gabi Babiç:

"Also zu Beginn von GoEast, in der Gründungsphase, da waren wir ja alle noch voller Optimismus, dass der Weg der Demokratisierung und Freiheit und Gleichheit und so weiter, ganz Europas und der Einigungsprozess. Da hatten wir eine positivere Vision und wie wir feststellen müssen, gibt es besorgniserregende Entwicklungen und Tendenzen, nicht nur in Osteuropa, auch in Westeuropa und eben auch global. Ich muss nur ein paar Stichworte aufzählen: vom globalen Terror bis zum Rechtsruck in diversen Staaten, Wahlergebnissen in Deutschland, den Umgang bestimmter Staaten mit Minderheiten. Das sind ja alles Dinge, die passieren, ohne dass wir aus eigenem Antrieb sagen, wir wollen ein politischeres Festival machen."

Projekte für den Nachwuchs

In zwei Nachwuchsprojekten vermittelt das Festival politisch sensibles Filmemachen: In "Young filmmakers for peace" setzen sich gestandene Regisseure und 14 junge Filmemacher und Studenten mit der filmischen Darstellung des Krieges auseinander. Eine von ihnen, Lisa Oliinyk, kommt aus der Ukraine und arbeitet an ihrem Dokumentarfilmdebüt über die Kriegsflüchtlinge in ihrer Heimat. In Wiesbaden erhofft sie Anregungen und Austausch:

"Also mein Projekt ist nur in der Entwicklungsphase, das ist mein erster Dokumentarfilm. Aber es gibt schon einige sehr erfahrene Filmemacherinnen und Filmemacher, die schon ihren zweiten oder dritten Film machen. Es war für mich sehr interessant, zu verstehen, Fragen zu stellen, wie sie zu der Idee gekommen sind, wie sie filmen, die Art und Weise, wie man über den Krieg Filme drehen kann, wo nicht besonders Krieg als Krieg vorkommt, sondern die Leute, die von Krieg belastet waren, die Trauma haben. Wie man diese Leute porträtieren kann."

Auch das zweite Projekt mit dem Titel "Oppose othering!" hinterfragt gängige Klischees und Stereotypen im Film. Zehn Regietandems analysieren gemeinsam mit Filmemachern und Filmwissenschaftlern Ausgrenzungen und Diskriminierungen im Film, rassistische oder sexistische Darstellungsformen. Parallel dazu entwickeln sie eigene Filmprojekte, die sie am Ende des Festivals präsentieren.

Für die Filmwissenschaftlerin Susanne Kapesser geht es bei dem Projekt nicht um die Entwicklung einer restriktiven politisch korrekten Filmsprache, sondern um mehr Kreativität beim Umgang mit Rollenbildern und scheinbar wohlwollenden, aber doch zutiefst paternalistischen Perspektiven:

"Und das Wichtige ist auch, dass man mit diesen Klischees spielt und damit bricht um klarzumachen: Es gibt mehr als das. Aber klar, Filme leben davon, solche Klischees aufzugreifen, aber die guten Filme hinterfragen solche Klischees und gute Filme brechen mit solchen Klischees und zeigen einfach mehr als das."

Krimis als Gegenstand der Filmwissenschaft

Eine besondere Aufmerksamkeit widmet das Festival seit seiner Gründung der Filmgeschichte: Dieses Jahr präsentiert das Symposium "Die im Schatten: Verbrechen und andere Alltäglichkeiten im mittel- und osteuropäischen Kriminalfilm ab 1945" zwölf Kriminalfilme aus Mittel- und Osteuropa. Begleitet werden sie von wissenschaftlichen Vorträgen.

Das Thema fand in Wissenschaft und Kritik bislang nur wenig Beachtung, obgleich der Krimi in Osteuropa extrem beliebt war und ist, sagt der Kurator der Reihe Olaf Möller:

"Das ist glaube ich etwas, wo man sich hier wirklich keine Vorstellung von macht, wie viel gedreht wurde. Es ist ein gigantisches Feld und es ist ein Feld, dass die Beschäftigung sehr, sehr, sehr nachhaltig lohnt. Ich glaube auch, dass man letztendlich aus diesen Filmen mehr über die Länder des ehemaligen Ostblocks, was man so zusammen schmeißt etwas dümmlich rüde, dass man aus diesen Filmen mehr über diese Länder erfährt, als aus fast allem anderen, was es so an Spielfilmen gibt."

Filmnachwuchs und Filmgeschichte, die mondäne luxuriöse Gründerzeitarchitektur der Kurstadt und der oft düstere soziale Hintergrund der meisten hier gezeigten osteuropäischen Filme: Der besondere Charme des Go East Festival in Wiesbaden liegt in seinen Kontrasten und Gegensätzen, die sich hier immer wieder auf überraschende Weise ergänzen.

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